Mehr Lehrlinge, aber noch keine Trendwende in Ostbelgien

Statistik

Mirco George ist im zweiten Lehrjahr. Er hat sich für den Beruf des Schreiners entschieden, weil ihm die Arbeit mit Holz Spaß macht. Die DG-Regierung und das IAWM hoffen, dass in Zukunft vermehrt Jugendliche es ihm nachmachen werden. | Foto: David Hagemann

Nach einer mehrjährigen Talfahrt zieht die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge in Ostbelgien erstmals wieder an. 243 Jungen und Mädchen haben sich in diesem Jahr für eine mittelständische duale Ausbildung entschieden. Problematisch bleibt allerdings die Zahl der unbesetzten Lehrstellen (131), die 2018 nochmals deutlich angestiegen ist.

Von Allan Bastin

Nicht erst seit gestern bildet der Emmelser Familienbetrieb DE.Ko Design & Wohnen ostbelgische Lehrlinge aus. In diesem Jahr hätte die Familie Kohnen gerne einer neuen Nachwuchskraft die Pforten geöffnet. „Doch leider ließ sich der passende Kandidat nicht finden“, erklärt Schreinermeister Martin Kohnen, der genauso zum Betrieb gehört wie Bruder David, Vater Erwin und Mutter Ingrid. „Nächstes Jahr werden wir uns wieder auf die Suche begeben. Doch wird es nicht einfach, weil der angehende Lehrling nicht nur handwerkliche Kompetenzen mitbringen, sondern auch im direkten Kundenkontakt Geschick beweisen muss.“ Neben den Familienmitgliedern sind noch zwei Gesellen und Lehrling Mirco George im Emmelser Betrieb beschäftigt. Letzterer befindet sich im zweiten Lehrjahr: „Die Arbeit mit Holz hat mir auf Anhieb Spaß gemacht“, sagt der 20-Jährige, der sich im Betrieb der Familie Kohnen äußerst wohlzufühlen scheint.

Jährlich suchen sich Ausbildungsminister Harald Mollers (ProDG) und das Institut für Aus- und Weiterbildung im Mittelstand (IAWM) in Person von Direktorin Dr. Verena Greten einen Betrieb in Ostbelgien aus, in dem sie die aktuelle Statistik der Lehrvertragszahlen vorstellen. Dass die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge endlich wieder angestiegen ist, werteten beide Beteiligten als beruhigend. Es sei aber „kein Grund, um von einer Trendwende zu sprechen“, so Verena Greten. Denn dieser positiven Entwicklung steht die steigende Zahl der unbesetzten Lehrstellen gegenüber. Die IAWM-Direktorin macht hierfür zwei Gründe aus. Auf der einen Seite spiele die demografische Entwicklung eine wesentliche Rolle. Die wichtige Zielgruppe der 15- bis 19-Jährigen schrumpfe stetig. Auf der anderen Seite steige die Zahl der Betriebe, die eine Fachkraft ausbilden möchten. Eigentlich eine lobenswerte Sache, doch führe dies zu einer vergrößerten Öffnung der Schere. Daher sind sich IAWM und DG-Regierung auch bewusst, dass sie einen komplizierten Balanceakt vollbringen müssen.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wurden bereits erste Schritte unternommen. So wurde die Lehre über 29 Jahren eingeführt. Das Angebot richtet sich an Menschen, die ein Ersatzeinkommen beziehen, wie zum Beispiel das Arbeitslosengeld. Zwei Kandidaten nehmen seit Schulanfang an diesem Programm teil. Weil die Initiative erst spät vorgestellt wurde, erwartet Harald Mollers im nächsten Jahr einen höheren Zuspruch. „Erst dann können wir die Resonanz erfassen.“ Entscheidend werde die Beratung sein, die betroffene Personen zur Lehre führen kann.

Ein weiterer Meilenstein war die Einführung der sogenannten Anlehre, die im Rahmen des Projektes BIDA II (Berufliche Integration durch Ausbildungsbegleitung) entstanden ist. Jugendliche mit intensivem Betreuungsbedarf werden in diesem Rahmen „fit“ für die duale Ausbildung gemacht. Individuelle Konzepte werden für sie ausgearbeitet. Am Stichtag befanden sich fünf „An-Lehrlinge“ unter Vertrag. Mollers erklärte, dass solche Initiativen besonders wichtig seien, weil der Spagat zwischen steigenden Anforderungen und jungen Leuten, die den Anschluss verpassen, immer größer werde.

Verena Greten betonte aber, dass die Anlehre nicht die Lösung für alle Probleme sei. Das habe die diesjährige Aufnahmeprüfung bewiesen. Dieser Prüfung müssen sich alle interessierten Lehrneueinsteiger stellen, die den schulischen Mindestanforderungen nicht entsprechen. 25 der 49 Teilnehmer konnten die Prüfung nicht bestehen. Ein Großteil der gescheiterten Kandidaten hatte einen Migrationshintergrund und verfügte über äußerst geringe Deutschkenntnisse, was ein Bestehen der Prüfung schier unmöglich machte. Sie in die Anlehre zu schicken, würde aufgrund der sprachlichen Barriere keinen Sinn machen. Daher müssen andere Lösungen her. Mollers weiß um diese Herausforderung und sieht darin eine Chance, weil diesen Menschen durch die Lehre eine Lebensstruktur vermittelt und dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden kann.

Es soll aber nicht nur an diesen Stellen angesetzt werden, um gegen den Fachkräftemangel anzugehen. Es sei weiterhin wichtige Sensibilisierungsarbeit zu leisten, nicht nur bei potenziellen Lehrlingen, sondern auch bei den Eltern. Dort sei das „Wasserfalldenken“, das Studium vor Ausbildung setzt, noch stark verankert. Viel lieber sähe der Minister „eine positive Entscheidung für die mittelständische Ausbildung“.

Minister Harald Mollers, Erwin, Ingrid, David und Martin Kohnen sowie Lehrling Mirco George und IAWM-Direktorin Verena Greten (v.l.n.r.) bei der Werkstattbesichtigung.

Zahlen

243 neue Lehrverträge wurden bis zum 1. Oktober in Ostbelgien unterschrieben. Gegenüber dem Vorjahr (229) entspricht das einem Zuwachs von 5,76 Prozent.

138 Lehrverträge wurden im Norden der DG abgeschlossen. In der Eifel waren es 105 an der Zahl.

131 Lehrstellen sind in diesem Jahr unbesetzt geblieben. Damit wächst die Zahl weiter an.

23,46 Prozent beträgt der Anteil der Mädchen in der dualen mittelständischen Ausbildung. Es haben somit 186 Jungen und 57 Mädchen einen Lehrvertrag abgeschlossen.

66,26 Prozent der Auszubildenden sind bei Lehrvertragsstart 18 Jahre alt oder älter. Die Zahl bleibt im Vergleich zum Vorjahr relativ stabil.

2,57 Jahre dauert eine Lehre im Durchschnitt. Auch in diesem Jahr zeigt sich, dass Verkürzungen der Lehrdauer, aufgrund von im Vorfeld erworbenen Kompetenzen, weiterhin durchgeführt werden. 80 Prozent der neuabgeschlossenen Lehrverträge gehen aber noch über die klassische Dauer von drei Jahren.

23 neue Ausbildungsbetriebe wurden vom IAWM anerkannt. 14 bereits anerkannte Betriebe haben sich für einen neuen Ausbildungsberuf anerkennen lassen. 2017 sprach das IAWM 50 Betrieben die Anerkennung zu.

49 Jugendliche nutzten 2018 das Angebot der vom IAWM organisierten Aufnahmeprüfung. Schlussendlich konnten nur 24 Kandidaten den Weg in die duale Ausbildung finden.

25,1 Prozent der Lehrlinge haben ein niedriges Schulniveau, haben also 2.A oder 3.B bestanden. Jeweils 37,45% haben ein mittleres bzw. höheres Schulniveau.

501 Schüler besuchen in diesem Jahr die Fachkurse. 2014 waren es noch 660. Dafür ist die Zahl der Meisterschüler in diesem Jahr wieder von 145 auf 160 angestiegen.

2 Personen haben das neue Angebot der Lehre über 29 Jahren in Anspruch genommen. Es richtet sich nur an Menschen, die ein Ersatzeinkommen beziehen.

5 junge Menschen sind in das Programm der Anlehre aufgenommen worden. Dieses macht die „An-Lehrlinge“ fit für die duale Ausbildung.

Die beliebtesten Ausbildungsberufe in Ostbelgien 2018 sind (in Klammern die Anzahl der Auszubildenden):
Metallbauer (18), Einzelhändler (16), Elektroinstallateur (15), Bauschreiner (14), Restaurateur (13), KFZ-Mechatroniker (13), Friseur (12), Maurer (12), Gartengestalter (12) und Buchhalter (12).