Eine gefährliche Entwicklung: Immer weniger Kinder können schwimmen

Debatte

Immer weniger Kinder scheinen in Ostbelgien schwimmen zu können. | Foto: David Hagemann

In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Unglücke, bei denen Kinder ertranken. Der Grund: Sie konnten nicht schwimmen. In Ostbelgien bemerken Schwimmlehrer, dass immer mehr Heranwachsende im Wasser eine schlechte Figur abgeben. Verlässliche Zahlen gibt es dazu nicht, der gefährliche Trend ist aber erkennbar.

Von Mario Vondegracht

Zu Beginn ein paar Fakten aus Deutschland: Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage können im Nachbarland mehr als die Hälfte der zehnjährigen Kinder nicht schwimmen. Bei den Erwachsenen sind es knapp 50 Prozent, die sich als Nichtschwimmer bezeichnen oder nur schlecht schwimmen können. Zwar gibt es hierzulande kein zuverlässiges Zahlenmaterial, doch in Belgien dürfte die Anzahl der Nichtschwimmer in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen sein. Gleichzeitig häuften sich die Meldungen von Menschen, die in Bädern, Seen und Flüssen ertrunken sind, was nicht nur dem guten Sommer mit mehr Badegästen anzulasten ist. Was ist also los in Belgien bzw. Ostbelgien?

Die Gründe dafür, dass sowohl viele Kinder aber auch Erwachsene nicht schwimmen können oder die Gefahren unterschätzen, sind vielschichtig. Zwar müssen die Schüler in der Deutschsprachigen Gemeinschaft laut Dekret eigentlich bis zum Ende des vierten Schuljahres schwimmen können. Aber das ist dem Vernehmen nach immer seltener der Fall.

Laut Dekret müsste jeder Schüler ab dem 5. Primarschuljahr schwimmen können.

Dieser Meinung ist auch Alexander Offermann, seit 20 Jahren Schwimmlehrer in Kelmis und verantwortlich für die Koordination der Schwimmschule des örtlichen Klubs ist. Der 40-Jährige stellt fest: „Zahlen kann ich leider nicht nennen, denn viele Menschen bleiben einem Becken fern, wenn sie nicht schwimmen können. Das kann man nicht messen. Aber uns fällt auf, dass es von Jahr zu Jahr immer schwieriger wird, Kindern das Schwimmen beizubringen.“ Das sei mehreren Faktoren geschuldet, weiß der Kelmiser. Das Argument, dass es wie in Deutschland zu vielen Badschließungen gekommen sei, zähle nicht dazu. Offermann: „In Ostbelgien haben wir unsere Bäder wie in St.Vith modernisiert und wie in Eupen und Kelmis sogar neugebaut.“ Der Schwimmlehrer möchte auch den Schulen nicht den Schwarzen Peter zuschieben, denn zum einen seien die Schulen nur in der Primarschule dazu per Dekret verpflichtet, Schwimmunterricht zu geben. „Ab der Sekundarschule gilt das aber nicht mehr“, erklärt der 40-jährige Informatiker weiter. Und zum anderen seien die Lehrer mit der ihr zur Verfügung stehenden Zeit überfordert, denn beispielsweise müsse die Klasse während zwei Unterrichtsstunden zum Bad gelangen (in Kelmis zu Fuß), sich umziehen und anschließend auch wieder duschen und anziehen. „Da bleibt im Wasser selbst nicht mehr viel Zeit übrig für den Unterricht“, berichtet Offermann: „Außerdem ist es so: Desto älter die Kinder sind, desto größer ist das Spektrum zwischen Nichtschwimmern und Schwimmern, die vielleicht noch im Schwimmklub sind oder Privatunterricht erhalten haben.“ Das vereinfache die Situation für Sport- bzw. Schwimmlehrer nicht.

Ist seit 20 Jahren Schwimmlehrer in Kelmis: Alexander Offermann. Fotot: privat

Ein Hauptgrund für die Misere ist laut Offermann hingegen die „Bequemlichkeit“ vieler Eltern, die ihre Kinder nicht an einem Samstagnachmittag für eine Stunde zum Training brächten, weil es für sie wohl zeitlich zu nah an der Abendgestaltung liege. Neben den vielen Sportangeboten, die Kinder und Jugendliche heutzutage nun einmal angeboten werden, hätten die Eltern mit der „Generation PlayStation“ zudem keine einfache Aufgabe, die Kinder zum Schwimmunterricht zu überreden.

Der Kelmiser will allerdings auch nicht alles schwarzmalen, denn eine große Anzahl an Kindern und Eltern seien weiter engagiert und das Kelmiser Galmeibad keineswegs leer gefegt.

In St.Vith steigt der Druck, weil das Schulschwimmen nicht mehr ausreicht.

Während in Eupen der Direktor des neuen Wetzlarbades, Christian Degavre, im BRF mahnt, dass man beim Schwimm-Marathon feststellen müsse, „dass immer mehr Schüler vom dritten und vierten Schuljahr noch eine Schwimmhilfe nutzen müssen“, sieht die Situation in St.Vith anders aus. „Mir liegen leider keine Zahlen vor, um etwas zu belegen“, berichtet Elisabeth Kohnenmergen von der Schwimmschule St.Vith (SSSV): „Die Nachfrage für unseren Basiskurs für Kinder ab fünf Jahren, die am Ende des Unterrichts eine Länge von 25 Metern schwimmen können sollen, ist nach wie vor sehr groß. Wir haben immer eine Warteliste von etwa 80 Kindern. Eigentlich ist die Resonanz also konstant, obschon viele Trainer mittlerweile auch Privatkurse geben.“

Kohnenmergen berichtet aber davon, dass den SSSV-Verantwortlichen seitens der Eltern mitgeteilt wird, dass der Druck hoch sei, weil „das Schulschwimmen nicht mehr ausreicht, um korrekt schwimmen zu lernen“. Manche Schulen gingen nur alle zwei Wochen, andere noch weniger, ins S.Vither Bad. Außerdem seien die Schulgruppen zu groß.

Doch was tun? Alexander Offermann schlägt vor, die Eltern „wachzurütteln“ und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man die Kinder wieder ans Schwimmen heranführen kann. „Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Schulen und den Lehrern“, so der Kelmiser, der auch mit dem Vorurteil aufräumen will, dass ein Schwimmklub nur auf Leistungsschwimmer aus ist. Das Gegenteil sei der Fall: „Wir in Kelmis, aber auch die Vereine in Eupen und St.Vith bieten für alle etwas an – in der Schwimmschule, in einem Fortgeschrittenenkurs oder in der Wettkampfabteilung.“

Hintergrund: DG-Minister wollen sich des Themas annehmen

  • Die Diskussion um den Rückgang der Menschen, die in Ostbelgien schwimmen können, hat auch die Politik erreicht. Ihnen liege bisher „leider kein verlässliches Zahlenmaterial“ vor, bemerkten Sportministerin Isabelle Weykmans (PFF) und Schulminister Harald Mollers (ProDG) gegenüber dem GrenzEcho.
  • „Schwimmen zählt laut Rahmenplan Sport zu den sechs ‚tätigkeitsbezogenen Kompetenzerwartungen‘ der Primarschule und ist ein verpflichtender Bestandteil des Unterrichts in der Unter- und Mittelstufe“, erklären die Politiker: „Allerdings wird in vielen Schulen Schwimmen durchgehend bis Ende der Sekundarschule angeboten.“
  • Das eigentliche Erlernen des Schwimmens fände für die meisten Schüler in der Mittelstufe der Primarschule statt, „nicht zuletzt auch deswegen, weil dieses Alter besonders günstige Voraussetzungen für motorisches Lernen birgt“. Das bedeute, dass die Schüler in der Regel zum Ende der Mittelstufe schwimmen können.
  • Mollers und Weykmans wissen aber auch: „Flächendeckende Erhebungen zum effektiven Leistungsstand der Schüler im Schwimmen wurden bisher noch nicht durchgeführt.“ Fest stehe, dass die Anzahl der Schwimmstunden in den Grundschulen sich in den letzten Jahren nicht verändert habe.
  • Bildungsminister Mollers hat angekündigt, nach den Kommunalwahlen gemeinsam mit den Schulen und Schulträgern mögliche Ursachen für die anscheinend rückläufigen Schwimmkompetenzen zu erörtern und nach Lösungen zu suchen.
  • Beide Minister sind der Meinung, dass sowohl die Eltern als auch die Schulen in der Pflicht sind. „Beiden kommt beim Erlernen des Schwimmens eine wichtige Rolle zu. Die Grundschulen müssen ihrem gesetzlich vorgeschriebenen Auftrag, allen Kindern das Schwimmen beizubringen, nachkommen. Allerdings kommt den Eltern ebenfalls eine wichtige Rolle zu, in dem sie gerade den jüngeren Kindern die Angst vor dem Wasser nehmen und ihnen später durch regelmäßige Schwimmbadbesuche im kleinen, familiären Kreis ermöglichen, die erworbenen Fähigkeiten beizubehalten und auszubauen.“