Der Copilot sagt tschüss: Achim Maraite hängt Helm an den Nagel

Motorsport

Fiat Punto, seit jeher das Kultauto der Nidrumer Rallyefamilie Hermann Motorsport. | Foto: NC-Media

Stephan Hermann und Achim Maraite aus Nidrum galten im Fiat Punto seit 2010 als eines der Dreamteams des ostbelgischen Rallyesports. Doch das ist jetzt Geschichte: Denn nach einer 20-jährigen erfolgreichen Karriere auf dem heißen Beifahrersitz hängt Achim Maraite (37) zur Saison 2019 den Rennhelm an den Nagel.

Von Herbert Simon

Seine Stelle wird Jean-Marc Bodarwé (Weywertz), der ebenfalls schon viel Erfahrung als Rallye-Copilot gesammelt hat, einnehmen. „Das Herz tut mir weh“, bedauert Stephan Hermann die Entscheidung von Achim Maraite. „Wirklich schade, dass es vorbei ist“, sagt der 31-Jährige. Aber er freut sich, dass sein bisheriger Beifahrer auch weiterhin so oder so zur Rallyefamilie Hermann Motorsport in Nidrum gehören wird. Schließlich ist er als sein Schwager mit Schwester Charlotte verheiratet.

„Es sind keineswegs private Gründe, die mich zu diesem Schritt bewogen haben“, stellt der gebürtige Manderfelder klar: „Vielmehr bin ich ein bisschen amtsmüde geworden.“ Das bedarf der Erläuterung. „Wir haben mit dem Fiat Punto HGT und anschließend dem Fiat Punto S1600 schöne Siege und Titel in der Klasse eingefahren. Doch ich könnte mich nach so vielen Jahren nur noch motivieren, wenn wir auf einer höheren Stufe, in der Hauptklasse (R5), in Belgien fahren würden“, unterstreicht Achim Maraite: „Aber dazu reicht unser Budget nicht. Eine Saison auf diesem Niveau würde bis zu 250.000 Euro kosten.“ Das liebe Geld ist also ebenfalls ein entscheidender Faktor für den endgültigen Beschluss. „Unser Team kann zum Glück auf die Unterstützung von treuen Partnern aus der Region zurückgreifen. Aber das ist leider nicht genug“, schaut der Nidrumer der knallharten Realität des kostenaufwendigen Motorsports in die Augen.

So ganz überraschend kam für Stephan Hermann die Ankündigung allerdings nicht: „Achim hatte vorab schon mal Andeutungen gemacht.“

Achim Maraite: „Stephan Hermann hat das Talent eines Thierry Neuville.“

Nun, die stets gut gelaunte Rallye-Mannschaft des AMC St.Vith blickt auf viele angenehme Momente zurück: „Es gab zwar hier und da Meinungsverschiedenheiten. Aber wir harmonierten sehr gut. Und Fehler sind uns nur wenige passiert.“ Trotz all dieser Glücksgefühle bleibt im Hinterkopf die bittere Erkenntnis, dass das Team weitaus mehr hätte erreichen können.

„Stephan hat das Talent eines Thierry Neuville“, ist Achim Maraite jedenfalls überzeugt: „Leider war er meist zu alt für die Förderprogramme des Landesverbandes RACB, wo er zudem nicht die Beachtung, die er wegen seines fahrerischen Könnens eigentlich verdient hätte, gefunden hat. Und auch wenn unsere Leistungen und Ergebnisse in den Medien angemessen gewürdigt wurden, haben wir es, im Gegensatz zur Konkurrenz, letztendlich nicht geschafft, weder einen Hersteller für uns zu gewinnen noch den einen oder anderen dicken Sponsor, mit dem wir an die Spitze hätte vorstoßen können, an Land zu ziehen.“

Aber auch mit einem anderen Beifahrer dürfte Stephan Hermann weiterhin im kleinen Punto die zahlreichen Fans an den Wertungsprüfungen durch seinen beherzten Fahrstil begeistern. Fiat ist zwar die Hausmarke der eingefleischten Nidrumer Rallyefamilie, doch hier und da ist das Duo fremdgegangen. Die Ausflüge im Skoda Fabia, Peugeot 208, Ford Fiesta oder Opel Adam erwiesen sich jedoch als kurze Seitensprünge.

Rückblickend auf die lange Laufbahn möchte Achim Maraite natürlich auch die Zeit mit Thierry Neuville nicht missen: Er war Copilot des St.Vithers bei dessen ersten Schritten auf den Rallyepisten. „Unsere vielversprechende Premiere feierten wir 2007 im Opel Corsa A GSI bei der Rallye Luxemburg“, weiß der heute 37-Jährige zu berichten: „Dann ging es rasant weiter im Ford Fiesta ST von Floral Racing und im Rahmen des Förderprogramms des RACB-Nationalteams im Citroën C2 R2 Max von MI-Racing.“ Doch wurde der Vorwärtsdrang von Achim Maraite nach einem heftigen Unfall 2009 beim Omloop van Vlaanderen jäh gestoppt: „Ich brach mir den dritten Halswirbel und musste drei Monate lang pausieren.“

Den Schritt vom Amateur zum Rallyeprofi nicht vollzogen.

Das mögliche Comeback mit Thierry Neuville, zu dem der Nidrumer auch heute noch enge Kontakte unterhält, kam auch deshalb nicht zustande, weil der Beifahrer, anders als sein Fahrer, 2010 den Schritt vom Amateur zum Rallyeprofi nicht vollziehen wollte und konnte: „Mir fehlten damals einfach die finanziellen Sicherheiten, um meinen festen Job dranzugeben.“

Lange aber blieb der Copilot nicht untätig: „Mir war schon vorher aufgefallen, dass auch Stephan Hermann das Rallyefahren perfekt beherrschte.“ Nur wenige Monate später begann er, den Aufschrieb in dessen Fiat Punto vorzulesen. Und vielleicht setzt sich Achim Maraite ja selbst mal ans Steuer eines Rallyewagens. Ein bisschen Erfahrung hat er ja schon als Pilot: „Ich bin 2006 in einem Renault R5 Turbo Bergrennen gefahren.“

Zum ersten Mal hatte der junge Mann 1999 als Copilot von René Murges im Peugeot 309 GTI Rallyeluft geschnuppert. Und auch mit dem Luxemburger Gilles Schammel im Mitsubishi Lancer Evo VIII (2004-2005) hatte der Nidrumer viel Rallyespaß.

Achim Maraite: „Wohl rund 200 Mal in 20 Jahren am Start“

An wie vielen Wettbewerben Achim Maraite in den 20 Jahren seiner Karriere teilgenommen hat, vermag er im Rückblick nur zu schätzen. „Es sind mehr als die Statistiken im Internet aufzählen“, ist der Copilot überzeugt: „Es mögen insgesamt wohl rund 200 gewesen sein.“ An die Anfänge in der Saison 1999 kann er sich genau erinnern: „Mit René Murges im Peugeot 309 GTI bei den Provinzrallyes in Aywaille und Bellevaux.“ Das Team wechselte 2000 in einen Citroën Saxo VTS. Für weitere Fahrer aus der Gegend las Achim Maraite in den folgenden Jahren bei Rallyes oder Rallyesprints das Gebetbuch vor, so Guido Eichten, Marcel Marichal, Mario Thelen, Günther Lenges, Werner Heindrichs und Alfred Vahsen. Prägend war für ihn auch die Zusammenarbeit 2004 und teils 2005 mit dem Gruppe-N-Rallyemeister in Belgien, Gilles Schammel (L) im Mitsubishi Lancer Evo VIII. Als sich der St.Vither Nachwuchsfahrer Thierry Neuville 2008 im Ford Fiesta und 2009 im Citroën C2 die ersten Sporen im Rallyesport verdiente, saß Achim Maraite auf dem Beifahrersitz.

Die weitaus meisten Rallyes bestritt der Nidrumer ab 2010 während immerhin neun Jahren mit seinem späteren Schwager Stephan Hermann im Fiat Punto (zunächst mit dem Modell HGT, ab 2017 mit dem S1600). Da sprangen in der Landesmeisterschaft drei Titel in den jeweiligen Klassen heraus: 2014 und 2016 in der NCM und 2018 in der RC3.

Saisonvorstellung von Hermann Motorsport am Samstag, 9. Februar, ab 16 Uhr im Saal Herbrand in Nidrum.

20 Jahre lang war Achim Maraite (l.) als Rallye-Copilot erfolgreich, u. a. mit Thierry Neuville und seit 2010 mit Stephan Hermann. | Foto: Herbert Simon