Wenn 99 verlassene Schafe sich braun verfärben

Kommentar

Wenn die Staatsgewalt sich selbst aufgibt, überläßt sie ihre Bürger den Populisten und Rechtsextremisten. | Foto: Photo News

Mob, Zusammenrottung, Rassismus, Hetzjagd, Pogrom – das sind die Begriffe, an denen sich gerade ein ganzes Land aufreibt. Gemeint ist unser Nachbarland Deutschland, gemeint ist Chemnitz. Keine Sorge, ich werde mich nicht zu einer Videoanalyse hinreißen lassen. Auch werde ich keine Fotos mit der Lupe absuchen, um festzustellen, wer neben wem, und wer hinter wem ging. Und ich werde auch keine Tonmitschnitte abhören, um Hetzparolen zu identifizieren und, im Idealfall, zuzuordnen. Mir geht es um etwas ganz anderes, nämlich um die Frage, warum man in Deutschland insbesondere, aber auch in unseren westlichen Demokratien allgemein nicht mehr zu den wahren Gründen von Entwicklungen vordringen kann. Um diese womöglich zu identifizieren und Gegenmaßnahmen einzuleiten, damit die Welt – vielleicht – wieder langsam in Ordnung kommt. Oder zumindest einige Fehlentwicklungen korrigiert werden können.

Von Oswald Schröder

Die Antwort ist ziemlich einfach: Eine echte Diskussion wird unmöglich, wenn man nicht mehr normal miteinander reden kann: mit normalem Wortschatz, so wie einem der Schnabel gewachsen ist und ohne die Angst, nach dem dritten Wort in eine bestimmte Schublade gesteckt, mit einem Stempel versehen, oder in einen braunen Sack gesteckt zu werden.

Genau dort sind wir aber bereits angekommen. Kein Mensch diskutiert mehr über die Fakten und Situationen, die man vielleicht ändern müsste, um bestimmten Entwicklungen Einhalt zu gebieten.

Merkt denn niemand, dass es eine schweigende Masse gibt, die sich im Zeitalter von Globalisierung, Digitalisierung und Genderlosigkeit längst abgehängt fühlt? Oder sich, wie viele Menschen in Ostdeutschland, ausgegrenzt und unverstanden im eigenen Land fühlt? In das man vor knapp 30 Jahren mit so viel Hoffnung durch einen Sprung über eine Mauer hinein hüpfte. Auch bei uns gibt es solche Abgehängte: Sie wohnen in Problemvierteln oder, nahezu unbemerkt, in der Wohnung nebenan.

Dabei zeigt doch die Entwicklung des Zuspruchs für rechte Parteien nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweden, wo am Sonntag gewählt wurde, und auch in Belgien, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige sein kann. Warum sonst werden die rechten Parteien immer stärker, und die Populisten immer lauter? Die Entwicklung der Sozialdemokratie überall in Europa zeigt, wo es sich für rechtsextreme Gruppierungen lohnt, nach Wählern zu fischen, nämlich vornehmlich dort, wo die Schwächeren unserer Gesellschaft sind.

Wenn die Politik nicht endlich begreift, dass sie die wahren Probleme anpacken muss, die unsere Gesellschaft spalten, statt sich damit zu begnügen den vermeintlichen Spaltern Spaltung vorzuwerfen, geht nicht nur die Sozialdemokratie, sondern die Demokratie insgesamt den Bach runter. Der Staat hat bestimmte Grundaufgaben. Dazu gehören auch und nicht zuletzt die Durchsetzung der eigenen Gesetze, die Gewährleistung der Sicherheit seiner Bürger, die Sicherung der eigenen Grenzen. Und auch die Grundversorgung seiner Bevölkerung sowie der Respekt vor jedem, egal welchen Beitrag er zum Gemeinwohl leistet und wo er mental steht. Andere Themen mögen auch wichtig sein, denn schließlich soll jeder Bürger sich in seinem Staat zu Hause fühlen, egal wie er denkt, lebt und fühlt.

Es kann nicht sein, dass die Politik, ähnlich wie bei Lukas beschrieben, 99 Schafe in der Steppe zurücklässt, um dem einen verlorenen Schaf hinterherzulaufen. Denn sonst muss sie sich nicht wundern, wenn die sich in Abwesenheit des Hirten langsam dunkel verfärben.