Bin ich ein Sexist?

NACHTNOTIZEN

Kaum ein Tag, wo die Medien nicht von sexuellen Übergriffen berichten. Der neugierige Zuschauer weiß nicht recht, ob es sich dabei um eine neue Seuche oder eine Kampagne handelt. Jedenfalls scheint das Übel vorzugsweise in der Filmbranche und Politik angesiedelt zu sein.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Ihr Epizentrum liegt irgendwo zwischen Hollywood und London. Von einem Millionenpublikum umjubelte Stars erscheinen, wie Dustin Hoffman, im Büßerkleid. Im puritanischen England tummeln sich auf den Parlamentsbänken Lords und Lümmel. Die züchtige Premierministerin Theresa May hat Exzesse zur Chefsache gemacht, die Queen ist „not amused“.

Die Fotos einer auf einem Damenpo gelegten Hand sind um die Welt gegangen, in viel Heuchelei getränkt.

Da gibt es ganz andere Männer-Magazine mit Massen-Auflage und eine florierende Erotik-Industrie, die von der Dessous-Reklame bis zum Nagellack nichts auslässt, tiefere Einblicke anzubieten. Keine Damenmode, die auf den gewissen „touch“ verzichtet; Verschleierte ausgeschlossen.

Nachdem vor einigen Jahren der Vatikan von einer Welle pädophiler Beschuldigungen heimgesucht wurde, die mit zum Rücktritt von Papst Benedikt XVI. geführt haben, wurden Dämme geöffnet. Nach einer Schamfrist richtet sich die Lust der Leser jetzt auf das Intimleben drogensüchtiger Promis. Da gibt es viel zu fotografieren und mit einer moralisierenden Überschrift zu garnieren.

Das nabel- und schulterfreie Lieschen Müller und der unruhige Otto Normalverbraucher passen in die bunten Blätter. Erotische Anspielung zieht immer, selbst auf der Werbung für Kräutersalbe.

Doch wo liegen eigentlich die brisanten Grenzen zwischen Grapschen und Streifen, zwischen knackig und cool? Was unterscheidet das volkstümliche Dirndl-Dekolleté vom Perla-BH? Wo beginnt bei der Bikini-Mode das öffentliche Ärgernis? Ist eine Hand um die Schulter bereits Handanlegung, der Begehrten hinterherpfeifen schon strafbar?

Und wie steht es um die Bussi-Bussi-Kultur, zwei Küsschen sind erlaubt, fällt das dritte, zart auf den Lippen, bereits unter das Keuschheits-Gebot? Riskante Zeiten: man fragt sich, ob man nicht auch etwas Sexist ist.