Der Maler im Abendlicht

NACHTNOTIZEN

Seit vielen Jahren pflegt Freddy Derwahl enge, freundschaftliche Kontakte zu dem Eupener Maler Adolf Christmann. Heute feiert Christmann seinen 90. Geburtstag.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Fragt man heute an seinem 90. Geburtstag den Maler Adolf Christmann, wie es ihm geht, antwortet er mit einem vielsagenden Schmunzeln. Das Alter hat ihn weise und dankbar gemacht und selbst wenn der einstige Pariser Flaneur auch etwas gemächlicher durch seine Heimatstadt Eupen tippelt, ist ihm die Robustheit nicht abhanden gekommen. Sie war unverzichtbar, um sein langes Künstlerleben wie ein Meister zu bestehen. Maler wie er zehren vom Licht; von der Hufengasse bis ins anatolische Hinterland gelang es ihm, auf dessen Spur zu bleiben. Wurde Eupen zu grau, brach Sehnsucht nach Süden aus, alle Pinsel nahm er mit.

Adolf ist ein treuer Freund. Wenn er erzählt, flüstert er gerne: keine großen Geschichten, aber deren typische Details. Sie haben seine Gemälde stark gemacht. Vom Mädchenlächeln bis zum Fenstersims des Klösterchens schaffte er eine schwebende Präzision, die leicht daher kommt und schwer erarbeitet wurde. Da entdeckte sein zugekniffenes Auge mehr als die Landvermesser. Gutachten der Denkmalschützer machte er überflüssig.

Wer seine verwinkelte Altstadt sieht, versteht, wo das Herz von Eupen schlägt. Die Unterstadt befreite er aus der Vergessenheit. Die Burg Stockem malte er in der Wintersonne, die Schwarze Brücke im herbstlichen Rot. Und schließlich die Türme von St. Nikolaus: Nur ein Steinwurf von der väterlichen Bäckerei entfernt, sah er sie brennen und sah sie grünen.

Ob in der Sahara, auf Montmartre oder in Eifel und Ardennen, die Kunst des Porträts hat dem Maler nicht nur ein sorgenfreies Schaffen ermöglicht. Seine Menschenkenntnis reicht vom sich grazil beugenden Aktmodell bis zum betrunkenen Clochard. Sein gesamtes Werk ist eine Dokumentation ebenso stillen wie prallen Daseins. Adolf Christmanns Lebensfreude in den Nachtcafés von Pigalle hatte immer auch eine kontemplative Seite. Diskreter Einblick in die Geschichten hinter den Geschichten. Viel Mitleidenschaft für die Menschen und verliebt in die Schönheit der Welt.