Eine Liebe an der „sündigen Grenze“

Historie

Maria Leffin auf Papas Motorrad: Ein Foto für die Galerie. Repro: Günther Sander

Als die gute, alte Tram täglich noch zwischen Aachen und Bildchen verkehrte, blieb es nicht aus, dass es in der Oberleitung, bedingt durch den Fahrdraht, oftmals ganz schön funkte. Das war normal. Ähnlich verhielt es sich bei den beiden jungen Menschen Maria Leffin (Bildchen) und Henry „Harry“ Debey (Kelmis).

Von Günther Sander

Für die beiden war die Straßenbahn das Tor zum Glück, sonst hätten sie sich wohl nie kennengelernt und zu einander gefunden. Die Tramfahrt endete in einer glücklichen Ehe. Das war menschlich.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Tram ein begehrtes Personenbeförderungsmittel, um von Aachen nach Bildchen und umgekehrt zu gelangen. Maria Leffin, wohnhaft in Bildchen, Lütticher Straße, fuhr täglich mit ihr zur Arbeit nach Aachen, um als Sekretärin ihrer Beschäftigung nachgehen zu können. Der Automechaniker Henry Debey hingegen nutzte die Fahrgelegenheit, um von Kelmis sich gelegentlich in Aachen umzuschauen. Da blieb es nicht aus, dass der smarte Jüngling aus der Kirchstraße plötzlich nur noch Augen für die hübsche Maria hatte. Besonders auffallend an der jungen Dame waren ihre zwei schwer bepackten Taschen, in denen sich Lebensmittel befanden, die sie nach Feierabend für ihre Eltern besorgen musste, da es in Bildchen kein Geschäft gab.

Der junge Automechaniker war der „erste Belgier“, der nach dem Krieg mit einer Deutschen sechs Jahre lang poussierte.

Henry schien in seinen Bemühungen, mit dem Bildchener Mädchen ins Gespräch zu kommen, Erfolg zu haben. Bald unterhielt man sich, sprach über Gott und die Welt. Und plötzlich dann wurde den beiden klar: Sie fanden Gefallen aneinander, waren verknallt, es hatte gefunkt. Auch ohne Oberleitung. Und wie. Henry Debey machte rasch Nägel mit Köpfen, seine Begehrte schien nicht abgeneigt zu sein, diesem belgischen Jüngling ein wenig entgegen zu kommen. Der junge Automechaniker, der in Verviers sein Handwerk erlernt hatte und jeden Tag mit dem Motorrad zur Arbeit fuhr, war plötzlich „Vorläufer der späteren europäischen Idee“, er war der „erste Belgier“, der nach dem Krieg mit einer Deutschen sechs Jahre lang poussierte – um sie am Ende zum Traualtar zu führen. Happy End einer filmreifen Love-Story.

„Frontier Control“: Die Grenzkontrolle, für Maria und Harry etwas Alltägliches. Repro: Günther Sander

Mehr dazu später. Dieser Henry Debey war in Bildchen „der King.“ Da blieb es nicht aus, dass Marias Familie ihn nur noch liebevoll „Harry“ nannte. Man erinnert sich gerne an die schöne Zeit. „Mit Harry kam Leben bei uns in die Bude“, ist zu hören. Nicht nur Leben, er brachte Schokolade, Zigaretten, Schinken und leckeres Weißbrot mit. Das war so etwas wie eine Bescherung zu Weihnachten, nur öfters. Geselligkeit war Trumpf, denn seine zukünftige Schwiegermutter, die auf der Zither musizierte, stimmte in froher Runde das „Harry Lime Time“ aus dem Film „Der dritte Mann“ an und alle machten mit. Der „Junge aus Kelmis“ war der Star, ein Schwarm. Und siehe da: Bildchen und Kelmis waren auf einmal freundschaftlich vereint. Davon schwärmt man heute noch.

Es kommt aber noch viel besser. In jedem „Derrick“-Krimi forderte Kriminaloberinspektor Stephan Derrick alias Horst Tappert seinen Kollegen Inspektor Harry Klein alias Fritz Wepper freundlich auf: „Hol‘ schon mal den Wagen, Harry!“ In Bildchen war es ganz anders: Da „kam Harry“ mit dem Wagen. Und mit was für einen: einem echten Schlitten, einem Cadillac, einem der neun spektakulärsten Autos von Elvis Presley, dem „King of Cadillac“. Staunen in der Straße. Die Leffins stiegen gerne ein, der Schwiegersohn in spe, Harry Debey, chauffierte alle, mit ihm ging es auf Schipp in die Natur.

1948 gab es als Ouvertüre an Ostern die Verlobung, die groß gefeiert wurde.

Wie kommt denn Harry zu so einem Schlitten? Der Automechaniker verstand sein Handwerk, er wusste, wie man sich ein Zubrot verdienen kann. Harry hatte die Gelegenheit, nebenbei für ein Kelmiser Busunternehmen einen Reisebuss zu fahren. Sein Chef, ein großzügiger Boss, überließ Harry ab und an „seinen Cadillac.“ Dabei reifte in Harry bereits die spätere Reiselust, die er mit seiner Maria an den Tag legte und zu einem großen Hobby der beiden wurde.

1948 gab es als Ouvertüre an Ostern die Verlobung, die groß gefeiert wurde. Highlight dann die Hochzeit am 9. Februar 1952 im Gemeindehaus in Kelmis durch Bürgermeister Kofferschläger standesamtlich. Die kirchliche Trauung fand in der Pfarrkirche zu Kelmis statt. Gefeiert wurde in Bildchen, wie damals üblich, „privat“. Ihre erste Wohnung bezog das verliebte junge Paar am deutsch-belgischen Zoll in der Lütticher Straße, an der „Sündigen Grenze“, beide erlebten die „Bollenienzeit“ hautnah mit. Für Harry gab es einen Berufswechsel, er fand bei der Berufsfeuerwehr Lüttich einen neuen Job, er rutschte dann als „Floriansjünger“ rasch in eine verantwortungsvolle Position. In Lüttich fand man eine neue Heimat, wo sie lange wohnten, wo ihre Tochter geboren wurde und zur Schule ging.

Und weil dieser Harry Debey ein „Mann für alle Fälle“ war, die Polizei in Lüttich dringend einen Dolmetscher suchte, kam nur einer in Frage: Der Kelmeser Jong! Wurden vor Gericht „Organisierte Verbrechen“ verhandelt, war Harry mit dabei, als Dolmetscher. Ein schöne Zeit, wie Harry sich gerne erinnert.

Als Dolmetscher leistete der Kelmiser wertvolle Dienste bei Gerichtsprozessen.

Natürlich war Bildchen nach wie vor an Wochenenden immer ein lohnendes Ziel – zur Familie. 1985 ging es von Lüttich zurück nach Bildchen, ins Elternhaus seiner Frau. Seine liebe Maria ist leider vor fünf Jahren im Alter von 85 Jahren verstorben, sie fand auf dem Friedhof in Kelmis, wo alles begann, ihre letzte Ruhe. Harrys Tochter Hedi mit Ehemann wohnt in Kelmis, deren beiden Kinder mit Partnern ebenfalls im belgischen Grenzraum. Für die ganze Familie ist Harry der Papi und Opi, ein Mensch, den man liebt und verehrt.

Harry Debey (94) war lange vorher schon ein Vorreiter der „europäischen Idee“. | Foto: privat

Der heute 94-jährige Harry Debey pendelt häufig zu seinen „Lieben“ nach Kelmis, wo auch noch seine Schwester (90) wohnt. Abends genießt er gerne ein Gläschen französischen Rotwein, trinkt ein belgisches Bierchen, verachtet aber auch einen Genever nicht. Freude kommt stets auf, wenn sein Schwager aus Aachen ihn mit dem Auto abholt, dann fahren beide nach Epen in den Niederlanden, lassen es sich in einem Restaurant gut gehen. Ja, und in Bildchen, in der Nähe seines Hauses, führt der direkte Weg schnurstracks durch den Öcher Bösch zum Restaurant „Gut Entenpfuhl.“ Dort hat er viele Jahre mit seiner Frau Maria Feste gefeiert. Heute genießt er dort mit seinem Schwager ein leckeres Roastbeef mit Bratkartoffeln.

Übrigens, der Cadillac, das ist verdammt lange her. Und das Autofahren hat er auch dran gegeben. „Man wird halt älter“, lacht Harry.