Wir Kinder der Gülcherstraße

Erlebte Geschichte (Teil 1)

Blick in die einst eher graue und unansehnliche Gülcherstraße.

Jahrgang 1956, wohnhaft im Haus Nr. 40 bis 1978. Ich bin ein Kind der Gülcherstraße. Die Sommer waren warm und sonnig; die Winter schneereich und kalt. Die Eisblumen an den Fensterscheiben entlockten in uns die Kreativität. Mit den Fingern drückten wir fantasievolle Figuren in die Eisschicht. Die Feuersirene heulte. Bei jedem Wetter fuhr Feuerwehrmann Emil Dodt mit dem Fahrrad Richtung Feuerwehrkaserne im Fuhrpark, Richtung Peter Mengels, der ihn dann im Mannschaftsbus mitnahm. Peter Mengels war Kohle- und Briketthändler in der Haasstraße. Die tägliche Post trug der Briefträger Herr Offermann aus.

von edgar hungs

Kinderspiele, Schule und Kindermesse

Knickerspiel, Räuber und Gendarm, Fußball, drei Ecken – ein Penalty. Ein Lederball war eine Seltenheit. Gespielt wurde gegen das große Eisengitter zum Anwesen des Herrn Wernerus Haus Nr. 59. Im Anwesen befand sich entlang des Dieks eine Baumbepflanzung. Der kleine Bach wurde „Lögewater“ (Lügenwasser) genannt. Der Bach wurde in der Nähe der Hillbrücke ca. 300 m von der Gülcherstraße entfernt aufgestaut und abgeleitet. Mitten in der Bepflanzung befand sich ein Rohreingang. Hier herrschte Spielverbot. Wahrscheinlich diente er dazu, die ehemalige „Tömmermanns Möhle“ (Zimmermanns Mühle) zu speisen. Im Innenhof des Anwesens befindet sich heute noch das kleine Wohnhaus des Mühlenbetreibers. Auf der anderen Seite des Baches, im Garten des Hauses Nr. 61, reparierte und verkaufte Albert Wey in einer selbstgebauten Holzbude Fahrräder. Im Erdgeschoss des Hauses wohnte Lehrer Alfred Rotheudt mit seiner Familie. Später eröffnete Herr Wey ein Fahrradgeschäft im Schilsweg Nr. 24.

Wir hatten den oberen Ortsteil Hütte eingegliedert. Dort wohnten Freunde. Gemeinsam zogen wir zum Schwimmen an die Flusskreuzung von Hill und Soor. Es war immer ein Tagesausflug, mit Rucksack, Decke und den Anweisungen unserer Eltern. Dort regierten wir, bauten aus den glitschigen Bachsteinen einen Staudamm. Die einzigen Feinde waren die Stechmücken und Hornissen. Zusammen ging es im Winter zum Rodeln Richtung „Ossemann’s Wies“ gegenüber dem Wetzlarbad. Skier hatte keiner von uns. Der einsitzige Holzschlitten war unser Rennrodel. Meisterschaften wurden ausgetragen.

Gemeinsam gingen wir sonntags zur Kindermesse und nachmittags zur Christenlehre. Respektvoll lauschten wir den Worten von Pfarrer Joseph Hilligsmann. Unter den wachsamen Augen des Pastors waren Gehorsam und Benehmen angesagt. Wir alle besuchten die Unterstädter Knabenschule im Scheibler-Haus. Lehrer Klaus Orban brachte uns Lesen und Schreiben bei. Ein Mief von Kreide und nassem Schwamm lag im Klassenraum, das Gebälk knarrte unter den Schuhen. Rektor Fred Simon erteilte Gesangsunterricht. Nebenan die Mädchenschule unter der strengen Leitung von Direktorin Gerta Valkenberg. Wir nannten sie kurz „Fackel“. Kontaktaufnahme mit den Mädchen war unmöglich. Während der Schul- und Sonntagsmesse saßen die Mädchen links, die Jungen rechts. Klare Geschlechtertrennung. Ein Messingschild auf der Kirchenbank mit der Aufschrift „Lehrer“ markierte die Grenze. Dahinter saßen die Erwachsenen. Respekt hatten wir auch vor dem Revierpolizisten August Hermanns. Er wohnte in der Oberen Rottergasse, hielt täglich seine Runde durchs Revier. Wir wussten, dass er jede kleinste Verfehlung sofort unseren Eltern meldete. „Im Namen des Gesetzes, ich bin die Macht“.

Alltagsleben in der Gülcherstraße

Auf den Stufen zum Eingang der Siedlungshäuser saßen die Bewohner und unterhielten sich. Am Wochenende gab es dazu Kuchen und Kaffee. Argwöhnisch glitten ihre Augen den vorbeigehenden Leuten nach. Man spürte es förmlich. Die Straße wurde 1926 nach dem Eupener Geheimen Kommerzienrat Arthur Gülcher (*1826 †1899) benannt. 1924 hatte die Baugenossenschaft Eupen mit dem Bau der Arbeitersiedlung am so genannten „Hütterwiesenweg“ begonnen. Arthur Gülcher war Tuchfabrikant und leitete im oberen Ortsteil Hütte, an der Waldgrenze, die Kammgarnspinnerei Gülcher & von Grand Ry (heute Rohrwerk der Kabelwerk AG). Er ließ am Abhang des Binstert im Hütterprivatweg preiswerte Wohnungen für seine Arbeiter bauen.

Von ihrem Wohnsitz im Schilsweg aus zogen August und Albertine Brüll jeden Samstag mit ihrem Pferdefuhrwerk durch die Gülcher-straße und verkauften frisches Gemüse und Obst. Sobald das Fuhrwerk vorbei war, huschten schnell die Hobbygärtner hinter dem Wagen her, um die „Pärdsköttele“ als Dünger für ihren Hinterhofgarten einzusammeln. Ein Halt wurde immer bei Bornes bzw. beim „Schiller“ eingelegt. Das Pferd bekam dann einen aus Sackleinen gefertigten Futterbeutel umgehangen. August und Albertine machten Pause. Am 27.10.1965, um 7.15 Uhr, wurde August Brüll im Bellmerin Opfer eines tragischen Unfalls. Er starb mit 59 Jahren, mit ihm der letzte Eupener Pferdefuhrwerkbesitzer und ein Stück Eupener Romantik.

Die Saison im Wetzlarbad hatte begonnen. Wir kauften eine Jahreskarte. Die Badesaison hatte für uns etwas Territoriales. Die Gülcherstraße war Durchgangsstraße zum Wetzlarbad. Es gab Rückzugsorte, von denen aus wir zum „Angriff“ übergingen. Hier waren wir die Herrscher in kurzen, aalglatten Lederhosen. Leidenschaftlich führten wir die „Straßenkämpfe“ aus. Hier wohnen wir. Kampfgeist pur. Da flogen die schwarz-weißen Turnbeutel durch die Luft. Die Papierschleuder zeigte Wirkung. Zwischen Daumen und Zeigefinger einen Gummi gespannt, verpulverten wir die am Vorabend aus Papier gefaltete Munition. Herbe und deftige Worte wurden gewechselt. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Freundschaft feierten wir anschließend im Wetzlarbad.

– Wird fortgesetzt –

Das alte Foto zeigt die ersten Häuser der Gülcherstraße an der Abzweigung vom Schilsweg.
Sorgfältig pflegten die Anwohner ihre Hinterhofgärten. Zum Düngen waren Pferdeäpfel willkommen.
Der Diek „et Lögewater“ diente zum Antrieb der Getreidemühle Zimmermann.
Die Treppen zu den Hauseingängen luden im Sommer zum geselligen Plausch ein.