Umweltschützer Leo Meyers: „Der größte Gegner meines Lebens“

Natur

Leo Meyers kämpft seit Jahren mit der Bürgerinitiative Hergenrather Umwelt (BiHU) für den Erhalt der Natur. | Foto: David Hagemann

Leo Meyers ist Umweltschützer aus Überzeugung. Er hat in Kelmis schon so manches Ökologieprojekt auf den Weg und einige Bauvorhaben ins Stocken gebracht. Nun aber legt er sich mit den ganz Großen an. Mit der Bürgerinitiative Hergenrather Umwelt (BiHU) versucht er, das multinationale Unternehmen Walzinc zu stoppen, das in der Gegend Bergbau betreiben will.

Von Nathalie Wimmer

Leo Meyers ist in Hergenrath und Umgebung bekannt wie ein bunter Hund. Mit der Bürgerinitiative Hergenrather Umwelt (BiHU) schaut er seit Jahren den Behörden auf die Finger. Auch so manchen Bauunternehmer hat der hartnäckige Umweltschützer gewiss schon zur Weißglut gebracht. Manchmal schießt er über das Ziel hinaus, aber immer ist er beharrlich und seinen Prinzipien treu. Der 56-Jährige macht sich nicht nur Freunde mit seinem Kampf für den Erhalt der Natur. Aber das ist ihm schnuppe. Im Laufe der Jahre hat er sich ein dickes Fell zugelegt. Sein Ziel ist es, einen grünen Fußabdruck zu hinterlassen. Die Welt soll nach seinem Ableben ein ganz klein wenig besser sein als vorher.

Von Haus aus ist er eigentlich Textilingenieur und gehört einer alten Aachener Tuchfabrikantenfamilie an. Er leitet das Unternehmen gemeinsam mit seinen Kindern in der fünften Generation. Sein Geschäft hat sich auf Herrenausstattung in Sonder- und Übergrößen spezialisiert. Eine florierende Nische. Eigentlich hätte Leo Meyers sich auch einen anderen Beruf vorstellen können – im ökologischen Bereich. „Aber da gab es einfach nicht viel Spielraum in unserer Familie. Mein Berufsweg war schon vorbestimmt“, lacht der gebürtige Aachener. Sein Herz schlägt dennoch für die Natur. Sein Großvater hat in ihm das Interesse für Tiere und Pflanzen geweckt. „Ich bin ein Einzelkind. Mein Großvater wurde pensioniert und hatte von Anfang an Zeit für mich. Wir haben viel im Grünen unternommen. Er hat mich für das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz sensibilisiert und gelehrt, dass es wert ist, sich für gute Ziele zu engagieren. Das war der Grundstein für meine heutige Einstellung“, ist Leo Meyers überzeugt.

Bereits als Achtjähriger wurde er zum Vegetarier und ist es aus Überzeugung bis heute geblieben. Schon mit seinen Eltern kam er als Kind oft nach Hergenrath zum Angeln. Die Gegend hat es ihm seither angetan. Seit 1972 lebt er größtenteils in der Göhlgemeinde. Hier hat er auch sein erstes großes Umweltprojekt 1993 gestemmt. Es ging damals um die Rettung eines alten Eichenwaldes, direkt vor seiner Haustüre, der der Umgehungstraße für die TGV-Trasse zum Opfer fallen sollte. „Im Rahmen dieses ersten Projektes habe ich gelernt, zu recherchieren. Ich habe sämtliche Rechtstexte unter die Lupe genommen. Ich bin fündig geworden in den Anhängen des Versailler Vertrags von 1918.“

Das angeeignete Wissen hat er seither in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Universitäten und Kanzleien vermehrt und mehrmals gebraucht. Sein zweiter Großeinsatz als Naturschützer war gefordert, als der ehemalige Hergenrather Steinbruch in der Nähe der Hammerbrücke zur Erdaushubdeponie umfunktioniert werden sollte. Leo Meyers rebellierte und fand am Ende eine Lösung. Er hat das gesamte Gebiet, in dem unzählige seltene Tiere heimisch sind, 2003 gekauft und sich später dafür stark gemacht, dass es zum Natura2000-Gebiet wurde. Seit 2016 steht es nun unter Schutz. Es folgten zahlreiche weitere Projekte.

Im Laufe der Jahre ist ihm aufgefallen, dass das Bewusstsein für den Umwelterhalt zwar gestiegen ist, häufig aber bei den Menschen mit Resignation einhergeht. „Die Menschen haben den Eindruck, dass sie gegen Großunternehmer und Verwaltung nicht ankommen. Sie fühlen sich machtlos – was aber gar nicht so ist. Das allgemeine Wissen um bestehende Rechtsnormen, die national und auf EU-Ebene gewachsen sind, ist unglaublich gering – auch bei den Investoren. Dabei sind es wichtige Instrumente, die wir nützen müssen, denn wir leben von dem, was wir erhalten und nicht von dem, was wir zubauen.“ Leo Meyers hat sich in die juristische Sachlage über viele Jahre eingearbeitet. Mittlerweile wird er als Experte zurate gezogen, wenn große Bauprojekte in Hergenrath und Kelmis anstehen. Bei den Bauvorhaben im Grünthal in Hergenrath beispielsweise hat er zusammen mit der dortigen Bürgerinitiative erfolgreich ein Staatsratsverfahren gegen Überbebauung geführt. Auch im Völkersberg ist er aktiv und hat seit nunmehr zehn Jahren zusammen mit den Anwohnern und Bürgern ein Parzellierungsprojekt abgewehrt. Immer geht es dem Umweltaktivisten darum, dass die Verhältnismäßigkeit der Bebauung zur Natur und zur dörflichen Umgebung gewahrt wird.

Kritiker werfen ihm vor, es gehe im Grunde eher um seine eigenen Interessen, weil viele der geplanten Bauprojekte in unmittelbarer Nähe zu seinem Haus geplant sind. Das wehrt Leo Meyers allerdings ab. „Natürlich bin ich froh, wenn nicht vor meiner Nase unverhältnismäßig viel gebaut wird. Aber es geht um viel mehr. Dass ich nicht aus Eigeninteresse handle, zeigt ein weiteres Projekt, dass die BiHU nun angepackt hat. Das wird das Größte und Bedeutendste, was jemals auf unsere Gruppe zugekommen ist.“ Gemeint ist der Kampf gegen das Konsortium Walzinc, das in mehreren Gemeinden, u.a. im Bereich der alten Minen, wieder den Bergbau auf den Weg bringen will, um Metalle wie Blei, Zink und seltene Erze über Jahrzehnte abzubauen. Leo Meyers und die Mitstreiter der BiHU sind vehemente Gegner dieses Vorhabens. Seine Argumentation gegen die Minen ist komplex und vielschichtig. Zum einen ist Leo Meyers genau wie ein weiterer Gegner, Albert Stassen, der Meinung, dass „wir uns heute in einer Nachbergbauzeit befinden“. Die Gegend hat ein neues Selbstbild bekommen als Freizeitoase und Tourismusziel. „In der Umgebung gibt es traumhaft schöne Naturbereiche, aus denen man Lebensqualität schöpfen kann – und das in der Mitte von Europa.“ Zum einen würde das Image durch das gigantische Projekt konterkariert, was auf lange Sicht mit Einnahmenverlusten im Bereich des Tourismus und einem deutlichen Immobilienwertverlust einhergeht. Zum anderen würden in der Umwelt tatsächlich „gravierende Veränderungen“ mit dem Projekt einhergehen – auch oberirdisch würde sich das Landschaftsbild zum Negativen wandeln.

Besonders für Kelmis gibt es allerdings noch einen weiteren wichtigen Punkt, den Leo Meyers hervorhebt: Die Gemeinde ist seit einigen Jahren autark in Sachen Wasserversorgung. Durch die Bohrungen könnten die multinationalen Unternehmen der Gemeinde einen Strich durch die Rechnung machen. Die geplanten Bohrungen gehen an Altlagerstätten bis zu 200 Meter in die Tiefe. Man würde teilweise durch die ehemaligen Stollen und Abbaubereiche durchbrechen. Diese wurden 1955 aufgegeben. „In dieser Zeit wurde das Schmiermittel Polychlorierte Biphenyle – kurz PCB – benutzt. Es handelt sich um einen extrem toxischen Stoff, der in geringsten Konzentrationen auch lebensgefährlich für Menschen ist. Die alten Stollen wurden aus Mangel an Wissen und Sensibilität für das Umweltthema einfach verlassen. Es wurde nicht rückgebaut. Sämtliche Materialien sind unten geblieben. Die toxischen Mittel sind also einfach im Laufe der letzten 60 Jahre in das dort stehende Wasser geflossen. Das ist nicht gut, aber auch nicht so dramatisch, weil das Wasser ruht. Wenn aber nun gebohrt wird, wird das zum Problem“, so Meyers. Selbst das Abpumpen und reinigen der giftigen Brühe sieht er als unlösbares Unterfangen an, da es sich um viele hunderttausend Kubikmeter kontaminiertes Grubenwasser handelt.

Darüber hinaus besteht laut Leo Meyers die Gefahr, dass durch den Erzabbau die Wasserreservoirs austrocknen würden, da für die geplanten Arbeiten eine großangelegte Grundwasserabsenkung notwendig wäre. Dieses Wasser aus dem Kalkstein nutzt die Gemeinde Kelmis aber jetzt, um die Haushalte zu beliefern. Auch für die Pflanzen- und Tierwelt in den mehrere hundert Hektar großen Schutzgebieten entlang der Göhl wäre die Wiederaufnahme des lange ruhenden Wirtschaftszweiges eine Katastrophe.

Das Argument, durch den Abbau würden vor Ort Arbeitsplätze geschaffen, sieht er eher skeptisch. Die Arbeitsstrukturen seien im Bergbau so aufgebaut, dass die Aufgaben von Experten übernommen werden, die nach dem Erschöpfen der Minen weiter ziehen. „Klar werden sicher ein paar Lkw-Fahrer und wenige andere Qualifikationen gebraucht. Der wirkliche Abbau geschieht heutzutage aber supertechnisiert. Da sind Spezialisten am Werk, die sich mit Sprengstoff, Druckwellen und Informatik auskennen. Dieses Know-how gibt es hier nicht.“ Ein weiteres Argument der Walzinc-Befürworter, die sich für einen Abbau nah am Verbraucher aussprechen, revidiert Leo Meyers ebenfalls. Statt im populationsdichten Europa abzubauen, sollten die Unternehmen sich weiterhin u.a. auf den afrikanischen Kontinent konzentrieren – dort allerdings für menschenwürdige, nachhaltige und umweltverträgliche Bedingungen sorgen, wobei „auch ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung aus dem Abbau in diesen Ländern verbleiben sollte“. Gegen den Abbau in Ostbelgien jedenfalls will er sich wehren: „Ich weiß jetzt schon, dass mich das über Jahre viel Zeit und Einsatz kosten wird und wir in der BiHU auf die Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen sind. Es wird auch einiges an Finanzen verschlingen, denn Bergbauunternehmen sind unheimlich kapitalstark. Aber ich weiß auch mit Gewissheit: Am Ende werde ich vielleicht alt und grau sein, aber es wird dann keine Minen geben.“

Personelle und finanzielle Unterstützung ist willkommen, um gegen das Konsortium Walzinc anzugehen. Infos bei der BiHu und Leo Meyers unter der Rufnummer 0049/1757684872 oder hier.

Am Oskarstollen in Kelmis wurde das Erz aus der Grube Schmalgraf abgebaut.