Michael Rösch im GE-Interview: „Ich brauche am Freitag stabile Leber“

Karriereende

Belgien ist Michael Rösch „sehr ans Herz gewachsen“. | Foto: dpa

Am Donnerstagvormittag (um 11.15 Uhr/ZDF) will Michael Rösch sein letztes Einzelrennen bestreiten. Der 35 Jahre alte Biathlet verkündete am vergangenen Wochenende emotional seinen Rücktritt. Im GrenzEcho-Gespräch lässt er seine Karriere noch einmal Revue passieren und wagt auch einen Blick voraus.

Von Mario Vondegracht

Herr Rösch, wie schwer ist es Ihnen nach 15 Jahren Biathlon-Weltcup gefallen, Ihre Karriere zu beenden?
Das war sicherlich keine einfache Entscheidung und kein einfacher Schritt. Als ich es dann hinter mich gebracht hatte, ging es.

Wie war das vergangene Wochenende in Oberhof für Sie?
Emotional. Und ich habe wenig geschlafen. Es war deswegen auch anstrengend. Meine Rennen musste ich trotzdem noch machen. Der Weltcup an sich war nicht so gut. Es herrschte scheiß Wetter. Die Stimmung war allerdings wieder optimal.

Dazu haben auch einige Ostbelgier beigetragen.
Ja, ein ganzer Reisebus war gekommen. Da hat man schon die eine oder andere Fahne gesehen.

Der Biathlon-Weltcup in Ruhpolding steht auf der Kippe. Könnte es sein, dass Ihr letztes Sprintrennen an jenem Ort, wo sie 2006 zum ersten Mal einen Weltcup gewannen, sogar abgesagt wird? Es würde jedenfalls zu Ihrer Sportlerkarriere mit all den Höhen und Tiefen passen.
Das Problem ist, dass der Landkreis den Katastrophenfall für die ganze Region ausgerufen hat und Ruhpolding deshalb keinen Zugriff auf Rettungskräfte und schweres Gerät hat. Also ich bin aber seit Montag hier und finde, dass es gar nicht so schlimm aussieht. Es liegt halt viel Schnee rum. Ich bin zuversichtlich, dass wir am Donnerstag starten. Und wenn es nun einmal so ist, dann ist es eben höhere Gewalt.

Der von Deutschland nach Belgien gewechselte Staffel-Olympiasieger Michael Rösch verkündet auf einer Pressekonferenz in Oberhof das Ende seiner aktiven Biathlon-Karriere. Unter Tränen verkündete er diesen Schritt. In Ruhpolding wird Rösch seine letzten Biathlon-Rennen bestreiten. | Foto: dpa

Planen Sie zum Abschied etwas Besonderes?
Nichts Spezielles. Ich glaube, ich brauche am Freitag eine stabile Leber. Es werden einige Biere die Kehle herunterfließen.

Auch belgischer Gerstensaft?
Ja, es wurde angekündigt, dass welches da ist.

Blicken wir gemeinsam auf Ihre Karriere zurück. Was war Ihr sportliches Highlight?
Das war der Olympiasieg 2006 mit der deutschen Staffel. Aber ich würde es nicht bei einem belassen. Hinzu kommt der erste Weltcup-Sieg in Ruhpolding und der sechste Platz in Pokljuka (im Dezember 2016, A. d. R.). Abseits des Sportes ist natürlich die Nachricht, dass ich Vater werde, ein Highlight. Da habe ich auch ins Schwarze getroffen (lacht).

Die deutschen Biathleten (v.l.) Ricco Gross, Michael Rösch, Sven Fischer und Michael Greis liegen im Februar 2006 auf der olympischen Biathlon-Strecke in San Sicario im Schnee. Sie gewannen die Goldmedaille. | Foto: dpa

Sie haben auch viele Tiefschläge erleiden müssen. Welcher schmerzte besonders?
Als ich die Olympischen Spiele 2014 in Russland verpasst habe.
Zu diesem Zeitpunkt lief noch ihr Antrag, die belgische Staatsangehörigkeit zu erhalten.

Wie kam es damals dazu, dass Sie sich gerade unser Land ausgesucht haben?
Es stellte sich im Nachhinein als komplizierte und langwierige Angelegenheit heraus. Mir hatte im Vorfeld jemand gesagt, dass es nur sechs Wochen dauere, bis dass man den Pass erhält. Dieser Person hatte ich vertraut. Dass es sich dann natürlich zwei Jahre hinzog, hat niemand gedacht. Letztendlich habe ich es durchziehen müssen. Philippe Heck (Präsident des belgischen Biathlonverbandes, A. d. R.) hat wirklich alles versucht, damit es schneller ging. Und warum Belgien? Ja, weil ich wusste, dass ich hier als Biathlet eine Startberechtigung im Weltcup erhalte.

Der Verband und Sie haben sich viel zu verdanken.
Auf jeden Fall. Wir haben viel voneinander gelernt. Die finanzielle Unterstützung war am Anfang von belgischer Seite gleich null. Da musste ich selber viel investieren. Mittlerweile sind wir aber gut aufgestellt. Der Verband wächst, immer mehr Sportler wollen zu uns kommen. Da haben wir schon etwas Gutes aufgebaut.

Thierry Langer hat laut Michael Rösch seine Teilnahme an Olympia 2018 redlich verdient. | Foto: David Hagemann

Thierry Langer rückt für Sie im Weltcup nach und startet am 25. Januar bereits in Antholz.
Thierry hat seine eigene Kategorie. Er macht seinen Master (in Chemie an der TU Clausthal, A. d. R.) und hat zwischenzeitlich pausiert, um dem Biathlon alles unterzuordnen. Der Lohn dafür war die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Südkorea. Ich glaube, vor drei oder vier Jahren hat keiner gedacht, dass er mal so gute Ergebnisse einfahren wird – und das als Halbprofi. Er hat es verdient, im Weltcup mit zu machen.

Wie sehen Sie seine Zukunft?
Wenn er nach dem Studium kontinuierlich arbeitet, sehe ich noch viel Potenzial bei ihm.

Hand aufs Herz: Stehen Sie der Staffel bis zum Ende der Saison zur Verfügung?
Ja, das tue ich. Wenn zu Hause alles okay ist, stehe ich Gewehr bei Fuß.

Schafft es der belgische Biathlon bis 2022, eine Staffel für Olympia zu stellen?
Wenn es so weiter geht, gehe ich davon aus. Wir stehen trotz bisher nicht so berauschender Ergebnisse momentan auf dem 22. Platz in der Nationenwertung und haben zwei Startplätze im Weltcup. Wir könnten es schaffen, uns einen dritten Platz zu ergattern. Dann haben wir auch wieder mehr Möglichkeit, im Nationenranking zu steigen und in die Top 20 zu rutschen. Es ist also machbar.

Werden Sie jetzt Trainer, TV-Moderator, Autor einer Autobiografie oder gar alles zusammen?
Alles zusammen klingt sehr verlockend (lacht). Zunächst werde ich aber etwas Taschenbillard machen, auf dem Sofa liegen und drei oder vier Wochen lang eine Auszeit nehmen. Dann checke ich die Angebote, die so langsam von Vereinen und Fernsehen eintrudeln. Es gibt jedenfalls keinen Masterplan. Es muss mir nur Spaß machen und Geld einbringen. Ich habe doch jetzt ein Maul mehr zu stopfen (lacht).

Besuchen Sie Belgien nach Ihrem Karriereende weiter?
Auf jeden Fall. Das Land ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe viel Zeit mit Philippe Heck verbracht. Ich habe sowieso immer gesagt, dass ich dem Verband weiter als Trainer zur Verfügung stehe.