VDT-Präsident Bruno Müller: „Nachwuchs steht vor Leistung“

Turnen

Die WM-Goldmedaille von Nina Derwael dürfte dafür sorgen, dass sich mehr Kinder dem Turnsport zuwenden, ist Bruno Müller überzeugt. | Foto: belga

Mit dem Turnabzeichen „Coupe de Formation“ hat die Turnsaison im Verband deutschsprachiger Turnvereine (VDT) Mitte November begonnen. Grund genug, mit VDT-Präsident Bruno Müller über die Entwicklung des Turnens und seine Prioritäten zu reden.

Von Griseldis Cormann

Seit viereinhalb Jahren sind Sie VDT-Präsident. Wie sind Sie dorthin gekommen?

Mit neun Jahren habe ich mit dem Turnen in Amel begonnen und mit 17 bin ich in den Vorstand des Vereins gegangen. Seit 1978 bin ich Mitglied des VDT-Vorstandes. Mir war es wichtig, mich einzubringen, da ich Turnen schon immer im sportlichen und im sozialen Aspekt gesehen habe.

Was verstehen Sie genau unter dem sozialen Aspekt ?

Unsere Hauptaufgabe ist es, Kinder und Jugendliche zu fördern. Wer Sport treibt, hat – nach unseren Erfahrungen – weniger Probleme, jetzt und in der Zukunft. Die Kinder lernen andere Kinder kennen und dadurch das soziale Miteinander. Sie lernen, sich in eine Gruppe zu integrieren, diszipliniert zu sein und sich an Regeln zu halten. Sie helfen sich gegenseitig und spornen sich an. Dieser Aspekt ist heute wichtiger denn je.

Würden Sie sagen, dass die Wichtigkeit der Grundbewegungen wieder stärker ins Bewusstsein gerückt ist?

Ja, wir sehen das an den Zahlen. Vom Eltern-Kind-Turnen bis zum Ende des Volksschulalters (12 Jahre) haben wir 1.200 aktive Mitglieder. Das Turnen gehört zur Grundausbildung für jede Sportart. So sind die Vereine mehr denn je gefragt, die Basis der Motorik, Koordination, Kraft und Dehnung zu vermitteln. Ich glaube, dass viele Eltern erkannt haben, welche Möglichkeiten in der Bewegungsbasisausbildung bestehen.

Dennoch müssen erst auch die ausgebildeten Übungsleiter gefunden werden.

Das ist ein wichtiger Punkt. Ich bewundere die mehr als 300 Trainer, die eine hervorragende, meist ehrenamtliche Arbeit leisten. Hier sind wir als VDT bemüht, das Bewusstsein für die Basisbewegungen und deren richtige Ausführung sowie die Motivation der Trainer zu stärken. Wir versuchen, auch in der Ausbildung dem Ehrenamt so gut es geht entgegenzukommen.

Wie setzen Sie dies um?

Wir können den Vereinen nicht vorschreiben, wie sie arbeiten. Aber wir legen großen Wert auf eine Begleitung durch die technischen Koordinatorinnen Tanja Maus und Manuela Mertens. Außerdem kümmern wir uns um die Aus- und Weiterbildungen.

Das Ausbildungssystem wurde doch weiterentwickelt?

Ja, es gibt ein neues System. Um Gleichstellungen der Diplome zu gewährleisten, wurden Änderungen in der Traineraus- und weiterbildung durchgeführt. Früher war es so, dass man nach dem Trainer C (ab 16 Jahren), den Trainer B (ab 18 Jahren) machte. Mit Studienbeginn fehlte vielen die Zeit, den Trainer B Schein zu erlangen. Die Neuerungen haben uns nun noch viel mehr Stunden beschert. Wir haben der Sportkommission ein neu ausgearbeitetes Modulsystem vorgestellt, das mehr Flexibilität und Zeit einräumt. Wir hoffen jetzt, dass es von der Ministerin abgesegnet wird, damit wir 2019 damit starten können.

Warum wurde das Alter, um einen Trainerweg einzuschlagen, herabgesetzt?

Aus der Erfahrung wissen wir, dass aktive Turner als Hilfstrainer eingesetzt werden. Sie sind aber noch zu jung, um an den Trainerkursen teilzunehmen. Ab 2019 können nun schon 15-Jährige den sehr praxisorientierten Trainer D Animator Turnen absolvieren. Vorbedingung ist das Modul Didaktik, Methodik und Trainingslehre. Das sind vier theoretische Stunden für Anfänger. Uns ist es wichtig, diesen Jugendlichen, die unter Anleitung die Stunden unterstützen. Zusätzlich zum praktischen Wissen, das sie bereits haben, allgemeine Kompetenzen und die Perspektiven eines Trainers mitzugeben.

In Amel und in Rocherath betreibt der VDT Förderzentren, die bis vor Kurzem noch Leistungszentren genannt wurden. Was steckt hinter der Namensänderung?

Ich möchte zunächst anmerken, dass sich das Turnen in Belgien stark entwickelt hat. Und obwohl professionelle Trainer in Amel und Rocherath angestellt sind, reichen die 15 bis 20 Wochenstunden, die unsere Turner absolvieren nicht aus, um vorne an der Spitze der Division 1 zu turnen. Das liegt auch an der umgebenden Struktur: Die Jugendlichen sind auf verschiedenen Schulen und die Fahrzeiten sind lang. Das ist ein großer Zeitverlust, der nicht förderlich ist, wenn man an der belgischen Spitze und international dabei sein will, wo bis zu 40 Trainingsstunden organisiert werden müssen. Ich wünsche mir ein nationales belgisches Leistungszentrum.

Worin liegt die neue Ausrichtung?

Wir fördern unsere Talente. Wer aber weitergehen will, muss sich fast zwangsläufig dem flämischen Verband anschließen. Sie bringen derzeit die Topleistungen. Amel und Rocherath wären dazu da, eine gute Basis zu geben, um sie dann einem nationalen belgischen Leistungszentrum zu übergeben, sofern der Eifer besteht. Im Moment ist es so, dass wir einen Teil der Stunden für Vereine öffnen, sodass alle in den Genuss kommen können, mit unseren angestellten Trainern zu arbeiten. Ich denke, dass der Verband auch dazu wichtig ist, alle auf den neuesten Stand zu halten: von Regelwerken bis Trainingsmethoden.

Letztlich wollen Sie die Breite vergrößern.

Zu Beginn hatte das Zentrum das Ziel, auf höchstem Niveau mitzumischen. Wir stellten Kandidatinnen für die Weltmeisterschaften. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Turnsport hat sich so schnell verändert, sodass es uns nicht mehr gelang, an die Erfolgen der Vergangenheit anzuknüpfen. Dazu gehörten bessere strukturelle Gegebenheiten. Danach gab es ein richtiges Loch. Und uns wurde klar, dass wir alle Kinder von Grund auf ausbilden müssen. Es sollte einen Roten Faden geben und eine gefestigtere Basis. Daran arbeiten wir. Deshalb sind das Turnabzeichen und die „Coupe de Formation“ mein Herzensanliegen. Der Nachwuchs steht vor der Leistung.

2017 geriet der VDT aufgrund seiner Finanzen in den Schlagzeilen. Was hat sich da getan?

2017 hatten wir festgestellt, dass wir die zwei Zentren ohne größere finanzielle Unterstützung seitens der DG nicht stemmen können. Wir waren nicht in Finanznot, das möchte ich hier betonen. Langfristig sind die beiden Standorte jetzt abgesichert.

Warum glauben Sie, dass die Förderung mit der Sportakademie besser wird?

Ich denke, dass erkannt wurde, dass der Sport bei dieser großen Zahl Aktiver stärker gefördert werden muss. In einer Sportakademie (ein unabhängiger gemeinsamer Verband aller Sportarten in der DG, A.d.R.) können Zukunftsideen, unserer Meinung nach, besser kanalisiert und entwickelt werden. Viele Personen aus dem Sportbereich sehen mehr die Chancen neuer Ideen. Mir läge auch hier am Herzen, dass durch die Akademie eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen bzw. Vereinen und der nachschulischen Betreuung, die immer weiter ausgebaut wird, entsteht.

Welche Bedeutung hat der Weltmeisterschaftssieg von Nina Derwael für die ostbelgischen Mädchen?

Nina Derwael ist für alle Turnerinnen in Belgien ein großes Vorbild. Durch sie erfährt der Turnsport viel Anerkennung. Dadurch werden sich mehr Kinder dem Turnsport zuwenden, auch bei uns. Durch ihren Sieg sind auch die Träume unserer VDT-Turnerinnen greifbarer geworden. Der Trainingsaufwand ist immens. Um an die Leistung von Nina Derwael anzuknüpfen, müssten unsere Mädchen professionellere Strukturen (Kaderaufbau) bekommen, die es ermöglichen würden, täglich zwei Trainingseinheiten zu absolvieren.