Bestimmen Sie selbst, wo geblitzt wird

Blitzmaraton

Auf der Website www.jeflasheaussi.be können Bürger selbst Standorte für Blitzer vorschlagen. Hier ein Beispiel, wo wir das Radargerät auf die Vervierser Straße in Eupen gesetzt haben. Screenshot: GrenzEcho

Am 17. und 18. Oktober findet in Belgien der zehnte 24-Stunden-Blitzmarathon statt. Wie schon bei der Premiere im Jahr 2014 können auch die Bürger selbst bestimmen, wo die Polizei ihre Radarfallen aufstellen soll.

Von Gerd Zeimers

Geschwindigkeit ist der Killer Nummer eins im Straßenverkehr. Schätzungsweise 30 Prozent der tödlichen Unfälle sind eine direkte Folge von übertriebener oder unangepasster Geschwindigkeit. Dies bedeutet, dass in Belgien Jahr für Jahr mehr als 200 Menschen bei Verkehrsunfällen getötet werden, die von einem Temposünder verursacht wurden. „Schon kleine Differenzen in der Geschwindigkeit können eine große Wirkung haben“, sagt Karin Genoe, Geschäftsführerin des Verkehrsinstituts Vias. „Es reicht, das Tempo um ein paar Stundenkilometer zu drosseln, um das Unfallrisiko und die Schwere eines Unfalls zu reduzieren.“

Genoe beruft sich dabei auf Zahlen einer neuen Studie, wonach eine Senkung der Durchschnittsgeschwindigkeit um ein Prozent die Häufigkeit schwerer bzw. tödlicher Unfälle um zwei bis vier Prozent reduziert. Und: Bei einem Seitenaufprall mit Tempo 50 kommen 40 Prozent der Autofahrer ums Leben; bei mehr als 60 km/h müssen neun von zehn Fahrern ihr Leben lassen. Diese Statistiken hätten aber noch längst nicht alle Belgier überzeugt, meint Genoe. „Geschwindigkeit genießt noch allzu häufig ein positives Image in der Öffentlichkeit – im Gegensatz zu Alkohol. Zahlreiche Autofahrer finden schnelles Fahren normal und wenig gefährlich. Oft sind die Gründe für schnelles Fahren nicht rationaler, sondern emotionaler Art: Schnelles Fahren gilt als sportlich und gibt das Gefühl, Zeit zu gewinnen.“ Laut einer Umfrage findet jeder vierte Belgier Tempo 140 auf Autobahnen akzeptabel, während weniger als zwei Prozent unter ihnen es normal finden, sich betrunken ans Steuer zu setzen.

Vor diesem Hintergrund organisiert Vias gemeinsam mit den föderalen und lokalen Polizeidiensten am 17. Oktober zum zehnten Mal einen 24-stündigen Blitzmarathon auf den Autobahnen und Nebenstraßen des gesamten Landes. Zum zweiten Mal nach der Erstauflage im Jahr 2014 werden auch die Bürger mit in die zwei Mal im Jahr stattfindende Großaktion einbezogen: Sie können bis zum 10. Oktober auf der Website www.jeflasheaussi.be selbst bestimmen, wo die Polizei ihrer Meinung nach eine Radarfalle aufstellen soll – sei es, weil sich in der Nähe eine Schule befindet, weil sich dort zahlreiche Unfälle ereignen, weil die Lärmbelästigung sehr hoch ist,….. Alle Daten werden von Vias gesammelt und den zuständigen Polizeidiensten übermittelt. Es obliegt dann der örtlichen Polizei zu entscheiden, ob der vorgeschlagene Standort opportun ist.

Beim neunten Blitzmarathon im vergangenen April waren 2,53 Prozent der Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Radarfalle geraten. Ein Anteil, der seit einigen Jahren relativ stabil bleibt und ein Hinweis darauf sein könnte, dass es einen harten Kern unbelehrbarer Temposünder gibt. Macht eine solche Großaktion – neben den ohnehin bestehenden lokalen Geschwindigkeitskontrollen – dann überhaupt noch Sinn? „Auf jeden Fall“, sagt Benoît Godart von Vias. „Wichtiger als die Repression und die Bußgelder, die in die Kasse fließen, ist der Aspekt Prävention und Sensibilisierung. Wenn wir den Anspruch erheben, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu senken, müssen wir auch den Anteil der Tempo- und Alkoholsünder weiter reduzieren.“ Beim Verkehrsinstitut steckt man sehr große Hoffnung in neue Technologien wie beispielsweise die Blackbox für verurteilte Temposünder: Ende Oktober will das Verkehrsinstitut mit einem entsprechenden Pilotprojekt (auf freiwilliger Basis) starten.

Polizeigewerkschaften wollen Blitzmarathon boykottieren

Drei von vier Polizeigewerkschaften wollen den Blitzmaraton am 17. und 18. Oktober boykottieren, um gegen den Mangel an Polizisten und den Abbau ihres Statutes zu protestieren.

„Das Maß ist voll“, sagt der CSC-Gewerkschafter Joery Dehaes. „Es fehlen rund 4.000 Polizisten, und das Problem der Unterbesetzung hält an. Hinzu kommen der Abbau unseres Statutes, der Verlust von Zulagen und die Abschaffung unserer Krankenversicherung. Deshalb werden wir den Blitzmarathon boykottieren. Das ist schade, denn er dient einem noblen Zweck. Aber wir müssen ein klares Zeichen setzen, dass es so nicht weitergehen kann.“ Neben CSC wollen auch AZÖD und NGPS an dem Boykott teilnehmen. Die liberale FGOD schließt sich dem Protest nicht an. Die Ankündigung dieser Aktion sei verfrüht, hieß es.

Marc Duplessis (ACOD) hinterfragt auch den Einsatz von Polizisten im neuen Transmigrantenzentrum in Steenokkerzeel. „Sie haben dafür keine Ausbildung erhalten, und es ist nicht klar, was genau ihre Aufgabe ist“, klagt der Gewerkschafter.

Ein Sprecher der föderalen Polizei in Brüssel erklärt uns auf Nachfrage, dass die Organisation des Blitzmarathons zum jetzigen Zeitpunkt nicht gefährdet sei. Mit den Gewerkschaften würden bis dahin ohnehin noch Gespräche geführt.