„Weiterbetrieb von Tihange 1 ist gefährlich“

Sicherheitsanalyse

Das Kernkraftwerk Tihange mit seinen drei Reaktorblöcken am Ufer der Maas. | Foto: reporters

Deutschlands Sorge um Belgiens Atomkraftwerke dürfte hinlänglich bekannt sein. Jetzt liegt die soundsovielte Sicherheitsstudie eines deutschen Experten zu den pannenanfälligen Reaktoren vor, genauer zu Tihange 1, dem ältesten der drei Blöcke am Ufer der Maas. Sie wurde in Auftrag gegeben von Rebecca Harms, der atompolitischen Sprecherin der Grünen im EU-Parlament.

Von Gerd Zeimers

Sechs der sieben belgischen Atomreaktoren stehen zurzeit still. Dazu gehört auch Tihange 1, der wegen Wartungsarbeiten am 13. Oktober vom Netz genommen worden war und am 18. November wieder in Betrieb genommen werden soll. Tihange 1 sei eines der ältesten Atomkraftwerke weltweit, erläutert Rebecca Harms, die sich seit Jahren in die Sicherheitsdebatte um die sogenannten Rissereaktoren Doel 3 und Tihange 2 mischt und jetzt, kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit im EU-Parlament, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diesen einen Reaktor lenken will, der nach den sicherheitstechnischen Grundsätzen der 1970er Jahre gebaut wurde. „Die Reaktorkatastrophen und Erfahrungen von Tschernobyl und Fukushima sowie Harrisburg haben seither zu einer Verschärfung der Sicherheitsanforderungen für AKWs geführt“, so die Grünen-Politikerin, die den Weiterbetrieb von Tihange 1 für hochriskant hält und deshalb eine Studie zum Sicherheitsstand von Tihange 1 in Auftrag gegeben hatte. Die Analyse wurde vorgenommen von Professor Manfred Mertins, der für die deutsche Reaktorsicherheitskommission gearbeitet hat und zahlreiche Kernkraftanlagen von innen kennt.

Der älteste der drei Reaktoren in Tihange ist seit 1975 in Betrieb und leistet 962 Megawatt. Eigentlich sollte der Block nach 40 Jahren stillgelegt werden, doch verlängerte die Föderalregierung die Laufzeit 2015 um zehn Jahre. Tihange 1 geriet wegen Notabschaltungen und anderer Vorfälle in die Kritik. So gab es von 2013 bis 2015 acht sogenannte Precursor-Ereignisse. Das sind Vorfälle in Kernkraftwerken, die die Wahrscheinlichkeit für einen Kernschaden (Kernschmelze) erhöhen.

„Der Weiterbetrieb von Tihange 1 ist äußerst gefährlich“, urteilt Professor Mertins am Donnerstag, als er im EU-Parlament der Presse seine Schlussfolgerungen vorstellte. Die Atomaufsichtsbehörde FANK habe zwar vergangene Woche grünes Licht für einen Neustart gegeben, aber für Mertins weise der Reaktorblock entscheidende Sicherheitsmängel auf. Die internationalen Anforderungen in Sachen Sicherheit und Zuverlässigkeit würden nicht erfüllt. Insbesondere bei den sicherheitstechnischen Einrichtungen zur Wärmeabfuhr würden Defizite bestehen. In den 1980er Jahren sei zwar ein Notstandssystem nachgerüstet worden, doch erfülle dieses nicht die Anforderungen, die an ein Sicherheitssystem zu stellen sind. Die starke Zunahme unvorhergesehener Vorfälle in Tihange 1 zeuge von der Alterung der Anlage, glaubt er. Verstärkt würden die Zweifel an der Störfallsicherheit durch die negative Betriebserfahrung. „Tihange 1 ist nach den Sicherheitsprinzipien der 70er Jahre konzipiert. Die Unfälle, die sich seitdem im Three Mile Island, in Tschernobyl und Fukushima ereignet haben, haben gezeigt, dass die Sicherheitsanforderungen erheblich verschärft werden müssen“, so der deutsche Experte.

Der Kernenergiespezialist, der nur die technischen Aspekte (und nicht etwa die Qualifikation des Personals) analysiert hat, verweist auch auf den „unzureichenden“ Schutz gegen äußere Gefahren wie Hochwasser, Erdbeben oder Flugzeugabsturz (was durch die Nähe des Regionalflughafens Bierset-Lüttich von sicherheitstechnischer Bedeutung ist). „Ein Absturz eines Flugzeuges – größer als ein Sportflugzeug – hätte katastrophale Auswirkungen auf den Standort und dessen Umgebung“, schlussfolgert Mertins. Was das Überflutungsrisiko betrifft, wurden nach einem Stresstest Verbesserungsmaßnahmen in Tihange 1 durchgeführt, doch seien diese im Nachhinein zum Teil wieder abgebaut worden. Zusammenfassend hält der Professor fest: „Unter den dargelegten Geschichtspunkten der defizitären Auslegung des Meilers, der Kritiken am Sicherheitsmanagement sowie der negativen Trends in der Betriebserfahrung stellt der Betrieb von Tihange 1 eine potenzielle Gefahr für den Standort und die Umgebung dar.“

Die Kosten, die entstehen würden, um den Reaktorblock vollständig an die geltenden Sicherheitsanforderungen anzupassen, kann Mertins nicht abschätzen. „Es ist aber angesichts des Alters von Tihange 1 praktisch unmöglich, alle identifizierten Probleme zu lösen“, fügt er hinzu.

Rebecca Harms, die aus dem deutschen Atommüllstandort Gorleben stammt, wird den Analysebericht jetzt der Agentur FANK, der Föderalregierung und allen anderen zuständigen Behörden in Belgien und den Nachbarländern übermitteln. Sie hofft, dass der 82-seitige Report von Mertins hierzulande die gewünschte Aufmerksamkeit erhält und ernsthaft diskutiert wird, „so wie seinerzeit die Arbeit der Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer über die mangelhafte Qualität des Stahls und die Risse in den Wänden der Reaktordruckbehälter von Tihange und Doel“.

Die Atomaufsicht FANK will den Bericht nicht kommentieren, so lange sie ihn nicht erhalten und analysiert hat. Gegenüber dieser Zeitung verweist ein Sprecher lediglich auf Allgemeinplätze: „Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Tihange 1 – wie alle Reaktorblöcke – die geltenden Regeln einhält. Die Agentur wacht fortwährend darüber, dass die Sicherheitsnormen respektiert werden.“