»Nur Träumer glauben an Auswege«

Der 42-jährige Eupener wird nach einer allgemeinen Einführung am 22. April am 24. April, 3. Mai und 10. Mai zum ausgesprochen aktuellen Thema Klimawandel Stellung beziehen. Vorab führte das Grenz-Echo ein Gespräch mit dem Kulturanthropologen.

Klimaexperten warnen seit langem vor den Folgen der Erderwärmung. Dem Klimawandel galt bis 2007 aber nur ein beschränktes öffentliches Interesse. Auf einmal ist er in aller Munde. Wie erklären Sie diesen Umstand?

Das magische Wort dabei ist: Angst. Terrorismus, Umweltkatastrophen, Arbeitslosigkeit, Krankheiten usw., mit all diesen "bösen Geistern" – zum Teil Schimären – werden die Menschen gelenkt. Und heute gibt es bei weitem mehr Mittel zur Manipulation und zur Suggestion als noch vor der "digitalen Revolution" – geschweige denn als im Mittelalter. So werden die meisten Menschen an der Nase herumführt, denn sie sind ja nicht gewappnet, um dem überwältigenden Diskurs der Medien und der Werbung standzuhalten. In aller Offenheit werden wir heute – wie der Esel durch die Möhre – gelenkt. Die einzige Abwehr, die man hat, findet ihre Stärke in der Erfahrung aus erster Hand. Außerdem liegt es im Wesen unserer westlichen Zivilisation selbst, alles zu Geld zu verwandeln. Ähnlich wie der legendäre König Midas, der alles, was er anfasste, in Gold verwandelte. Auch die Kontrakultur wird instrumentalisiert und dann zur Geldmaschine. Das beste Beispiel liefert die Hippie-Generation – überhaupt ist die Pop-Kultur an vielem Elend schuld – da bin ich ganz mit dem Papst, Benedikt XVI., einverstanden.

Sie starten eine Vortragsreihe zum Thema "Klimawandel aus philosophischer Sicht". Wen wollen Sie damit erreichen?

Jeder ist von den Problemen, die mit dem Klimawandel und der unnatürlichen Umweltzerstörung verbunden sind, betroffen. Auch trägt jeder Verantwortung. Wir alle haben Teil an unserem "tödlichen Fortschritt", wie Eugen Drewermann es formuliert. Somit ist jeder angesprochen. Unternehmen, Fabriken und Konzerne sind zwar die größten Umweltverschmutzer und ökonomischen "Leittiere", aber auch sie werden von Menschen gesteuert... Zudem ist seit den 90er Jahren ein neues Problem aufgetaucht: Die Macht der Spekulation und des virtuellen Geldes. Die Aktionäre, das sind nicht mehr nur eine kleine Anzahl von Leuten, sondern der Otto Normalerverbraucher ist Aktionär geworden. Also ist die Zahl derjenigen, die Profit erzielen wollen, gestiegen und somit auch der Druck auf die Unternehmen. Deshalb tragen immer mehr Leute immer mehr Verantwortung und Schuld an unserem Mord an der Natur.

Sie provozieren mit der Metapher "Wenn man mit dem Gesicht in der Scheiße hängt, sieht man nicht, wie groß der Haufen ist". Wie groß ist er in Ihren Augen?

Wie der Everest: Er ist gigantisch, wächst aber noch, da er ja auf die ganze Welt ausgedehnt wird durch die Globalisierung. In allen Bereichen sehen wir, wie unsere Lebensweise uns das Miteinandersein schwer macht: sozial, ökologisch, moralisch. Es wird heute vom Kommerz erwartet, dass er alle zwischenmenschlichen und ökologischen Beziehungen regelt. Das führt zum "bellum omnium contra omnes", diese Theorie vom "Krieg aller gegen alle" wurde von Thomas Hobbes in seinem Buch Leviathan (1651) entwickelt und bezeichnete den Naturzustand. Ich aber meine, dass es der Markt, also die Wirtschaft ist, die dazu führt, dass sich alle bekämpfen. Denn wenn alle Konkurrenten sind – Individuen, Unternehmen, Regionen, Staaten -, dann können sie nur gegeneinander sein, geht es doch darum, "Marktanteile" usw. an sich zu reißen, um dadurch zu wachsen. Dass der Kommerz zu einem besseren Miteinandersein führt, ist schlicht und einfach gelogen, lebt er doch von abstrakten, unnatürlichen Werten – Geld, Gold, Aktien usw. -, die die Selbstbereicherung als Ziel haben. Kommerz führt zu Egoismus, nicht zu Vertrauen und Ehrlichkeit, wie es die angelsächsische Denkweise will.

Seit wann begeht der Mensch Mord an der Natur?

Zunächst einmal eine terminologische Bemerkung: Der Mord an der Natur, als wissenschaftlicher Begriff "ecocide" im Englischen bekannt, ist ein ethnologisches und kein anthropologisches Problem. Mit anderen Worten: Der von der westlichen Zivilisation geprägte Mensch ist für die Umweltzerstörung verantwortlich, nicht der Mensch an sich. Zwar haben die Menschen immer ihre Umwelt mehr oder weniger geprägt, und bis zu einem gewissen Punkt zerstört, aber nie ist der Mensch so weit gegangen, wie wir es im Rahmen unserer Zivilisation tun. Auch die Indianer, für die ich ja so schwärme, haben Bäume gefällt und waren für den Tod von Lebewesen verantwortlich. Das heißt, dass selbst Naturvölker Kulturen entwickeln mussten, die den Tod und die Zerstörung brachten – zum Beispiel in puncto Nahrung oder beim Bau von Unterkünften oder der Kriegsführung. Die Konsumgesellschaft aber, die ja auf Industrialisierung beruht, ist ein reines Produkt unserer Zivilisation. Nie hat eine andere Zivilisation ein solch todbringendes Dasein entwickelt wie wir. Unser Verständnis vom Sein und vom Seienden – um etwas philosophischer zu... sein – ist in meinen Augen moralisch völlig falsch. Aber da es sich über Jahrtausende entwickelt hat, wird es wohl nicht von heute auf morgen verändert werden können. Der erste Schritt, der dann vielleicht den Ball in die richtige Richtung zum Rollen bringen könnte, wäre eine hundertachtzig prozentige Veränderung unseres Verständnisses vom Tod und unserer Beziehung zu diesem. Ehrlich gesagt bezweifle ich aber stark, dass sich unsere materialistische Weltsicht verändern kann. Eher denke ich mit Oswald Spengler, dem Verfasser des berühmten Untergangs des Abendlandes, dass "die Zeit sich nicht anhalten lässt; es gibt keine weise Umkehr, keinen klugen Verzicht. Nur Träumer glauben an Auswege. Optimismus ist Feigheit. Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen anderen".

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Naturkatastrophen auf der Nordhalbkugel um zwei bis vier Prozent zugenommen. Die Klimakrise könnte zum Albtraum der Zivilisationen werden. Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis, das Ihnen die Augen für diese Gefahr öffnete?

Die lehrreichsten Erfahrungen in meinem Leben waren nicht unbedingt "schöne" Erfahrungen, aber ich bin dankbar, sie durchlebt zu haben. Weitere nutzvolle Erfahrungen waren bislang viele Erfahrungen, die mit Konsumdenken nichts zu tun haben und Erfahrungen, die mich aufmerksamer für Gaia, dem Superorganismus in und auf dem wir leben, gemacht haben. Diese Erfahrungen habe ich meistens "da draußen", in der "Wildnis", gemacht. Dort merkt man, was wirklich ernst ist im Leben und was wirklich zählt. "Draußen" finde ich noch zur Ruhe. Somit interessiert mich auch das soziale Leben immer weniger, denn dieses wird immer mehr von Neid, Gier, Unehrlichkeit, Unsinn und Unverschämtheit geprägt. Und auch vom Stress. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich als Kind bereits fragte, wohin mit den ganzen Müllbergen. Ich bin sehr naturnah aufgewachsen und habe immer die Ruhe des Waldes genossen. Ich war als Kind eher zurückgezogen und nicht bestrebt, wie die meisten Kinder, die Welt zu "erobern". Erst später kam die Lust auf Abenteuer in der Wildnis, in den Wäldern und den Bergen. Rückblickend muss ich sagen, dass ich "lebenslänglich bekommen habe", was meine Liebe und Bewunderung für die Natur, insbesondere für die Tierwelt, angeht. Die endgültige, bewusste Bekenntnis zur Natur erfuhr ich dann durch meine Auseinandersetzung mit den Indianern und durch Reisen in Gebieten, wo die Natur noch so gewaltig und die Ruhe so tiefgründig sind, dass einem die Tränen kommen: In Kanada, den USA und neulich (und künftig) auch im Himalaya.

Vor rund 2500 Jahren exportierte Alexander der Große die klassisch-griechische Zivilisation. Warum war das für Sie der Anfang der Globalisierung?

Er wollte nicht irgendwelche Völker oder Stämme berauben und dann wieder verschwinden, so wie es die Apachen im Südwesten der Vereinigten Staaten taten, weil sie als Bergvolk zum Beispiel die Nahrung brauchten. Nein, Alexander wollte durch Akkulturation andere Völker bewusst verändern, ihnen eine andere Lebens- und Sichtweise aufzwingen. Und das im Namen der Vernunft, die ja das "Leitmotiv" der Hellenen war. Wie schön, dass die Afghanen, vor denen ich sehr viel Respekt habe und die ich bewundere – nicht aber wie sie Frauen behandeln -, bereits damals den Einwanderern nicht klein beigaben... Die hellenistische Ästhetik hat aber in Afghanistan und der ganzen Region Spuren hinterlassen, und zwar im Gandhara-Stil, einer besonders gelungenen Mischung aus buddhistischer und hellenistischer Ästhetik. Globalisierung ist ja nichts anderes als der Versuch, die westliche Zivilisation, seit jetzt gut einem Jahrhundert geprägt durch die amerikanische Vorstellung von der Konsumgesellschaft, weltweit zu exportieren. Ist schon komisch, Sherpa-Kinder auf 6000 Metern in Nepal in Chicago Bulls T-Shirts rumlaufen zu sehen...

Verlassen wir uns zur Lösung der Probleme zu sehr auf die Wissenschaft?

Wir haben ein blindes Vertrauen in die Wissenschaft. Sie ist zu einer Gottheit, einer Religion geworden. Nicht nur soll sie uns alles erklären, sondern auch alles besser machen. Wir vergessen dabei, dass das Leben nicht "klinisch" zu erfahren ist und es Dinge gibt, die man nicht mit Worten erklären kann – auch nicht mit Diagrammen, Tabellen oder Formeln. Die Wissenschaft ist zu einer Zerstückelungsmaschine der Wirklichkeit geworden, was sie nicht immer war. Die Wissenschaft hat sich zu Eigen gemacht, Sinn und Bedeutung im Kleinen zu suchen und hofft, dass die Wirklichkeit dann wie ein Puzzle rekonstruiert werden kann. In ihren Anfängen, um das 5. Jahrhundert vor Christus, in Griechenland, widmeten sich die Wissenschaftler vor allem dem Studium des Kosmos, also beschränkten sie sich nicht auf das "Mikro", sondern suchten eher im "Makro" nach Antworten. Die "Philosophen" waren Naturwissenschaftler – Lukrez zum Beispiel. Darum heißt es ja auch, die Philosophie sei die Mutter aller Wissenschaften... In Sachen Klimawandel ist eine paradoxe Situation entstanden. Die Wissenschaft hat zu den Veränderungen entscheidend beigetragen, diese bzw. sogar verursacht, da die Technologie das Produkt der Wissenschaft in angewandter Form ist. Jetzt sucht man in der Wissenschaft Lösungen zur Behebung der Probleme, die eben die Wissenschaft zu verantworten hat. Das eklatanteste Beispiel ist die Kernenergie. Es heißt auch, Albert Einstein habe gesagt, sein größter Fehler sei die Erforschung dieser Energie gewesen... Nun, da wir mit ihr leben, müssen wir uns auch mit ihr auseinandersetzen! Die Wissenschaft, wie sie im Westen verstanden, definiert und zelebriert wird, ist das Produkt des Materialismus, verlangt sie doch grundsätzlich, dass etwas mit materiellen Mitteln "angegangen" und bewiesen wird – wissenschaftlich spricht man vom Positivismus. Der Mensch kann nur einen begrenzten Zugang zum Ganzen haben, weil er selbst nicht alles erfahren kann. Mit der Wissenschaft als oberste Befehlshaberin lässt sich aber der Eindruck erwecken, man könne alles erfahren und erklären. Welch eine Täuschung! Außerdem wird jeder vernünftige Wissenschaftler zugeben, dass "umso mehr Antworten man findet, umso mehr Fragen sich stellen". Wieso also darauf beharren, alles zu erklären? Weil man so den Leuten das Wissen durch Erfahrung aus erster Hand entzieht und ihnen ein bestimmtes Weltbild auftischt.

Welche Alternativen gibt es in den Augen des Philosophen? Welche Denkanstöße kann die Philosophie in die Diskussion werfen?

Demokratie, Gleichheit/Gleiches Recht für alle – da ist alles sehr unnatürlich. So ist es einfach nicht in der Natur! Und das wissen wir ganz genau, erfahren wir es doch andauernd, überall und in jedem Bereich. Von diesem Bestreben, alles zu nivellieren, sollten wir wirklich absehen, denn das führt nur zu sozialen und psychischen Perversionen. Aus diesem Grunde habe ich enorm viel Respekt vor vielen Völkern und Nationen, zum Beispiel im Nahen Osten, die nichts von unserer Konsum-Demokratie wissen wollen und sich lieber von einem Herrscher streng leiten lassen. Die Idee von Immanuel Kant, nach der "ewiger Friede" erreicht werden kann, wenn alle sich an menschliche Abmachungen, Gesetze, usw. halten, ist einfach Schwachsinn! Hätten wir immer die "natürliche Grausamkeit" respektiert und uns ihr gefügt, uns also niemals angemaßt, uns über den Rest der Natur zu erheben, wären wir nicht mit den Problemen konfrontiert, die wir hier besprechen.

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