Thierry Neuville: „Loeb wird uns helfen“

Rallye

Der vierfache Rallye-Vize-Weltmeister Thierry Neuville im Gespräch mit dem GrenzEcho. | Foto: NC-Media

Die Winterpause fällt für die Motorsportfans kurz aus. Auch für den viermaligen Rallye-Vize-Weltmeister Thierry Neuville (Hyundai): Kaum sind das Finale der WM in Australien (15.-18. November) und die Saisonabschlussfeiern vorbei, gilt es, die WRC 2019, beginnend mit der legendären Rallye Monte Carlo (24. bis 27. Januar), vorzubereiten und einen neuen Anlauf auf den WM-Titel zu starten.

Von Herbert Simon

Dem St.Vither bleibt trotzdem Zeit, vom Rallyesport abzuschalten. Nach den RACB Awards in Brüssel traf er sich mit vielen Fans zum zünftigen Jahresendfest in seiner neuen Werkshalle in St.Vith, weilte an Weihnachten zu Hause bei der Familie, genoss bei einem Hubschrauber-Rundflug Ostbelgien aus der Vogelperspektive und feiert den Jahreswechsel in seiner Wahlheimat Monaco. Außerdem unterzog er sich an den freien Tagen einem kleinen chirurgischen Eingriff am rechten Knie.

Im ausführlichen Interview mit dem GrenzEcho blickt der 30-jährige Rallyeprofi zurück und nach vorne.

Thierry Neuville, erste Frage: Wie geht es Ihnen nach der Operation? Werden Sie fit sein für die neue Saison?

Die Operation ist gut verlaufen. Der chirurgische Eingriff war seit Längerem geplant. Ich hatte mir den Meniskus bei der Türkei-Rallye verletzt. Jetzt ist wieder alles wie neu.

Sie sind von den nationalen Medien 2018 bereits zum fünften Mal zum Rennfahrer des Jahres in Belgien gewählt worden. Diese Auszeichnung anlässlich der RACB Awards wird so langsam zur Gewohnheitssache. Was bedeutet Ihnen der Titel?

Wir sind jedes Mal froh, diesen Titel zu erringen. Wir können stolz sein auf unsere Saison. Mein Beifahrer Nicolas Gilsoul und ich haben hervorragend gearbeitet. Es ist schön, wenn dieser Einsatz vom Landesverband RACB gewürdigt wird. Wirklich sehr sympathisch diese Ehrung.

Und diese Würdigung macht Ihnen offensichtlich noch immer Spaß oder?

Sicher. Es stimmt, dass wir uns schon fast daran gewöhnt haben, bei der Preisverteilung des RACB in Brüssel auf der Bühne den Pokal und die Trophäen vor all den belgischen Fahrern entgegenzunehmen. Aber sollte das eines Tages nicht mehr der Fall sein, wird das, so glaube ich, ein bisschen weh tun.

Und zum ersten Mal in der Geschichte der RACB Awards teilen Sie den Titel des Driver of the Year mit Beifahrer Nicolas Gilsoul, ein viel beachtetes Ereignis.

Klar, aber wir haben uns diese Auszeichnung auch in der Vergangenheit jeweils geteilt. Ich war immer der Erste, der ihn beglückwünscht hat, wenn wir in der Saison ein gutes Resultat herausgefahren haben, aber auch bei der Jahresfeier des RACB, wenn ich alleine auf der Bühne stand. Nicolas ist fester Bestandteil der Mannschaft im Auto. Wir holen gemeinsam diese guten Ergebnisse für unser Land. Dazu trägt er erheblich bei.

Neuville-Gilsoul, ein unzertrennliches Duo also?

So ist es. Seit 2011 arbeiten wir zusammen. Wir verbringen immerhin 220 Tage im Jahr gemeinsam bei der Ausübung unseres Sports. Da lernt man sich kennen.

Einen etwas bitteren Beigeschmack beim Rückblick auf die abgelaufene Saison gibt es trotzdem. Sie haben Ihr Saisonziel nicht erreicht und sind auch diesmal nicht Rallye-Weltmeister geworden. Dabei ist Ihnen der Titel nur denkbar knapp durch die Lappen gegangen.

Ja, schade. Es gab drei heiße Anwärter auf den WM-Titel: Sébastien Ogier, Ott Tänak und ich. Aber nur einer konnte gewinnen. Leider waren wir es nicht. Das ist Rennsport.

Woran hat es gelegen?

Einen wirklichen Grund gibt es nicht, bis auf die Nullrunde beim Lauf in der Türkei, wo wir mit technischen Problemen ausgefallen sind. Da haben wir viele Punkte verloren. Dieser Ausfall war bei der Vergabe des WM-Titels entscheidend. Denn ansonsten waren wir konstant gut unterwegs und haben kaum Fehler gemacht. Wir haben die Enttäuschung aber rasch hinter uns gelassen und schauen schon jetzt auf die neue Saison 2019.

Wie sehen Ihre Prognosen für die kommende WM aus?

Wie schon in den vergangenen Jahren werden wir wohl wieder vorne mitkämpfen. In meinen Augen sollten wir konkurrenzfähig sein. Bei den Fahrerbesetzungen der Werksteams ergeben sich allerdings einige wichtige Änderungen. Also werden wir abwarten müssen, wie der Saisonauftakt verlaufen wird. Und in der Folge werden wir die bestmögliche Rennstrategie für 2019 auf die Beine stellen müssen.

Die große Überraschung auf dem Transfermarkt der WRC ist die Verpflichtung von Rallye-Rekordweltmeister Sébastien Loeb durch Hyundai. Wie bewerten Sie diesen Wechsel des Ex-Citroën-Werksfahrers? Er hat sich bereit erklärt, sich in den Dienst des Teams zu stellen, Sie im Kampf um den Fahrertitel zu unterstützen und die Rolle eines Fahrers Nummer zwei oder drei zu übernehmen.

Das ist eine gute Nachricht. Es ist besser, dass Sébastien Loeb in unserem Team fährt als gegen uns. Ich bin also sehr zufrieden, dass Hyundai diesen Vertragsabschluss für sechs WM-Läufe mit ihm getätigt hat. Das zeigt, dass sie wieder an der Spitze mitspielen möchten. Mit Blick auf den Hersteller-WM-Titel wird Sébastien Loeb mit Sicherheit eine große Unterstützung für uns sein. Das gilt auch für den Fahrer-WM-Titel: Er könnte uns helfen, wenn sich dies als erforderlich erweist.

Wie kann er Ihnen 2019 konkret helfen?

Er könnte, falls er bei einer Rallye im Klassement vor uns liegt, versuchen, sich zwischen mich und die Konkurrenz zu platzieren. Somit könnte ich mehr WM-Punkte ergattern.

Verspüren Sie durch die Präsenz von Sébastien Loeb in den kommenden zwei Jahren bei Hyundai Motorsport nicht einen größeren Druck auf Ihren Schultern?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es ist immer von Vorteil, wenn man starke Teamkollegen hat. Sébastien Loeb ist als siegeshungriger Fahrer bekannt. Das motiviert uns noch mehr, alles zu geben und auch 2019 mit vollem Einsatz aufzuwarten.

Die Konkurrenz wird in der nächsten Saison wieder sehr hart sein. Weltmeister Sébastien Ogier fährt neuerdings für Citroën. Ott Tänak und Toyota werden voraussichtlich erneut leistungsstark sein. Das wird keine leichte Aufgabe für Sie und Hyundai.

Wissen Sie, diese Herausforderung ist nie leicht gewesen. Und sie wird es auch in den kommenden Jahren nicht sein. Wir wissen, dass die Konkurrenz groß ist und wir hart kämpfen müssen. Deshalb kommt es darauf an, sich ständig zu verbessern. Möglicherweise wird die kommende Saison genau so spannend wie die abgelaufene. Wir hoffen es auf jeden Fall. Im Rallyesport passiert immer viel. Das hat die Erfahrung gezeigt.

Zum Ende der Saison zeigte sich, dass der Hyundai gegenüber der Konkurrenz etwas schwächelte. Lässt sich dieser Rückstand aufholen?

Vielleicht nicht gleich zu Beginn des Jahres. Aber im Laufe der Saison werden sicherlich wieder Neuerungen am Auto vorgenommen werden. Und die sollten dazu führen, dass wir bei allen WM-Läufen möglichst mit der Konkurrenz mithalten können.

Los geht es in der neuen Saison Ende Januar bei der Monte. Sie gilt nicht unbedingt als Ihre Lieblingsrallye.

Bei der Monte muss man versuchen, möglichst beständig zu fahren, um am Schluss in die Top fünf zu gelangen. Darauf wird es in erster Linie ankommen. Wir gehen das Ganze locker an. Natürlich möchten auch wir diese berühmte Rallye gewinnen.

Vorab wird noch getestet.

Ja, schon in der ersten Januarwoche stehen Monte-Testfahrten in der Alpenregion von Gap an. Somit geht es wieder von vorne los.

Sie sind mittlerweile nicht nur Rallyeprofi, sondern auch Geschäftsmann. In der neuen Werkshalle im Gewerbegebiet in St.Vith, die Sie in diesem Jahr haben errichten lassen, soll demnächst das neue Cross Car TN5, das Ihren Namen trägt, durch die Firma LifeLive gebaut werden.

Mein Bruder Yannick kümmert sich um die Firma. Er will sich in den kommenden Jahren in der neuen Kategorie Cross Car behaupten und als Hersteller Erfolg haben. Ich unterstütze ihn dabei, wie jeder weiß. Ich hoffe, dass das funktioniert und dass er viele Rennautos verkaufen kann.

Cross Car wird sowohl vom Automobilsportweltverband FIA als auch vom Landesverband RACB als neues Format für den Einstieg in den Motorsport gepriesen.

In der Tat. Verglichen mit dem Kartsport ist Cross Car doch recht preisgünstig. Ziel ist es, jungen Leuten für eher wenig Geld den Einstieg in den Motorsport zu ermöglichen. Ich habe den Verband bei diesem Projekt beraten, da ich ebenfalls vom Autocross komme. Ich denke, da werden wir schöne Meisterschaften erleben mit talentierten Fahrern, die anschließend in den Rallye- oder den Rallycrosssport aufsteigen möchten.

Das neue Cross Car TN5, das in Thierry Neuvilles Werkshalle im Gewerbegebiet in St.Vith von der Firma LifeLive gebaut wird, war Blickfang bei den RACB Awards 2018 in Brüssel.
Thierry Neuville hat ein neues Hobby, Hubschrauberfliegen. Wenn er zu Hause ist, nutzt er schon mal die Gelegenheit, Ostbelgien aus der Vogelperspektive zu genießen. | Foto: Herbert Simon
Rekordweltmeister Sebastien Loeb wechselt 2019 von Citroën zu Hyundai. Er hat versprochen, Thierry Neuville beim Titelkampf zu unterstützen. | Foto: Benjamin Cremel/ DPPI