„Achtelfinale, und danach ist alles möglich“

Fußball-Nationaltrainer Marc Wilmots über die Chancen der Roten Teufel bei der WM, seine Sorge über mangelnde Einsatzzeiten der belgischen Auslandsprofis und das desolate Niveau der 1. Division.

Von Boris Cremer

Herr Wilmots, die wichtigste Frage gleich zu Beginn: Wie weit kommt Belgien bei der WM im nächsten Jahr?

Was ist das denn für eine Frage… das kann ich unmöglich beantworten.

Dann fragen wir anders: Wie lautet das Minimalziel der Roten Teufel?

Der Anspruch ist immer, so weit wie möglich zu kommen. Wir wollen mindestens das Achtelfinale erreichen. Es gilt, die Vorrunde zu überstehen. Danach ist alles möglich, dann fängt ein ganz neues Turnier an.

Am 6. Dezember werden die Gruppen ausgelost. Haben Sie Wunsch- oder Angstgegner?

Ganz egal. Es gibt ohnehin bei einer WM keine einfachen Gegner. Entscheidend wird die Vorbereitung sein. Wir müssen mental stark und körperlich fit in die WM gehen.

Sie haben bereits ihr Quartier für die WM ausgewählt, einen Hotelkomplex in der Nähe von Sao Paulo. Andere Teilnehmer warten die Auslosung ab, ehe sie sich für ein Quartier entscheiden.

Ich habe mir das deutsche Quartier vor Ort angeschaut, das liegt auch in der Nähe von Sao Paulo. Brasilien ist ein riesiges Land, und da muss man eh weit reisen, egal wo man sein Quartier bezieht. Sao Paulo ist in meinen Augen perfekt. Es ist dort nicht zu warm und nicht zu kalt. Unser Hotel liegt 45 Minuten vom Flughafen entfernt, perfekt! Ich war vom Paradise Resort in Mogi das Cruzes, wo wir untergebracht sein werden, auf Anhieb sehr angetan. Nach der Auslosung werden wir noch einmal dorthin reisen, um die Details zu besprechen.

Sie haben das Klima bereits angesprochen. Werden die Temperaturschwankungen die größte Herausforderung bei der WM?

Naja, das war doch schon oft so. Ich erinnere mich noch an die WM 1998 in Frankreich. Wir haben unser erstes Spiel gegen die Niederlande (0:0, A.d.R.) in Paris bei 10 Grad und Regen bestritten. Eine Woche später spielten wir dann in Bordeaux gegen Mexiko (2:2) bei 46 Grad! Viel schlimmer wird es in Brasilien wohl kaum werden.

Kann man sich auf solche Wetterumschwünge vorbereiten?

Nein, überhaupt nicht.

Wo sehen Sie für die belgische Nationalmannschaft bis zum Beginn der WM den größten Handlungsbedarf?

Das Entscheidende ist: Jeder Spieler muss in seinem Klub Stammspieler werden. Kondition lässt sich nicht innerhalb von vier Wochen vor der WM aufbauen, die Spielpraxis muss einfach vorhanden sein. Das ist ein Problem, das bereits zuletzt in den Testspielen gegen Kolumbien und Japan offenkundig geworden ist. Gegen die Kolumbianer haben wir in der ersten Halbzeit super gespielt, danach aber stark abgebaut, wegen konditioneller Mängel. Das war für mich keine Überraschung, das habe ich kommen sehen. Sich ab und zu die Spielpraxis in der Nationalelf zu holen, ist möglich, aber bei einer WM geht das nicht.

In den beiden letzten Länderspielen, die Sie gegen Kolumbien und Japan verloren haben, waren vereinzelt sogar Pfiffe zu hören. Sind die belgischen Fans schon zu verwöhnt?

Früher ist doch viel mehr gepfiffen worden… Wir haben eine perfekte Quali hinter uns, und sind auf Platz fünf der Weltrangliste geklettert. Dass es, nach unseren super Spielen im September und Oktober, zuletzt nicht mehr so gut geklappt hat, war aufgrund der schwindenden Einsatzzeiten vieler Spieler in ihren Vereinen leider abzusehen. Aber die Qualität der Mannschaft und unser System stimmen.

Welche Erkenntnisse haben Sie denn aus den Niederlagen gewonnen?

Zuerst einmal möchte ich sagen, dass wir uns bewusst für diese starken Gegner entschieden haben. Natürlich hätten wir auch gegen Kasachstan und Luxemburg spielen können. Dann hätten wir zwei Mal gewonnen. Wäre das gut gewesen? Nein! Ich habe gegen Kolumbien und Japan festgestellt, dass das System, das wir in der Quali erfolgreich praktiziert haben, einfach das beste ist. Zur Erwartungshaltung des Publikums: Dass die Fans nach zwölf Jahren Durststrecke ohne großes Turnier glücklich sind, ist doch klar. Und sie dürfen auch gerne träumen, aber ich bleibe Realist.

Haben ein paar Nationalspieler im vergangenen Sommer mit ihren Transfers die falsche Entscheidung getroffen? Sie selber haben gesagt, jeder Spieler solle mit Blick auf die WM sehr genau überlegen, wohin er wechselt.

Ich würde nie von einer falschen Entscheidung sprechen, schließlich ermutige ich meine Spieler, ambitioniert zu sein. Aber klar: Wer zu einem starken Verein geht, hat es schwer, einen Stammplatz zu erkämpfen. Wenn nun ein Nationalspieler bei einem Klub wie Chelsea oder Manchester United sechs von zehn Spielen macht, reicht mir das schon. Das ist sogar gut, dann sind sie nicht zu müde. Aber wenn es dann letztlich nur zwei von zehn Spielen sind, ist das zu wenig. Ein Dembélé sitzt jetzt auf der Bank, nachdem er letzte Saison Stammspieler war, Chadli hängt verletzungsbedingt auch hinten dran. Das müssen wir beobachten, aber diese Spieler haben schon viel für Belgien geleistet.

Auch Kevin De Bruyne (Chelsea) und Toby Alderweireld (Atlético Madrid) haben keinen Stammplatz. Bereitet Ihnen das Kopfschmerzen?

Nein, es sind ja noch sieben Monate bis zur WM. Da kann noch viel passieren. Aber ich habe meinen Spielern klargemacht, dass Dezember und Januar ganz wichtige Monate für sie werden. Im Winter werden die Weichen gestellt. Für einen Kevin De Bruyne ist diese Situation sehr unbefriedigend, aber ich sage es noch einmal: Wenn ein Spieler vor einer WM drei Monate kaum spielt, kommt er für die Nationalmannschaft nicht infrage.

Es heißt, Sie hätten Ihre Kontakte zum FC Schalke 04 spielen lassen, um De Bruyne im Winter nach Gelsenkirchen zu lotsen.

Absoluter Blödsinn! Auf die Frage, was ich davon halten würde, wenn Kevin nach Schalke wechselt, sage ich: Das wäre eine gute Lösung. Ich kann über Schalke nur Gutes berichten. Aber ich habe niemals Kevin gesagt, er solle dahin gehen. Das ist ein großer Unterschied. Es ist nicht meine Aufgabe, Nationalspieler bei Vereinen unterzubringen.

Ihr Vertrag als Nationaltrainer läuft bis zur WM. Könnten Sie sich vorstellen, ohne neues Arbeitspapier in das Turnier zu gehen?

Alles ist offen. Ich bin keiner, der einem Vertrag hinterherrennt. Für mich ist wichtiger, welche Vision der Verband hat und wie das langfristige Projekt Nationalmannschaft aussieht. Ich will die Weichen für eine vielversprechende Zukunft des belgischen Fußballs stellen. Zu einem solchen Projekt gehören neben der A-Nationalelf auch die Nachwuchsteams, allen voran die U21 und die U19. In diesem Bereich müssen wir viel professioneller arbeiten. In dieser Hinsicht bin ich ein bisschen deutsch: professionell und perfektionistisch. Deshalb muss für mich klar sein, wie die Struktur und wie die Finanzierung der Nationalmannschaften in den kommenden vier Jahren aussehen. Sonst macht es keinen Spaß, und ohne Spaß mache ich es nicht.

Aber es hat sich doch schon viel verbessert. Früher kamen die Profis von ihren Profi-Vereinen, wo für alles gesorgt war, zur Nationalmannschaft, wo es richtig dilettantisch zuging.

Das ist heute zum Glück anders. Bei der A-Nationalmannschaft sind wir inzwischen so gut aufgestellt wie Schalke oder Dortmund, top-professionell! Bei der U21 sieht das aber schon ganz anders aus.

Es geht ihnen also darum, den Unterboden dafür zu schaffen, dass es jetzt nicht bei einer „goldenen Generation“ bleibt.

Genau. Wir wollen nie wieder ein Loch von zehn Jahren haben. Dazu brauchen wir im Nachwuchsbereich top Leute, richtige Profis.

Hatten Sie eigentlich das Ziel, einmal Nationaltrainer zu werden?

Nein, gar nicht. Als Dick Advocaat Nationaltrainer wurde, hat er mir den Job als Assistent angeboten. Ich wollte nach 18 Jahren als Profi eigentlich mehr Zeit für meine Familie haben. Aber zwischen Advocaat und mir hat sofort die Chemie gestimmt. Ich habe dann mit meiner Frau und meinen Söhnen über Advocaats Angebot gesprochen, und sie haben mich ermuntert, es anzunehmen.

Und dann ging erst Dick Advocaat weg (nach Sankt Petersburg) und dann auch noch sein Nachfolger Georges Leekens (nach Club Brügge)…

…und plötzlich stand diese verheißungsvolle Nationalmannschaft ohne Trainer da. Zwei Länderspiele standen vor der Tür, und keiner wusste, wie es weiter gehen sollte. Ich habe mich dann bereit erklärt, das Ruder zu übernehmen. Aber das war nie geplant.

Sie stellen es jetzt so dar, als seien Sie uneigennützig in die Bresche gesprungen. Aber es war doch auf der anderen Seite für Sie eine Riesenchance.

Habe ich das Amt eingefordert? Nein. Wollte ich es haben? Nein. Aber ich liebe meine Nationalmannschaft. Und es freut mich zu sehen, dass die Spieler sich wieder voll mit der Nationalmannschaft identifizieren und dass die Fans zusammen beim Public Viewing feiern. Darauf sind wir stolz, aber das habe ich nicht für meine eigene Karriere gemacht.

Die belgische Liga bleibt ein Sorgenkind. Der Niveauabfall ist dramatisch. Die Lücke zwischen der Qualität der Nationalmannschaft und dem Spielniveau der 1. Division war noch nie so groß wie heute.

In der Tat. Für einen Spieler der 1. Division ist es im Moment kaum möglich, den Sprung in die Nationalmannschaft zu schaffen. Schauen Sie sich nur die Ergebnisse der belgischen Teams im Europapokal an, dann wissen Sie genug. Die Playoffs sind eine Katastrophe! Da wird sieben Monate lang für nichts gespielt. Und danach wird in zehn Spieltagen die Meisterschaft entschieden. Wer behauptet, dass so das Niveau gehoben werden kann, ist blind oder lügt. Die Playoffs sind nur eingeführt worden, um den Fernsehsendern zu gefallen. Da ging es nur ums Geld. Die Frage lautet jetzt: Wie können wir die Liga wieder international konkurrenzfähig machen, sodass die Topklubs zumindest im Europapokal überwintern?

Und wie lautet Ihre Antwort?

Keine Ahnung, ich bin Nationaltrainer.

Der RSC Anderlecht hat mit Tielemans und Praet vielversprechende Talente in seinen Reihen. Müssen solche Spieler so schnell wie möglich ins Ausland wechseln?

Der belgische Fußball ist gut, um zwei, drei Jahre als Spieler zu reifen und den Sprung ins Ausland vorzubereiten. Belgische Spieler sind in Europa gefragt – weil sie Qualität besitzen, aber auch, weil sie sich schnell und gut integrieren. Aber man sollte nicht zu jung ins Ausland wechseln. Wichtig ist, dass die Spieler einen Karriereplan haben. Christian Benteke ist ein super Beispiel. Sein Transfer zu Aston Villa war absolut perfekt für seine Entwicklung. Aber leider haben viele Spieler einen Manager, der nur das schnelle Geld sieht.

Einen Vorteil hat die Diaspora belgischer Talente: Die Rivalität zwischen Flamen und Frankophonen in der Nationalelf gibt es nicht mehr.

Stimmt. Das hatte aber damals weniger mit Sprachgruppen als mit den verfeindeten Vereinen zu tun. Bis vor zehn Jahren war es so, dass ein Spieler von Club Brügge, wenn er mit der Nationalmannschaft in Anderlecht auflief, gnadenlos ausgepfiffen wurde. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Verfolgen Sie die Karriere von Christian Brüls aus Amel, der seit dieser Saison für OGC Nizza in der französischen Ligue 1 spielt?

Ja, ich habe ihn auf dem Schirm. Bei Gent hatte er ja nicht mehr gespielt, und der Transfer nach Nizza war für ihn eine positive Sache. Er hat schon einige gute Spiele für Nizza gemacht. Aber die Saison ist erst drei Monate alt. Außerdem ist auf seiner Position hinter den Spitzen die Konkurrenz in der Nationalmannschaft unglaublich groß. Da stehen bestimmt acht Spieler vor ihm, die sich schon bei Spitzenvereinen bewährt haben. Aber für Brüls gilt – wie für alle anderen: Wir haben überall Augen.

Auch auf das Aspire Projekt der AS Eupen?

Damit habe ich mich ehrlich gesagt noch nicht beschäftigt. Aber Vereine wie Eupen können in der 2. Division dauerhaft nicht überleben. Und das ist ein Problem. Das hat viel mit Identifikation und Fankultur, aber auch mit Professionalität zu tun. Deutschland ist hier das Vorbild. Dort wurde das Niveau von der ersten bis zur dritten Liga durch mehr Professionalismus nach und nach gesteigert. In Belgien ist die Entwicklung umgekehrt. Wie viele Zuschauer hat die AS Eupen denn im Schnitt? 4.000, 5.000?

Nein, knapp 2.000…

Okay, in Tienen sind es sogar nur 500. Wie kann man mit einem solchen Zuschauerschnitt einen Profiverein entwickeln? Klubs wie Antwerpen oder Mecheln haben im Schnitt zwischen 8.000 und 10.000 Zuschauer. Das ist das absolute Minimum! Diesen Vereinen müssen wir helfen, und die anderen können den Weg eben nicht mitgehen.

Auszüge aus dem Interview mit Marc Wilmots im Video auf www.grenzecho.net


Wilmots im Gespräch mit den GrenzEcho-Redakteuren Thomas Evers (M.) und Boris Cremer.