„Neue Fakten und Fragestellungen“

Es geht um die Zeit 1500 bis 1794, es geht um „Tuche, Töpfe, Theresianischer Kataster“. Vor allem geht es um die damaligen Lebensbedingungen der Menschen. In Erzählstücken werden ihre konkreten Lebenswelten lebendig. Der Leser erfährt, wie die Einführung der Kartoffel, die damals Grundbirne hieß, die Landschaft und die Essgewohnheiten der Menschen veränderte. Spannend liest sich auch der Beitrag über die Hexenjagd im Eifel-Ardennen-Raum. „Grenzerfahrungen“ Band 2 hat 360 Seiten, ist im Buchhandel und beim GrenzEcho zu haben. Über den neuen Band sprach das GE mit Herausgeber Carlo Lejeune.

Nun liegt Band 2 der „Grenzerfahrungen“ vor. Der Titel der Reihe könnte auch in ein esoterisches Buch einführen. Warum dieser Titel?

Die heutige Deutschsprachige Gemeinschaft ist ein künstliches Gebilde auf Grundlage des Versailler Vertrages. Die Region war seit dem Altertum eine Durchgangs- und Grenzregion, in der die Menschen immer wieder zahlreiche sprachliche, kulturelle, administrative oder politische Grenzen erfahren haben. Diese überregionalen Einflüsse auf diese Grenzregion zu beschreiben, ist das Ziel.

Nach gerade mal drei Monaten legen Sie nach Band 1 nun auch Band 2 vor. Wie ist diese kurze Zeitspanne für so ein voluminöses Werk zu erklären?

Das Projekt der Grenzerfahrungen startete mit ersten Überlegungen bereits im Jahr 2010. Zahlreiche ostbelgische Historiker brachten und bringen sich sehr engagiert ein. Zusätzlich verstärken mehr als 30 Historiker aus den Nachbarregionen diese Mannschaft. Nur dank dieser breiten Unterstützung laufen die Vorbereitungen für zahlreiche Bände parallel und kann diese hohe Erscheinungsfrequenz erreicht werden.

Im Vorwort des Buches ist zu lesen, dass Quellen neu gelesen und neu hinterfragt, neu interpretiert wurden. War es einfach oder eher schwierig, Historiker zu finden, die dies gern tun?

Die Reihe „Grenzerfahrungen“ möchte das historische Schubladendenken vieler Ostbelgier aufbrechen, je nach Thema Abläufe in unterschiedlichen geografischen Räumen beschreiben und zudem auch neue Geschichten auf Grundlage von neuen Fragen schreiben. Durch die sehr gute Vernetzung des wissenschaftlichen Beirates des „Zentrums für Regionalgeschichte“ war es eher einfach, sehr gute Mitarbeiter aus den Nachbarregionen zu finden, die sich diesen Herausforderungen stellen wollen.

Beschreibt die Reihe also nicht die Geschichte der heute neun deutschsprachigen Gemeinden im Osten Belgiens?

Doch, weil diese Region immer im Focus steht. Nein, weil – für die Neuzeit beispielsweise – die Geschichte der Tuchmanufaktur in Eupen oder der Töpferei in Raeren nicht ohne eine Einbettung in die Großregion erzählt werden kann. Auch die Geschichte des Eupener oder St.Vither Landes oder ihrer Architektur kann nicht ohne eine Geschichte der Herzogtümer Limburg oder Luxemburg oder der Architektur zwischen Maas und Rhein erzählt werden.

Was bietet Band 2 im Vergleich zu Band 1?

In Band 1 standen die Autoren vor der großen Herausforderung, die Geschichte einer Region zu beschreiben, die in der Antike immer nur Grenz- und Durchgangsregion war und für die im Mittelalter die Quellenlage, ob schriftlich oder archäologisch, sehr dünn war. Band 2 enthält sehr schöne Erzählstücke, die sehr anschaulich einerseits eine neue Form des Überblickes verschaffen, andererseits mehr oder weniger Bekanntes unter neuen Fragestellungen präsentieren. Deshalb dürfte Band 2 – allein wegen der Themen – auch leserfreundlicher sein.

Warum ist Band 2 auf die Zeit von 1500 bis 1794 begrenzt?

Zäsuren sollen den Menschen helfen, sich in der Geschichte zu orientieren. Wir möchten diese willkürlichen Schnitte als Übergangszeiten interpretieren. Um das Jahr 1500 veränderte sich das Leben und Regieren durch zahlreiche Erfindungen und Neuerungen. Ab 1794 wurden nach der Besetzung dieser Region durch französische Truppen erste Neuerungen der Französischen Revolution spürbar.

Wer den Untertitel „Tuche, Töpfe, Theresianischer Kataster“ liest, der mag denken, darüber habe ich schon so viel gehört und gelesen. Was hat das Buch an Neuem zu bieten?

Zum ersten Mal wird es mit diesem Band möglich, einen Überblick über die Geschichte der gesamten heutigen DG in der Neuzeit zu gewinnen und dabei nicht das nochmals zu lesen, was bereits irgendwo publiziert wurde. Der Leser findet neue Fragestellungen, neue Fakten, aber auch zahlreiche Hinweise auf die zahlreichen Lücken, die in der Geschichtsschreibungen noch bleiben.

Wie haben die Menschen diese Frühe Neuzeit wahrgenommen?

Im 19., aber auch im 20.Jahrhundert zeigen die Beschreibungen der Frühen Neuzeit, dass die Historiker immer Kinder ihrer Zeit waren, die in die Vergangenheit eigene, aktuelle Sehnsüchte projizierten. Im Eupener Land fand die Zugehörigkeit zum Herzogtum Limburg vor allem nach 1945 eine hohe Anschlussfähigkeit, um sich als überzeugter Belgier zu positionieren. In der Eifel war dies mit dem Herzogtum Luxemburg nicht möglich. Gleichzeitig trauerten die Eupener, Raerener und Kelmiser der Frühen Neuzeit als vergangene Blütezeit nach, wohingegen in der Eifel die Frühe Neuzeit und das 19. Jahrhundert als Zeiten der Not und des Rückstandes interpretiert wurden. Auch hier bietet der Band viele neue Sichtweisen und Ansätze.

Band 3 ist für 2016 und Band 4 für 2017 angekündigt. Worauf darf der Leser sich freuen?

Die sechs Bände werden „eine“ Geschichte der DG beschreiben und somit einen Gesamtüberblick liefern. Band3 wird das lange 19. Jahrhundert von 1794 bis 1919 behandeln und somit eine Zeit aufgreifen, die in der Geschichtsforschung (mit Ausnahme der Französischen Revolution) bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Band 4 umfasst den Zeitraum von 1919 bis 1945, einen Zeitabschnitt, der wissenschaftlich ausgesprochen gut beleuchtet wurde. Hier haben wir ein sehr originelles Konzept erarbeitet, das die Leser mit Sicherheit auf eine sehr spannende Lesereise einladen wird.

Carlo Lejeune (Hrsg.): Grenzerfahrungen. Eine Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Band 2. Tuche, Töpfe, Theresianischer Kataster (1500-1794), erschienen im Grenz-Echo Verlag, 2015. ISBN: 978-3-86712-108-8

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