Nachtnotizen: Belgischer Herbst

Kolumne

Die Holunderbeeren haben sich in diesen Tagen schwarz gefärbt, nach einer Bauernregel, ist dies ein untrügliches Zeichen des Herbstbeginns, einer Zeit der Trennungen und des Aufbruchs. Die Ferien sind zu Ende, es bleiben schöne Erinnerungen. Der etwas launenhafte Sommer geht. Für viele Kinder begann „der Ernst des Lebens“. Doch kündigen sich schon die Herbsttermine an: Altweiberfeste, letzte Kirmestage, Lambertus- und Hubertus-Märkte.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Bei unseren Nachbarn spricht man orakelnd von „la rentrée“, nicht nur in die Klassenzimmer, sondern vor allem in die politischen Kulissen, in Parteivorstände und Parteigeplänkel. In der Wallonie und in Brüssel ist das kein frohes Wiedersehen. Seit dem „Putschversuch“ von Mitterechts gegen die geschockte Linke ist man sich nicht um den Hals gefallen. Bei wackelnden Pöstchen ging viel persönliches Vertrauen verloren. Das komplizierte Belgien wird für Außenstehende noch unverständlicher. Die für das Aufflammen von Sozialkonflikten gerne benutzte Formel vom „heißen Herbst“ ist diesmal im Gestrüpp unübersehbarer Händel fast untergegangen. „Die Straße“ als Bühne für Muskelspiele bleibt einstweilen noch leer.

Ostbelgien ist von den internen Machtkämpfen unberührt und hofft diskret auf überraschende Nebeneffekte: Provinzfreiheit und beachtliche neue Kompetenzen. So war das meist bei autonomen Fortschritten, sie wurden weniger erstritten, sondern nach geduldigen Warten auf einen günstigen Wind, als willkommenes Fallobst aufgefangen. Es beschreibt unsere bescheidene, aber keineswegs unglückliche Lage im Land der nicht endenden Staatsreformen. Stets fast vergessen, schließlich dann doch väterlich gesegnet.

Die wallonische Krise ist nicht nur ein Wechselbad für verkrustete Parteien, sondern auch Vorspiel für die landesweiten Wahlen der kommenden Jahre. In einer Zeit von Reue-und-Vorsatz-Reformen erhalten Programme und Listenplätze eine neue Bedeutung. Mehr Transparenz, weniger in die eigenen Taschen, so lautet die Moral des politischen Herbstes. Schon rollten die Köpfe von Routiniers, andere ziehen sich in rührender Demut etwas zurück…

Im Grunde erleben wir eine sehr belgische Jahreszeit: bald heftig farbenfroh und etwas stürmisch.