Nachtnotizen: Die stille Mutter

Kolumne

Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel steht in der Rangliste christlicher Feiertage nach Weihnachten, Ostern und Pfingsten sehr hoch. Aus spiritueller Sicht ist es ein Großereignis, viel dolce jubilo, die Jungfrau Maria spielt bei der Geburt und Auferstehung ihres Sohnes eine herausragende Rolle. Selbst nach fünfzig Tagen im Versteck, zählt sie zum Kreis der ersten Gemeinde, über deren Apostel feurige Zungen brennen. Sie sprechen im Heiligen Geist gestikulierend alle Sprachen der damaligen Welt und werden von der jüdischen Elite Jerusalems als „Betrunkene“ belächelt.

Von Freddy Derwahl, freier Schriftsteller

Seitdem hat sich das Geflecht marianischer Erscheinungen weltweit ausgebreitet. Visionäre sahen sie auf dem Berg Athos, dessen Götzenbilder zusammen stürzten. Ihr Haus wurde nach Prophezeiungen im türkischen Ephesus ausgegraben. Mittelalterliche Gelehrte erhoben sie zum goldenen „Sitz der Weisheit“. Die Päpste verehrten sie mit Dogmen über die Reinheit. Ihre Erscheinungen in Lourdes ließen die zweifelnde Welt aufhorchen. Ihr Sonnenwunder von Fatima wurde von 40.000 im Todesschrecken hautnah miterlebt. Ein astronomisches Phänomen, bis heute nicht ganz aufgeklärt.

Im Lutherjahr stimmen die Marienhymnen nachdenklicher, wobei wichtig bleibt, dass der Reformator ein Marienverehrer war. Doch rücken andere Szenen in den Vordergrund, von russischen Ikonenmalern zeitlos abgebildet: die Schmerzensmutter, die in einem Stall in Bethlehem gebärende , die nach Ägypten flüchtende, die zu ihrem verschollenen Sohn eilende, die von ihm öffentlich zurechtgewiesene, die seine Passion erleidende und unter dem Kreuz vom Sterbenden einem anderen Sohn anvertraut wird.

Die Texte der Evangelisten über sie sind spärlich. Es sind mehr Fragen an die „Magd des Herrn“ als Glaubensartikel. Taucht sie auf, ist sie die Stille, die Rücksichtsvolle und Demütige. Die Trösterin, die jetzt von den Eupener Kevelaer-Pilgern aufgesucht wird und zur Nacht in den Kerzengrotten der Eifel aufleuchtet, ist keine schwebende Engelsgestalt, sondern das, was in aller Welt die Mütter sind: für immer alles Hingebende.