Ein Lautsprecher will die erste Geige spielen

Thema: Martin Schulz greift nach dem Amt des EU-Kommissionspräsidenten

„Herr Schulz, ich weiß, dass es in Italien einen Produzenten gibt, der einen Film über Nazi-Konzentrationslager dreht. Ich werde Sie für die Rolle des Kapo empfehlen“: Mit dieser verbalen Entgleisung machte Italiens damaliger Regierungschef Silvio Berlusconi den EU-Abgeordneten Martin Schulz im Jahr 2003 schlagartig berühmt. Seitdem ist viel passiert.

Sex-Affären und zahlreiche Verfolgungen durch die Justiz haben Berlusconi schwer zugesetzt. 2013 wurde der Medienmogul – mit freundlicher Unterstützung seiner Parteigenossen – vom Senatshof gejagt. Aktuell muss der klein gewachsene Multimilliardär wegen Steuerbetrugs Sozialstunden in einem Seniorenheim leisten. Die politische Karriere des „Cavaliere“, sie ist – diplomatisch formuliert – ins Stocken geraten.

Den Gegenentwurf liefert Schulz: Der Capo-Eklat beförderte den Rheinländer über Nacht ins mediale Scheinwerferlicht, aus dem er bis heute nicht mehr herausgetreten ist. 2004 machten ihn die europäischen Sozialdemokraten (SPE) zu ihrem Fraktionsvorsitzenden, 2012 stieg er zum Präsidenten des Europaparlaments auf. Doch damit will sich Schulz noch nicht zufriedengeben. Er möchte EU-Kommissionspräsident werden. Höher kann ein Politiker im Europakonstrukt die Karriereleiter nicht hinaufklettern. Für einen „einfachen Jungen vom Lande“, wie er sich selber nennt, wäre dies der Ritterschlag. Aus einer eindrucksvollen würde somit auch eine herausragende Laufbahn.

Überraschend kam seine Kandidatur für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten nicht. Schulz ist ein extrem ehrgeiziger Mensch – und kennt den Brüsseler Verwaltungsapparat wie kaum ein anderer EU-Abgeordneter. Seit 20 Jahren mischt er dort mit. Nicht immer an vorderster Front, dafür selten leise. Wenn Schulz deutliche Worte findet – und das tut er häufig -, dann bleibt das dem Kreis der Staats- und Regierungschefs nicht verborgen. Was er sagt, hat Gewicht. Und künftig will er nicht nur für kritische Töne sorgen, sondern selber im Konzert der Großen mitspielen.

„Wir müssen die EU vom Kopf auf die Füße stellen“, lautet häufig die Kampfansage des 58-Jährigen in diesen Tagen. Er meint einen Mentalitätswandel, eine Besinnung Europas auf die großen, wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit. Das hört sich gut an – und würde wohl auch Jean-Claude Juncker, der Spitzenkandidat der Konservativen, so unterschreiben. Wer von beiden den besseren Kommissionspräsidenten abgeben würde? Unvorhersehbar. Zu ähnlich sind ihre Positionen, zu harmonisch verlaufen ihre öffentlichen Duelle.

Um Inhalte dürfte es letztendlich ohnehin nicht gehen: Die Entscheidung, wer künftig in der Brüsseler Zentrale das Sagen hat, wird nicht von den Bürgern am 25.Mai gefällt. Diese treffen im Anschluss die Staats- und Regierungschef einzig und allein. Das widerspricht zwar jedem Demokratieverständnis, ist im EU-Vertrag aber so vorgesehen. Typisch für das derzeitige Europa eben. Und weder Schulz noch Juncker dürfen sich ihrer Sache zu sicher sein.