„Schulschwänzer haben das Land wach gerüttelt“

Klima-Protest

Klima-Aktivistin Anuna De Wever (l.) an der Spitze des Protestmarsches am Donnerstag in Brüssel. | Foto: belga

Den „Schulschwänzern fürs Klima“ scheint die Luft noch lange nicht auszugehen. Im Gegenteil: Der von Schülern organisierte Marsch für ein besseres Klima hatte am vierten Donnerstag in Folge in Brüssel zwar weniger Zulauf, doch kamen zur Erstausgabe eines Ablegers in Lüttich immerhin fast 15.000 Jugendliche. In Löwen demonstrierten sogar 3.500 Primarschüler.

Von Gerd Zeimers

Der Rekord von vergangener Woche, als 35.000 Jugendliche in Brüssel zum dritten Mal dem Aufruf der Bewegung „Youth For Climate“ gefolgt waren, wurde am Donnerstag zwar nicht gebrochen, doch ist Dries Cornelissens, einer der Initiatoren des Marsches mehr als zufrieden: „Spielte die Musik bislang vorrangig in der Hauptstadt, hat sich die Protestbewegung nun auf ander Orte im Land verteilt. Insgesamt dürfte das Aufkommen ähnlich groß sein wie vor einer Woche“, sagt er uns nach Ablauf der Kundgebung in Brüssel. Zudem nahmen erstmals auch gezielt Schulen aus der Wallonie an einer Demo in Lüttich teil. Ihre Wurzeln hat die Protestbewegung in Flandern – genauer bei Anuna De Wever (17) und Kyra Gantois (19) aus Mortsel bei Antwerpen. „Wir machen unvermindert weiter. Wir haben das Thema Klima auf die politische Agenda und in die Wohnzimmer der Menschen gebracht. Nächsten Donnerstag sind wir zurück“, sagt De Wever, die auch am Donnerstag an vorderster Front zu finden war, obwohl sie jüngst Morddrohungen erhalten hatte.

Mit Marschieren alleine will „Youth For Climate“ sich aber nicht mehr zufriedengeben. Jetzt sollen Taten folgen. „Mit unseren Kundgebungen haben wir unsere Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht. Unsere Botschaft ist angekommen, und wir haben die Aufmerksamkeit der Politiker, aber jetzt muss etwas Konkretes geschehen“, sagt Anuna De Wever. Zu diesem Zweck hat sich die 17-Jährige mit keinem Geringeren als dem ehemaligen Vizepräsidenten des Weltklimarats IPCC, Jean-Pascal van Ypersele, und dem Baumeister der Region Flandern, Leo Van Broeck, zusammengetan, um die Klimadebatte mit Fakten und Expertenanalysen zu objektivieren und den Politikern Lösungen anzubieten.

Wie? In Form einer Denkfabrik, der eine gewisse, bislang undefinierte Anzahl unabhängiger Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen (Raumordnung, Landwirtschaft, Wohnungsbau, Kernenergie, alternative Energien, Elektroautos usw.) angehören sollen. Auch wie der Modus operandi dieses Gremiums aussehen soll, ist noch nicht deutlich. „Es regnet Freiwillige, die uns unterstützen wollen“, sagt Van Broeck. Ziel ist es, dass rund um drei Themenbereiche ein Konsens gefunden wird: die präzise Definition des Problems rund um Klima und Nachhaltigkeit, die Klärung der diversen Ursachen des Klimawandels und das Finden tragfähiger, finanzierbarer, politisch durchführbarer und eventuell sogar rentabler Lösungen. Van Broeck will innerhalb eines Jahres erste Erkenntnisse anbieten können, damit die neue Regierung nach den Wahlen von Mai diese in ihr Programm aufnehmen kann. „Wir wollen Empfehlungen formulieren, die dann auf ihre effektive Durchführbarkeit gecheckt werden“, erläutert der Baumeister, der sich selbst in seiner neuen „Mission“ als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Politik sieht: „Die protestierenden Jugendlichen müssen die Chance erhalten, von Experten beraten zu werden.“ Mit ein paar intelligenten Lösungen und schnellen Erfolgen innerhalb eines Jahres sei das Thema aber noch lange nicht vom Tisch. „Das ist ein jahrelanger Prozess, aber es gibt nun einen Lichtschimmer am Ende des Tunnels“, so Van Broeck. „Jetzt ist der Moment eines Durchbruchs. Den Bürgern muss die Aussicht auf positive Veränderungen gegeben werden, die realisierbar sind und ihnen keine Angst machen.“

Auch Klimawissenschaftler Van Ypersele ist enthusiastisch. Er sei bereit, den Jugendlichen zu helfen, indem mit wissenschaftlicher Expertise für Klarheit im Diskussionsdschungel rund um Klimawandel und Erderwärmung gesorgt und die Basis für mögliche Lösungen gelegt wird. Und das alles über parteipolitische Grenzen hinweg.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Experten mit unumstößlichen Fakten die Politik vor der Klimakatastrophe warnen. Warum sollen sie dieses Mal mehr Erfolg haben? De Broeck: „Weil die schwänzenden Jugendlichen das Land wachgerüttelt haben. Jetzt ist es an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Wir haben Angst und wollen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.“

Bürger können ihre Ideen zur Klimaverbesserung auf Online-Plattform vorbringen.

Mit dieser wissenschaftlichen Denkfabrik will „Youth For Climate“ ihren Forderungen und Protesten Nachdruck verleihen. Die Bewegung hofft denn auch, international durchbrechen zu können, da die Erderwärmung nun einmal ein globales Problem ist. Neben dem Expertenpanel hat sie noch eine zweite Initiative ergriffen, die eine direkte Bürgerbeteiligung impliziert: die Einrichtung einer Online-Plattform (www.youth4climate.be). Bis Ende März können Bürger dort ihre Ideen zur Verbesserung des Klimas vorbringen, darüber diskutieren und abstimmen. Nach einer Analyse durch Experten werden die realisierbaren Ideen noch vor den Wahlen den politischen Verantwortungsträgern übermittelt. Auch können auf der Site, die demnächst auch auf Deutsch verfügbar sein soll, lokale Bürgerinitiativen, wie beispielsweise Gruppenkäufe von Elektroautos, gestartet werden.