90 Jahre Turnverein Weywertz: In der Backstube Schauss fing alles an

Turnen

Diese historische Aufnahme datiert aus den 1930er Jahren: Damals bekam der TV Weywertz seine erste Vereinsfahne. | Foto: Verein

Am 8. und 9. September begeht der Kgl. Turnverein Weywertz 1928 sein 90-jähriges Bestehen, ein Beweis für langes, intensiv gelebtes ehrenamtliches Engagement. Und genau das ist es, worauf die Organisatoren um TV-Präsidentin Jacqueline Jost mit einem Festwochenende aufmerksam machen wollen.

Von Lothar Klinges

„Wir möchten all jene würdigen, die im Lauf der letzten neun Jahrzehnte Garant für das Fortbestehen des Vereins waren“, betont die Vorsitzende des zehnköpfigen Vorstandes.

Der Weywertzer Turnverein mit 200 Mitgliedern zählt 21 Trainer, die insgesamt 17 Gruppen betreuen: Kindergartenturnen, Fitness für Damen und Herren, Allgemeinturnen für Mädchen und Jungen, fünf Tanzgruppen in verschiedenen Altersklassen, Pyramiden-Turnen, Trampolinspringen und Rhönradturnen. „Wir danken den Menschen, die den Turnverein durch ihre langjährige Mitgliedschaft oder ihren besonderen ehrenamtlichen Einsatz mitgeprägt haben“, sagt Jacqueline Jost.

Das 90-jährige Bestehen des Turnvereins gibt Anlass, einen kurzen Rückblick auf die verflossene Vereinsgeschichte zu werfen. Wie so oft hatten sich einige junge Weywertzer an einem kalten Wintertag in der Backstube Schauss eingefunden. Die Backstuben waren zu jener Zeit in vielen Ortschaften beliebte soziale Treffpunkte.

Kriegsanfang 1940 läutete lange Pause der Vereinstätigkeiten ein.

Das Gespräch brachte die Anwesenden auf den Turnsport. In dieser Runde entstand die Idee, einen Verein zu gründen. Als Hauptinitiatoren sorgten Josef Schauss und Albert Schoffers im Frühjahr 1928 für eine Gründungsversammlung. Rund ein Dutzend Männer und Jungmänner trafen sich in der Backstube. Als sie einige Stunden später auseinandergingen, hat1te Weywertz einen neuen Verein, den Turnverein „Eifelfreunde 1928“. Die erste Präsidentschaft übernahm Philipp Löw.

Gleich nach der Gründung wurde das Training im Saal Meurer in Oberweywertz (Bahnhof) aufgenommen. Dieser Saal befand sich an der Stelle, wo später das Doppelhaus Scholzen und Heinen errichtet wurde. Zusehends erhöhte sich die Anzahl der Mitglieder. Kurze Zeit später wurde aus praktischen Gründen beschlossen, den zentraler gelegenen Saal Johann Thomas als Vereinslokal zu wühlen. Die Rolle des Vorturners übernahm Johann Niessen aus Bütgenbach. Ihn löste 1929 der aus Raeren gebürtige Josef Becker ab. Mit Begeisterung und Elan verstand er es, innerhalb kurzer Zeit aus den Jungen aus Weywertz und Champagne eine Spitzenriege heranzubilden. Josef Becker war es auch, der 1929 die Gründung eines Tambourkorps anregte, das die Turner bei ihren Auftritten begleiten sollte. Gemeinsam mit ihrem Tambourkorps waren die Weywertzer Turner überall gern gesehene Gäste.

Von den vielen in der Folgezeit mitgemachten Festzügen wurde mancher erste Preis mit nach Hause gebracht. Bei Wettbewerben und Turnfesten gingen ebenfalls zahlreiche Medaillen und Diplome an die Riege der Weywertzer Eifelfreunde. Ihre Stärke war vor allem der Pyramidenbau und das Tauziehen. Später übernahmen neue Männer das schwierige Amt des Vorturners, trotzdem konnten die guten Leistungen gehalten werden. Beachtenswert waren auch die freundschaftlichen Beziehungen, die immer zu den Nachbarvereinen diesseits und jenseits des Hohen Venns herrschten. Dass der junge Verein keine Gegner fürchtete, zeigten schon damals die weiten Ausfahrten nach Aachen, Stuttgart und Breslau. Leider bleibt Breslau in schlechter Erinnerung. Nach einem Verkehrsunfall musste Turner Aloys Sarlette ein Bein amputiert werden.

1933 bekam der Turnverein im Rahmen eines großen Dorffestes seine Fahne. Ein Fest wie selten zuvor erlebte im Frühsommer das ganze Dorf. Die Fahne zeigte auf der Vorderseite das Turnerzeichen mit den vier „F“: Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei. Auf der Rückseite war der Wahlspruch zu lesen: „In Tat und Wort treu unserm Sport“ Im Folgejahr entschloss man sich, neben dem Turnen auch der Leichtathletik einen Platz einzuräumen und somit das Angebot zu erweitern. In diesen blühenden Jahren übernahm Aloys Schumacher das Amt des Vereinspräsidenten. Im Mai 1940 wurden mit Kriegsbeginn alle Tätigkeiten des Vereins abgebrochen. Als fünf Jahre später der Krieg zu Ende war, waren mehr als die Hälfte der Turner im Krieg gefallen oder vermisst. Aber auch in den Jahren nach dem Krieg hatten die „Eifelfreunde 1928“ zu leiden. In Folge der „Säuberung“ wurden mehrere Vorstandsmitglieder inhaftiert. Es kam auch zur Beschlagnahmung aller Archive, Eintragsbücher und Dokumente des Weywertzer Turnvereins. Aber auch Turn- und Sportgeräte, Medaillen und Ehrenurkunden gingen in den Kriegswirren verloren. Es dauerte einige Jahre, bis der Verein wieder seine Tätigkeit aufnehmen konnte. War der erste Versuch im Jahre 1953, den Verein neu zu gründen, wenige Wochen danach zum Scheitern verurteilt, so gelang der zweite Versuch 1968 nur über Umwege.

Neugründung des Vereins gelang erst im zweiten Anlauf.

Auf Initiative des Damen-Fußballclubs Weywertz kam es zu einer Wiederbelebung des Turnvereins. Als im Herbst die Witterung schlechter wurde, beschlossen die Damen, ihr Training am Ball durch Turnübungen zu ersetzen. Schnell entschlossen sich die Damen, das Angebot auch den Kindern des Dorfes schmackhaft zu machen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und schon im August 1969 hatten sich rund 50 Kinder als Mitglieder des neuen Turnvereins eingetragen, und kurze Zeit später wurde auch wieder ein Vorstand gewählt, um die Aktivitäten des Vereins voranzutreiben.

Die Verschmelzung mit dem alten, nach den Statuten noch bestehenden Verein wurde am 3. Dezember 1969 vollzogen. Die Fahne, die den Krieg überstanden hatte, wurde vom neuen Verein übernommen. Erste Aufgabe des Vorstandes war die Anschaffung von neuen Turngeräten sowie die Sicherung der Turner. Als Vorturner wurden die Gebrüder Hermann-Josef und Manfred Limburg und etwas später Norbert Masson aus Nidrum verpflichtet.

Am 19. April 1970 gab es dann erstmals nach dem Krieg wieder ein Turnier in Weywertz. Die Instandsetzung des Turnlokals in der alten Knabenschule erfolgte 1971. Allmählich entwickelte sich in Weywertz eine Leistungsriege, die Mitte der 70er Jahre zahlreiche Preise einheimsen konnte. Die Erfolge des TV Weywertz rissen bis heute nicht ab. Zum 75-jährigen Bestehen im Jahr 2003 zählte der Verein 170 Mitglieder.

Für das 90-jährige Bestehen wurden neue Trainings- sowie Turnanzüge angeschafft. Für die Zukunft möchte der Verein das Sportprogramm attraktiv gestalten und stetig weiter in den Verein investieren, sodass die Mitgliederzahl steigt oder zumindest stabil bleibt, unterstreicht Jacqueline Jost: „Wir möchten neue Sportarten anbieten, Trainer aus- und weiterbilden, professionelles Sportmaterial anschaffen und unsere bisher gute Zusammenarbeit mit den anderen Turnvereinen Ostbelgiens noch weiter ausbauen, indem wir Wettkämpfe selber ausrichten und auf den Wettkämpfen mit unseren Gruppen vertreten sind.“

Gruppenfoto des aktuellen Vorstands des TV Weywertz. Auf dem Foto fehlt Vorstandsmitglied Erich Kohnenmergen.
Der Pyramidenbau genießt schon seit den Gründungsjahren beim TV Weywertz einen besonderen Stellenwert. | Foto: Lothar Klinges