Der König der Lüfte: Kobayashi gelingt historischer Tournee-Vierfachsieg

Skispringen

Auf der Paul-Außerleitner-Schanze ließ der Japaner bei dichtem Schneefall keinen Zweifel an seiner derzeitigen Überlegenheit und baute auch seine deutliche Führung im Gesamtklassement aus. | Foto: afp

Ryoyu Kobayashi hat am Sonntag die 67. Vierschanzentournee gewonnen und als dritter Skispringer den Grand Slam mit vier Tagessiegen geschafft. Jeder will so sein wie er. Aber keinem verrät er, wie er so werden konnte. Übrigens: Der Japaner steht nicht nur auf den Schanzen auf Tempo pur.

Von Thomas Eßer und Patrick Reichardt

Den Grundstein für seine außergewöhnliche Dominanz auf den Schanzen dieser Welt legte Ryoyu Kobayashi im Sommer – und er verdankt ihn auch Skisprung-Methusalem Noriaki Kasai, der mehr als doppelt so alt ist wie Kobayashi. Als der 22-Jährige im vergangenen August seine ersten Grand-Prix-Wettbewerbe gewann, nahm sich Kasai den japanischen Teamkollegen zur Seite und warnte ihn. „Er hat mir gesagt, dass ich nicht jubeln soll, weil das nichts wert ist im Sommer“, erzählte Kobayashi. Jetzt ist Winter und der Überflieger aus der nördlichen Präfektur Iwate gewinnt immer noch pausenlos. Jetzt freut er sich auch ausgelassen. Was ist da passiert?

Kobayashi hat die Verhältnisse im Skispringen seit November gehörig durchgemischt und seinen Aufstieg am Sonntag mit dem Gesamtsieg bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee gekrönt. Er ist erst der dritte Vierfachsieger nach dem Deutschen Sven Hannawald (2002) und dem Polen Kamil Stoch (2018).

Trainer, Funktionäre, Athleten: Alle loben die einzigartigen Leistungen dieses schüchternen und wortkargen Japaners, der sich nach gelungenen Flügen so schön kindlich freuen kann, aber bei Interviews doch so wenig über sich preisgibt.

Kobayashi sagt über sich selbst: „Ich bin ein ganz normaler japanischer Junge.“

„Ich bin ein ganz normaler japanischer Junge, ich mag Autos und interessiere mich für Musik“, erzählt Kobayashi. Sein Faible ist Geschwindigkeit, nicht nur im Schnee und auf der Schanze.

Alle schauen ihn an, alle studieren ihn, alle wollen ihn im besten Fall kopieren. Kobayashi ist zu einem Vorbild geworden, auch für Kollegen, die jahrelang selbst Trends im Skispringen gesetzt haben. „Das ist sensationell, was er gerade macht“, sagte Österreichs Stefan Kraft, Weltrekord-Halter im Skifliegen mit 253,5 Metern. Für Sven Hannawald fehlt nur noch „ein Wimpernschlag“ zum perfekten Sprung, Bundestrainer Werner Schuster hat „selten sowas gesehen auf den Schanzen dieser Welt“.

Ryoyu Kobayashi hat alle vier Springen der Vierschanzentournee gewonnen. Mit seinem Erfolg in Bischofshofen am Sonntag schaffte der 22-Jährige als erst dritter Skispringer den historischen Vierfach-Triumph.

Was es mit einem jungen Sportler machen muss, zwei Wochen so dermaßen im Fokus zu stehen, hat sich der Sieger der vier Stationen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen kaum anmerken lassen. Der 1,73 Meter große und schmächtige Kobayashi trägt meist große schwarze Kopfhörer, er grinst beinahe dauerhaft und beantwortet jede noch so krude Nachfrage höflich, aber knapp. Zum Tournee-Start erklärte er sich kurzzeitig zu einem etwas verrückten „Neo-Japaner“, um nur wenige Minuten später zurückzurudern. „Ich habe dieses Wort einfach so benutzt“, sagte er – und grinste frech.

Kobayashi kommt aus einer Skisprung-Familie, er selbst startete mit elf Jahren mit dem Langlauf. Sein Vater ist Skilehrer in Iwate, seine Schwester springt, seine Brüder springen, der ältere Junshiro sogar ebenfalls erfolgreich im Weltcup. „Von ihm habe ich viel gelernt, das motiviert mich natürlich noch mehr“, sagte Kobayashi. Mit seinem Bruder teilt er sich bei der monatelangen Europa-Tour gerne ein Zimmer und lässt sich schon einmal beruhigen, wenn der Druck so groß wird wie in Oberstdorf, als plötzlich alle Kameras, Mikrofone und Lichter in seine Richtung gehalten wurden.

Einen entscheidenden Anteil am plötzlichen Erfolg des „Neo-Japaners“ hat auch sein neuer Trainer Hideharu Miyahira, der selbst noch mit dem mittlerweile 46 Jahre alten Kasai und dem letzten japanischen Tournee-Sieger Kazuyoshi Funaki aktiv war. „Miyahira ist sehr gut als Coach, er hilft mir sehr viel“, sagte Kobayashi. Der neue Trainer gilt als still und introvertiert, wie viele Japaner. Mit dieser Art und seiner enormen Kompetenz scheint er Kobayashi aber ganz gut ein paar Flausen aus dem Kopf getrieben und ihm dafür mehr positive Energie und den absoluten Ehrgeiz eingeimpft zu haben. (dpa)

Hintergrund: Die Siegerliste der Vierschanzentournee seit 2000

  • 2000 Andreas Widhölzl (Österreich)
  • 2001 Adam Malysz (Polen)
  • 2002 Sven Hannawald (Hinterzarten)
  • 2003 Janne Ahonen (Finnland)
  • 2004 Sigurd Pettersen (Norwegen)
  • 2005 Janne Ahonen (Finnland)
  • 2006 Janne Ahonen (Finnland) und Jakub Janda (Tschechien)
  • 2007 Anders Jacobsen (Norwegen)
  • 2008 Janne Ahonen (Finnland)
  • 2009 Wolfgang Loitzl (Österreich)
  • 2010 Andreas Kofler (Österreich)
  • 2011 Thomas Morgenstern (Österreich)
  • 2012 Gregor Schlierenzauer (Österreich)
  • 2013 Gregor Schlierenzauer (Österreich)
  • 2014 Thomas Diethart (Österreich)
  • 2015 Stefan Kraft (Österreich)
  • 2016 Peter Prevc (Slowenien)
  • 2017 Kamil Stoch (Polen)
  • 2018 Kamil Stoch (Polen)
  • 2019 Ryoyu Kobayashi (Japan)