Die verhaftete Demokratie

NACHTNOTIZEN

Proteste gegen die Inhaftierung von Regierungsmitgliedern aus Katalonien in Barcelona | Foto: afp

Es ist ein Kampf mit juristischen Finessen, der um den Belgien-Aufenthalt der katalanischen Minister von Carles Puidgemont ausgefochten wird. Die von Spanien Gesuchten haben sich das in der nahen EU labilste Land ausgesucht. Ihre einstweilige Freilassung scheint ihnen recht zu geben. Verhaftungen von Demokraten wagt allein Spanien. Belgiens Justiz war selten in einer solch heiklen Situation, doch ist sie im Polit-Krimi geübt.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Frankreich kam seit dem Terror im Baskenland für die Flüchtenden nicht infrage, zu sehr vorbelastet, zu sehr Nachbar. In Deutschland hätte der Verfassungsschutz gleich zugeschlagen. Luxemburg ist zu übersichtlich. England hat mit Nordiren und Schotten schon genug am Hals. Belgien birgt jedoch noch immer schlummernde Regionalkonflikte und die Hauptstadt Brüssel einen spannenden Symbolwert. Was ist den Eurokraten das Wort „Demokratie“ wert?

Aber: Ob IRA, ETA, Südtirol oder Flandern, immer schwebte über den mit viel Geld gelösten Regionalkonflikten ein Hauch Gewalt. Der Bestseller von Jacques Neirynck „Der Kampf um Brüssel“ ist nicht nur ein Roman. Die Brenner-Attentäter sind in Bozen heimliche Helden. Die Bilder der auf Demonstranten einknüppelnden Polizei in Barcelona gingen um die Welt, sogar Premierminister Michel protestierte. Belgien hat jedoch jahrelang im Streit um die Voer-Dörfer die Nachbarn aufhorchen lassen.

Reihum stürzten die Regierungen, Schüsse fielen, Steine flogen, die Happart-Brüder stoppten sogar den Konvoi von König Baudouin. Pikantes Detail am Rande: In der aus Aubel startenden Demonstration „Les Fourons wallons“ marschierte auch ein deutschsprachiger Bürgermeister, der sich jetzt als spanischer Nationalist empfiehlt.

Ostbelgien kam für handgreifliche Konflikte nie infrage. Die einige Jahre vom Bombenleger Burger geleitete Niermann-Stiftung griff hier nur mit versteckten Spenden ein. Im Schutz der Eifelnächte wurden „Bullange“ und „Hunnange“ von Tätern überpinselt, die der Polizei bekannt waren. Die Schlagworte „Los von Lüttich“ blieben eine Warnung. Es stritten brave „deutschostbelgische“ Doktoren mit weißer Weste. Kein Zufluchtsort für katalanische Rebellen.