Schlaglichter der frühen Geschichte

Der Übertitel „Grenzerfahrungen“ für die sechs Bände zur DG-Geschichte ist nicht von ungefähr gewählt, denn das Leben an und mit der Grenze hat die Bewohner der Region schon immer geprägt. Vor zwei Jahren ist bereits Band 5 der Reihe erschienen, der die Zeitspanne von 1945 bis 1973 in den Fokus rückt. Zehn Autoren hatten sich dabei den wichtigen Fragen der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostbelgiens genähert.

Die Bedingungen für die Verwirklichung von Band I, der die Antike und das Mittelalter thematisiert, waren ganz anders: „Die Quellenlage ist zu dürftig, um eine durchgängige Geschichte dieser Zeiträume schreiben zu können. Das ist eigentlich erst ab dem Hochmittelalter möglich“, sagt der Eupener Althistoriker David Engels, der den neuen Band zusammen mit Carlo Lejeune herausgegeben hat.

16 Autoren blicken in dem neuen Sammelwerk auf den Raum zwischen Göhl und Our, der mit den Kelten erstmals historisch greifbar wird. „Angesichts der Quellenlage und weil der abgedeckte Zeitraum sehr groß ist, haben wir uns ganz bewusst nicht für eine sukzessive, sondern für eine paradigmatische Erzählweise entschieden“, so Engels vor der Präsentation des neuen Bandes heute Abend am Sitz des Ministerpräsidenten (Gospert42) in Eupen.

Der Leser erfährt unter anderem Einblicke in die Bestattungssitten der Kelten am Beispiel geöffneter Hügelgräber bei Grüfflingen und Neundorf sowie Näheres über die geheimnisvolle Pflasterstraße im Hohen Venn, die im Volksmund die Bezeichnung „pavé Charlemagne“ erhielt. Unterbrochen werden solche „Schlaglichter“ auf die frühe DG-Geschichte durch historische Überblicksbeiträge, die den roten Faden ausmachen.

David Engels selbst geht der Frage nach, was die Römer uns gebracht haben. „Die Bedeutung der römischen Zeit für die Geschichte der Menschen auf dem Gebiet der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft kann wohl kaum überschätzt werden“, schlussfolgert er. Denn das halbe Jahrtausend römischer Zivilisation habe nicht nur die allgemeine Erfahrung von Rechtsstaatlichkeit, Überregionalität und Zivilgesellschaft mit sich gebracht, sondern auch mehrere spezifische Rahmenbedingungen geschaffen, welche bis heute von zentraler Bedeutung für das Leben an der deutsch-belgischen Grenze seien.

Dieses Gebiet ist arm an archäologischen Funden aus der Römerzeit. Die Gründe liegen auf der Hand: Einerseits wurde dort kaum nach Überresten aus dieser Zeit gesucht, andererseits war die klimatisch raue Region seinerzeit nur schwach besiedelt – für mögliche Funde bietet sie dafür naturgemäß weniger Gelegenheiten.

Eine Ausnahme bildet die „villa rustica“ aus Montenau. Die Reste des römischen Gebäudes sind bereits seit dem Jahr 1842 bekannt und wurden in der Folge zumindest teilweise erforscht. „Darüber hinaus gibt es jedoch nur wenig Greifbares. Deshalb haben wir uns immer den nächstgrößeren, umliegenden politischen und kulturellen Einheiten angenähert“, erklärt der Mitherausgeber.

„Man kann schlecht etwas über die Stadt Eupen schreiben, wenn sie in dem Untersuchungszeitraum noch gar nicht existiert hat. Also schaut man beispielsweise nach Aachen“, erklärt der Historiker. Gerade für die römische Zeit habe sich diese Vorgehensweise bewährt. Der Blick auf Tongern, Arlon, Trier oder Köln habe es möglich gemacht, das Gebiet einzukreisen und so zumindest einen kleinen Eindruck von dem zu gewinnen, was rundherum stattgefunden hat.

Wegen der bescheidenen Quellenlage erwies sich auch die Bebilderung des Bandes als schwierig. „Deshalb wurde auch hier auf Rekonstruktionen und Ansichten umliegender Orte zurückgegriffen und außerdem mit reichhaltigem Kartenmaterial gearbeitet. Das war eine schwierige Prüfung, die auf originelle und anregende Weise gelöst wurde.“

Beim Rückblick auf die Antike und das Mittelalter warnt David Engels davor, die heute bestehende Zusammengehörigkeit zwischen dem Norden und dem Süden der DG in die Vergangenheit zu projizieren. „Auch wenn uns nur wenige Zeugnisse vorliegen, kann man angesichts der unterschiedlichen urbanen Bezugspunkte und der geografischen Situation für die Antike wohl davon ausgehen, dass Nord und Süd zwei eher unterschiedliche Wirtschafts- und Identitätsräume gewesen sein müssen.“ Für das Mittelalter wird die Quellenlage besser, aber Identitätsfragen blieben sehr kleinräumig angeordnet, weil die Kommunikationswege schwierig gewesen sind. „Die Region muss man in ihrer Grenzlage und als peripheren Raum verstehen, der in die umliegenden Herrschaftsräume eingebunden ist. Es gab die großen politischen und kulturellen Kernzentren, und die heutige DG lag irgendwie immer dazwischen.“ Ins nähere Umfeld der neuen Machtzentren gelangt die Region erst ab der Zeit der Karolinger. Spätestens seit dem 8. Jahrhundert wird das heutige Ostbelgien dann auch durch schriftliche Quellen und archäologische Funde greifbarer. Davon zeugen zum Beispiel die mittelalterlichen Burgen oder Wandmalereien im Ourtal aus dem 15. und 16.Jahrhundert, in erster Linie in der Sankt-Bartholomäus-Kapelle in Wiesenbach.

Auf die Gefahr einer möglichen Instrumentalisierung einer Epoche für die aktuelle Geschichtsschreibung weist Carlo Lejeune hin. Gerade das Mittelalter diente als „Zulieferindustrie unbewiesener historischer Fakten“ (Freddy Cremer), um die Abtretung der Kreise Eupen und Malmedy nach dem Ersten Weltkrieg zu rechtfertigen.

Carlo Lejeune & David Engels (Hg.): Grenzerfahrungen. Eine Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Band 1; Villen, Dörfer, Burgen (Altertum und Mittelalter), im Grenz-Echo Verlag erschienen, Eupen 2015

ISBN: 978-3-86712-104.0

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