Der Spion spielte Schumann

NACHTNOTIZEN

Die Vorstellung der Biografie von Willy Mommer (GEV) kommendes Wochenende am Sitz des Ministerpräsidenten ist nicht nur für Ostbelgien ein Ereignis der Sonderklasse.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Das neue Buch von Marie-Claire Mommer und Christoph Brüll trägt den Titel „Im Reich der spitzen Töne“, da ist sogleich eine ungewohnte Note, die sich von den harmonischen Szenen abhebt, mit denen der Eupener Musiker seit Jahrzehnten identifiziert wurde.

Spitze Töne, das klingt riskant und abenteuerlich. Sie offenbaren das Porträt einer Romanfigur, wie man sie hier aus anderen Lebensläufen nicht kennt. Jetzt zu lesen, dass ausgerechnet er, der Milde und Väterliche, in den Kriegsjahren im militärischen deutschen Nachrichtendienst als Spion für Belgien und Großbritannien tätig war, ist sensationell.

Willy Mommer junior war ein Sohn der großen Musikerfamilie aus der Gospertstraße. Er komponierte und dirigierte auf eine unnachahmliche Weise, vor allem das Kgl. Männerquartett. Versunken, schöpferisch, explosiv. Ihn am Klavier zu sehen, war ein Erlebnis.

Sein „Knabenchor“ am „Collège Patronné“ brillierte. Der Meister war ein ruheloser Künstler, der in den Konzertsälen Europas einen Namen hatte. Zugleich wirkte er für Eupen und Belgien als Kulturmanager internationaler Ereignisse. In seiner Heimatstadt und für sein Land war er ein Repräsentant par excellence, König Baudouin hat es ihm oft gedankt.

Der bislang unbekannte Teil seines Lebens lässt aufhorchen. Dass er durch seine Meisterschaft am Klavier im höchsten Machtkreis der Wehrmacht auftrat, war wenigen bekannt. Dass er jedoch das lebensgefährliche Wagnis einging, als Funker im Umfeld der deutschen „Abwehr“ des legendären Admirals Canaris, tätig zu werden, blieb sein Geheimnis. Der Spion spielte Schumann, adagio auf brisantem Hochseil. Canaris selbst war an den Umsturzplänen gegen Hitler beteiligt und wurde im KZ Flossenbürg erhängt. So steht Willy Mommer als Widerständler in einer Reihe mit den todesbereiten KZ-Häftlingen Henri Michel, Fritz Hennes und dem hingerichteten Kaplan Arnolds. Zur Ehre Ostbelgiens.