Nachtnotizen: Onkel Hermann, letzter Akt

Kolumne

30 Jahre sind eine faire Distanz, um sich an eine Affäre zu erinnern, die damals Ostbelgien in fatale Schlagzeilen rückte.

Von Freddy Derwahl, freier Schriftsteller

Nach Hinweisen des Grenz-Echo-Mitarbeiters Kurt Grünebaum wurde stückchenweise bekannt, dass eine deutsche Hermann-Niermann-Stiftung heimlich Kontakte mit der PDB und mit im Schatten operierenden Kreisen pflegte. Inoffiziell wurden, an den legalen Wegen vorbei, Fördergelder verteilt. Das Umfeld der Stiftung war zweifelhaft. Sie hatte in Südtirol, im Baskenland und Elsass alles unterstützt, was in diesen sensiblen Grenzgebieten nach Agitation gegen den „Besatzer-Staat“ roch. Das System Norbert Burger, der in Italien als „Bombenleger“ und intern als „Befreiungskämpfer“ galt, und heimlich in Eupen empfangen wurde, schreckte auf. Die belgische Presse berichtete auf Seite eins, später folgten „Der Spiegel“, „Die Zeit“, die ARD und „Le Monde“.

Bald tobte in der Stiftung ein Machtkampf: ältere Herren mit bedenklicher Vergangenheit gegen Sozialdemokraten mit offenen Händen. In der PDB traten Spitzenpolitiker zurück, das Vertrauen ihrer Wähler war erschüttert. Monatelang tagt ein Untersuchungs-Ausschuss. Ministerpräsident Joseph Maraite empfahl, die Geschenke von „Onkel Hermann“ zu verweigern. Der Deutsche Bundestag horchte auf. Erst sehr spät bedauerte der Innenminister von NRW sein Schweigen.

Die wichtigste Folge: In Ostbelgien gibt es definitiv keine Deutschtümelei mehr. Rückblickend kann man sagen, dass die Niermann-Affäre eine historische Zäsur in der Geschichte der deutschsprachigen Belgier darstellt. Dies bedeutet das Ende einer Auseinandersetzung, die nach dem Versailler Vertrag 1920 begonnen und die Bevölkerung schmerzlich gespalten hatte.

Mit der stillschweigenden Einsicht der PDB ruhen die politischen Niermann-Akten in den Archiven. Hunderte Seiten für Historiker, Diplomarbeiter oder Literaten. Ostbelgien hat jedoch nach jahrelangem Streit seine Würde bewahrt. Risse und Wunden sind verheilt. Versöhnende Handreichungen haben der Gemeinschaft, wie nie zuvor, ihre Einheit und Stärke wieder gegeben. Die ostbelgischen Institutionen, das Parlament und die Regierung, sind dafür ein Garant und Onkel Hermann bleibt eine böse Erinnerung.