Wir sind nicht Korsika

NACHTNOTIZEN

Wenn man bedenkt, welch provinzieller Schilderkrieg seit Jahrzehnten mit stets wechselnden Hinweisen auf Provinzzugehörigkeiten an der E40 zwischen Lüttich und Limburg geführt wird, oder wie oft sich Ausländer an Autobahnkreuzen zwischen Mons und Bergen verirren, ist das Verbot eines freundlichen Grußes „Willkommen in Ostbelgien“ eine Farce.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Wo leben wir denn? Wer in Wallonien will uns verbieten, die internationalen Gäste auf unsere in Belgien anerkannte und in Europa geschätzte Gemeinschaft aufmerksam zu machen? Wie kann ein Minister auf die kleingedruckte Verfassung pochen, wenn der Geist der Gesetze Offenheit gewährt?

Minister Maxime Prévots Vergleich Ostbelgiens mit Korsika erreicht eine andere Dimension. Man darf sie auch Dummheit oder Boshaftigkeit nennen. Als es in den 70er Jahren im Konflikt auf der Mittelmeerinsel zu Terror und Bombenanschlägen mit Toten und Verletzten kam, herrschte zwischen Eupen und St.Vith nahezu beschauliche Stille.

Ein mit Teer beschmierter Grundstein in Worriken, überpinselte Schilder in der Eifel und der Schriftzug „Los von Lüttich“ auf dem kaum befahrenen Eichenberg konnten braver kaum sein. Politiker und Polizei kannten die Männer mit den Farbtöpfen, an sich etwas lichtscheue, aber durchaus ehrbare Bürger, als Märtyrer völlig ungeeignet.

Der Regionalabgeordnete Edmund Stoffels hat jetzt gegenüber dem sich windenden Minister einen Ton angeschlagen, auf den viele Ostbelgier gewartet haben. Unterdessen meldet die Ministerin Isabelle Weykmans beeindruckende Daten der touristischen Willkommenskultur. Senator Karl-Heinz Lambertz öffnet dem Standort Ostbelgien als neuer Präsident des Ausschusses der Regionen ganz neue Möglichkeiten. Der in der Regierungskrise um seinen Posten bangender Minister Maxime Prévot wird an diesen Fakten nichts ändern können.

Der Lärm im Umfeld des Nationalfeiertages macht dennoch Sinn: Er verweist auf die Labilität unserer föderalen Strukturen und auf die Notwendigkeit ostbelgischer Solidarität. Wir sind tatsächlich nicht mehr die „Nicknegerchen“ Walloniens, dem wir seit einem halben Jahrhundert jeden Fortschritt abringen mussten. Immer kannten sie Verfassungsartikel, die das angeblich unmöglich machten.