Nachtnotizen: Die Schleuse an der Maas

Kolumne

Ostbelgien hat letzte Woche Fahrt aufgenommen. Die sich auf eine einzige Mehrheits-Stimme stützende wallonische Regionalregierung macht verheißungsvolle Offerten. Sollte das alles durchgehen, gibt es bald die erstrebte „Autonomie à la carte“: ein provinzfreies Statut, dazu Raumordnung und Energie in eigener Regie. Man darf es auch vierte Region nennen, fast Südtiroler Zustände.

Von Freddy Derwahl, Freier Schriftsteller

Was Staatsrechtler als unaufhaltsame Vision ankündigten, gelangt mitten im Sommerloch auf die Zielgerade. Namur, aus ostbelgischer Sicht seit Jahrzehnten ein unbehagliches Zentrum wallonischer Macht, gerät zu einer Stadt leisen historischen Abschieds; jedenfalls von einer betonierten Form vorgeschriebener Zusammenarbeit. Im Gegensatz zu deren Pressesprecher arbeitet die Zeit zwar zäh, doch zielorientiert. Irgendwann sind alle beschwörenden Ablehnungen nur noch Makulatur. Beim Regierungswechsel fast schon vergessen und hoffentlich schnell entsorgt.

Schon drängen sich die Gewinner im langjährigen Kampf, den Wallonen Zugeständnisse abzutrotzen, um den Siegerkranz. Die Liberalen haben dabei, schon seit dem Gert-Noël-Aufbruch 1968 eine Avantgarde-Rolle gespielt. Die PRL-Sektion in Lüttich war die entscheidende Schleuse. Hier prophezeite der charismatische François Perin einen Regionalismus, der den Deutschsprachigen alles überlassen wollte. Zwar spottete Jean Gol über die „kleinen verwöhnten Belgier“, doch glänzte Außenminister Didier Reynders nicht nur im Eupener Karneval. Der politische Charme von Kattrin Jadin und Jenny Baltus-Möres wirkte mobilisierend.

Dass es bei allem Engagement der SP nicht gelungen ist, diesen Durchbruch selbst zu schaffen, ist für die Schwerarbeiter Karl-Heinz Lambertz und Edmund Stoffels sehr bitter. Zögerliche Genossen haben ihnen den Lebenseinsatz vermasselt. Dagegen muss sich die CSP nach der „deutschsprachige-Wallonen-Kontroverse“ mit einigen Verrenkungen anstrengen, die alten Verweigerer in ihren frankophonen Reihen vergessen zu machen.

All diese parteiübergreifende Mühe jedoch als „Kolonialismus“ zu bezeichnen, wie es ein vereinsamter Altbürgermeister jetzt tat, zeugt von einem überholten Geschichtsverständnis. Wir haben gelernt, dass zum Erfolg zugleich Forderungen und Fronteinsatz gehören. Ostbelgien brauchte beides, Alleingänge an Rednerpulten hatten keine Chance.