66 und kein bisschen leise

Udo Lindenberg: „Ich möchte nicht gemütlich die Füße hoch legen und mich auf meinen Lorbeeren ausruhen. Ich bleibe ein neugieriger Entdecker, immer auf dem Sprung.“

Udo Lindenberg ist selbsternannter Exzessor und Panikrocker aus Passion. Hinter ihm liegt die erfolgreichste Tournee seiner Karriere. Grund genug, die CD/DVD „Ich mach mein Ding – Die Show“ zu veröffentlichen.

Von Olaf Neumann

Beim Interview im Hamburger Atlantic Hotel sah Grenz-Echo-Mitarbeiter Olaf Neumann eigentlich nur den typischen Udo-Mund, die auffällige Sonnenbrille und den obligatorischen Hut, unter dessen Rand eine qualmende Zigarre hervor lugte. Vernuschelte Antworten auf Fragen zum Älterwerden, zu Saufereien und Exzessen und zu den Anfängen des Deutschrock.

Herr Lindenberg, in dem aktuellen Fotoband „Udo Lindenberg – Ich mach mein Ding“ mit Bildern von Ihrer Lebensgefährtin Tine Acke heißt es, Alter stehe für Radikalität und Meisterschaft. Was verstehen Sie unter Radikalität?

Radikale Shows, radikale Texte. Obwohl – das war bei mir früher auch schon so. Es war also eine Vorahnung meines irdischen Alters. Eigentlich bin ich ja ein ET, deswegen zählt das irdische Alter bei mir nicht so sehr. Es ist nur eine Zahl von der Firma Scheißegal. ETs sind Wesen, die kommen von irgendeinem Kometen und rutschen dann ab über Gronau oder anderswo. Krachen da runter aufs Doppelkornfeld. Die Geschichtsschreiber hatten frei an dem Tag. Und später mal wird im Weltall weitergesungen. Hähäha. Aber bei meiner Fitness habe ich hier noch eine ziemlich lange Zeit. Mein Doktor gibt mir mindestens noch 30 Jahre.

Wie halten Sie sich fit?

Mit schwimmen. Jeden Tag zwei Kilometer in Hotelpools – unter Wasser mit Gummihut. Ein guter Körper ist wichtig für die Tourneen. Das Publikum zahlt fetten Eintritt und hat ein Recht auf einen fitten Sänger und eine super fitte Band.

Haben Sie heute noch höhere Ansprüche an sich selbst?

Früher dachte ich immer, im Alter wird man ein bisschen schlapper. So wie man es von früheren Generationen kannte: mit 70, 80 war man uralt. Aber die Vertreter der ersten Rock’n’Roll-Generation, zu der Mick Jagger, Rod Stewart oder ich gehören, bleiben einfach so wie sie sind. Sie kriegen einen Charakterkopf mit edlen Falten, ansonsten macht Rock’n’Roll den Menschen zeitlos. Ich möchte nicht gemütlich die Füße hoch legen und mich auf meinen Lorbeeren ausruhen. Ich bleibe ein neugieriger Entdecker, immer auf dem Sprung. Eine Tournee ist immer ein Abenteuer. Man weiß nie genau, wie es alles wird.

Ihre letztjährige Tournee wurde überraschend zur erfolgreichsten Ihrer Karriere. Eine Versöhnung des Sängers mit seinem Werk, behauptet Ihr Freund Benjamin von Stuckrad-Barre. Hat er recht?

Ja, ja, das stimmt auch. Tausendmal „Sonderzug nach Pankow“ oder „Rudi Ratlos“ zu trällern ist wie Hossa Hossa. Aber jetzt, wo wir so viele geile neue Songs haben, die übrigens genau solche Hits sind, fühle ich mich wieder frei.

Im Laufe der Proben und der Tour mussten Sie Ihren Nietengürtel immer enger schnallen. Hat Sie dieses Projekt besonders viel Kraft gekostet?

Konditionell würde ich das jedes Jahr machen können, psychisch weiß ich nicht. Ich glaube, wenn man monatelang unterwegs ist, stellt sich vielleicht doch Routine ein. Diese Tour hingegen hat sich jungfräulich angefühlt. Vieles lebt von der Flirterei mit dem Publikum. Ich kann die feuchten Augen und die weit aufgeklappten Seelen sehen. Das ist schon toll. Nach der Show gehe ich ins Hotel und krache erschöpft in die Pofe wie nach einem Boxkampf. Aber es kreiselt im Kopf weiter.

Für viele Künstler ist die Bühne eine Therapie. Auch für Sie?

Eine Therapie ist die Bühne für mich nicht, aber mein Zuhause (klopft auf Holz). Diese Bretter bedeuten einen großen Teil meiner Welt. Das Publikum gibt mir viel Liebe und Energie. Ich teile die Geschichten meiner Songs mit vielen Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Wir gehen jetzt ja schon 40 Jahre gemeinsam durch die Zeiten mit allen Ups and Downs sowohl privat als auch politisch. Von der Friedensbewegung bis zum Wegkriegen der Mauer. Sonst hätte ich ja meine heutigen Freunde von Silbermond, Rammstein, Silly und Clueso nie persönlich kennenlernen können. Durch die Maueröffnung hat sich mein künstlerisches Spektrum sehr erweitert.

Ist die „Bunte Republik Deutschland“, die Sie sich immer gewünscht haben, tatsächlich wahr geworden?

Es geht immer mehr in eine ganz gute Richtung. Wichtig ist, dass man sich keine Illusionen macht wie der Bürgermeister von Neukölln in seinem neuen Buch. Die Integration ist noch lange nicht abgeschlossen, gegen Misstrauen und Ressentiments muss noch viel getan werden. Wichtig ist, neugierig aufeinander zuzugehen und zusammenzufinden unter Beibehaltung der nationalen Identitäten. Als Beispiel führe ich immer den Schmelztiegel New York an. Aber bei uns geht es sozial viel fairer zu. Meine Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass wir hier ziemlich weit sind mit einer toleranten Gesellschaft.

Welche Beziehung haben Sie zu Amerika?

New York ist für mich auch eine Art Zuhause. Ich muss auch dort Autogramme geben, obwohl die manchmal gar nicht wissen, wer ich bin. „Oh, you must be Bono!“ Früher, als ich ein bisschen runder war und einen leichten Schwellkopf hatte wegen der Sauferei, war ich immer Ozzy Osbourne.

Die neue Live-DVD erhebt den Anspruch, die Rock’n‘Roll-Welt abzubilden. Was unterscheidet Ihre Welt von der des Films und des Theaters?

Film ist eigentlich genau das gleiche, nur mit anderen Mitteln. Rock’n’Roll wirkt direkter, weil er live passiert. Auf einer Bühne kriegt man die Stimmung, die Harmonie und den Kommunikationsfluss direkt mit. Hannes Rossacher hat letztes Jahr diesen Roadmovie über unsere Tournee gedreht, Deutschland im März. Der Film zeigte, wie tiefenentspannt und demokratisch es bei uns hinter der Bühne zugeht. Jeder bis hin zum Koch konnte sich bei dieser Tournee mit eigenen Ideen einbringen. Kein Palaver, keine Schreierei, kein Mobbing, nix. Den Chef raushängen lassen liegt mir nicht.

Sie sprechen von einer neuen Panik-Epoche. Was ist heute anders als früher?

Der Erfolg ist heute größer. Ich muss mich dauernd kneifen, weil ich denke, spukt es hier oder ist es wirklich wahr. Nach 40 Jahren in der Branche kriege ich plötzlich solch einen gigantischen Erfolg an den Hut geknallt. Allein in Köln waren 54.000 Leute in unserer Show. Im Moment brechen wir einen Rekord nach dem anderen. Dass wir das mit neuen Songs und neuen Leuten auf der Bühne hinkriegen, ist einmalig. Wir haben ein ganz junges Publikum, Kinder schreiben uns Briefe.

Es gibt im Musikgeschäft zahlreiche Workaholics, die aus ihrer Tretmühle einfach nicht raus können oder wollen. Macht Erfolg arbeitssüchtig?

Würde ich sagen. Ich mache ja die Richtlinienpolitik für die ganze Mannschaft. Ich denke darüber nach, in welche Richtung der Panik-Sonderzug weiter fährt. Über neue Erscheinungsformen für die ganze Panik-Apparatur zu Luft, zu Lande und zu Wasser. Das erfordert ein 24-stündiges Am-Ball-Sein. Man träumt ja auch davon. Aber ich versuche auch mal abzuschalten, was nicht immer gelingt. Nach der ganzen schweren Maloche unternehme ich gern Reisen mit meiner kleinen Gang. Wir fahren zwischen Amazonas und Südsee in der ganzen Welt rum.

Waren für Sie die Tode von Michael Jackson, Amy Winehouse oder Whitney Houston eine Überraschung?

Bei manchen Kollegen, die seit Jahrzehnten dabei sind, ist es tragisch zu sehen, wie sie aus diesem Hamsterrad nicht mehr raus finden und immer nur getrieben von Karrieredruck wirken. Ich aber sage, wenn es mal ein bisschen runtergeht, ist es auch nicht weiter schlimm. Eine Karriere ist wie eine Achterbahnfahrt: Sie geht schwindelerregend hoch und abgrundtief runter. Auf die Schnauze zu fliegen ist ganz normal, man darf nur nicht liegen bleiben. Ich hatte auch meine Sinnkrisen, meine Saufereien und Exzesse unterm Tresen. Aber jetzt geht es weiter mit richtig neuen Sachen. Ich kriege das hin, weil der Rock’n’Roll mein Lebensstil ist.

Wie haben Sie die Verbindung zu sich selbst wieder gefunden?

Früher war ich ein Teenie-Idol mit Bravo-Starschnitt. Dann wurde ich 50 und musste mir überlegen, wie ich den Switch rüber zum Rock-Chansonnier kriege. Sowas gab es vorher noch gar nicht. Ich bin der erste Rock-Chansonnier, den es in Deutschland gibt, der sich politisch einmischt und Stories erzählt, mit denen sich Kinder, Frauen, Männer und heiße Greise identifizieren können.

Und wie haben Sie den Alkohol besiegt?

Aus der Sauferei muss man über die eigene Entscheidung raus. Ich hatte mir die Frage gestellt, was mir dieser Verzicht an Power und Unternehmungslust bringt. Ohne die Sauferei könnte ich durch die Wildnis rattern ohne Angst zu haben, die nächste Kneipe und den nächsten Notarzt nicht zu finden. Ohne Drogen gewinnst du an Freiheit.

Was ist heute Ihre Droge?

Manchmal trinke ich noch Alkohol. Nicht, um mich zuzuziehen, sondern um der Erkenntnis und Erleuchtung willen. Es hilft manchmal, ganz neue Dimensionen zu eröffnen, aber man muss sich körperlich fit halten. Sauferei nach der Mengenlehre habe ich gezielt abgeschafft, dafür es gibt andere fernöstliche Sachen, über die ich hier im öffentlich-rechtlichen Leben nicht sprechen kann, weil ich im smarten Umgang mit den Drogen noch ein junger Student bin.

Als junger Künstler haben Sie 1971 den Deutschrock erfunden. Vor Ihnen gab es eigentlich nur englischsprachige Rockmusik. Wie haben Sie zu Ihrem Stil gefunden?

Das ging 1968 los mit meinen Tagebüchern: deutsche Texte über Liebe und Tod, Saufen, Drogen und Trallalla. Das ganze Leben halt. Aber wie konnte ich die singen? Es waren keine politischen Aufrufe wie bei Ton Steine Scherben, was auch wichtig war für die Hausbesetzerszene und die Straßenkämpfer. Die Frage war, wie kann ich mein Ding reinbringen in einen Rock, der mit der englischen Sprache total verflochten ist. Aber wir haben so eine geile eigene Sprache, wir haben Hesse, Heine, Mann, Rilke und Goethe. Deren Sprache wurde von den Nazis mit einer Axt brutal rausgehauen. Ich wollte sie wiederentdecken, und zwar nicht nur für einen elitären Kreis, sondern für die populäre Kultur. Das wollten auch Rio Reiser und Ihre Kinder. Deren Manager Jonas Porst vertrat anfangs die Meinung, Rockmusik und die deutsche Sprache würden nicht zusammen passen. Ich antwortete ihm: „Einer von uns kriegt’s hin!“ und hoffte, mir würde keiner zuvorkommen.

Wie hat man anfangs auf Ihre deutschsprachige Rockmusik reagiert?

Sowohl euphorisch als auch ablehnend. Die ganze Schlager-Lobby war dagegen. Aber 1973 mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ war ich akzeptiert. Und heute – 40 Jahre später – haben wir die größten Erfolge. Das ist für mich eine Offenbarung. Jedes Mal, wenn ich in dieses geile Buch – mein neues Panik-Evangelium – reingucke, kommt der ganze Flash wieder hoch wie ein Aufschrei: „Es geht weiter!“

Was steht eigentlich in Ihren Stasi-Akten?

Zum Beispiel, dass sie mal einen Spitzel hier in Hamburg auf mich angesetzt hatten. Ich glaube, es war der gleiche DDR-Radiojournalist, der auch Peter Maffay ausspioniert hat. Es ist tragikomisch, wenn man sich überlegt, wie viel Energie die DDR reingeballert hat, um ihre Leute zu diffamieren bis hin zu Folter im Knast. Wenn ich schon damals gewusst hätte, welche Verbrechen die Stasi begangen hat, wäre mein Ton gegenüber Honecker ein bisschen härter ausgefallen. Aber vieles habe ich erst nach dem Fall der Mauer erfahren.

Sie haben sich ein Penthouse in Berlin gekauft. Geben Sie dafür Ihren Sitz im Atlantic Hotel in Hamburg auf?

Nee, ich lebe in Hamburg und in Berlin. Berlin natürlich auch wegen des Musicals. Ich habe jetzt zwei Familien. Das Penthouse am Potsdamer Platz habe ich mir zum Chillen, für Partys und für die ganz intimen Geheimrats-Talks angeschafft. Nicht zum Wohnen, ich bin ja seit 30 Jahren Hotel-Indianer.

Udo Lindenberg – „Ich mach mein Ding – Die Show (CD/DVD/Blu-Ray, Warner)

VÖ: 29.3.