Von Kelmiser Fahrgeschäften und Schaustellern

In Kelmis wurde bereits Kirmes gefeiert, ehe es eine Pfarre gab. Bei den Recherchen zum dritten Band seiner Kelmiser Geschichten hat Iwan Jungbluth herausgefunden, dass bereits 1673 an der Rochuskapelle Kirchweih gefeiert wurde. In jenem Jahr forderte Drossard Steenveld die Schöffen der Herrschaft Kelmis auf, alle mit einer Strafe zu belegen, die am Sonntag der Kirmes Streit vom Zaun brechen. Damit war in erster Linie die Bande vom Kruckeliger (Krikelstein) gemeint, deren Mitglieder als streitsüchtig bekannt waren. Zu jener Zeit siedelten um die Rochuskapelle die Arbeiter, die die Galmeivorkommen des „Alten Berges“ ausbeuteten.

1731 wird berichtet, Peter Cool habe am Kirmesmontag in Kelmis eine Schlägerei mit Schwerverletzten angezettelt. 1824 bittet Bürgermeister Arnold von Lasaulx den Landrat, den Gendarm Wimmers zur Kirmes nach Kelmis abzuordnen.

Unter der Obhut der Vieille Montagne

Zu Beginn der 1840er Jahre nahm dann die Bergwerksgesellschaft Vieille Montagne die Organisation der Kirmes in die Hand und legte damit den Grundstein für das beliebte Volksfest, das heute rund um die „Koul“ gefeiert wird.

Chronologisch listet Iwan Jungbluth ab 1848 auf, wie sich die Kirmes am Alten Berg entwickelt hat und welche Schützengesellschaften und Musikvereine mit Unterstützung der Vieille Montagne gegründet wurden. Die Kirmes fand in jenen Jahren an verschiedenen Standorten statt, am heutigen Kirmesplatz klaffte damals noch der ursprüngliche Tagebau wie eine riesige Wunde in der Landschaft.

1869 protestierte der Pfarrer gegen die Aufstellung von Karussells während der Kirmes auf dem Kirchplatz. Doch die Gemeinde sah leider keine andere Möglichkeit.

Unter der Obhut der Vieille Montagne entstand 1879 die Karnevalsgesellschaft „Ulk“, die sich fortan, wie auch verschiedene Turngruppen, an der Gestaltung der Kirmes beteiligte. Erhalten haben sich verschiedene Programme, die die Bergwerksgesellschaft mit den Einladungen zur Kirmes am Altenberg verschickte.

Autoscooter made in Kelmis

Da ja auch Neu-Moresnet und Hergenrath zur Gemeinde Kelmis zählen, hat der Heimatforscher sich ebenfalls mit den Kirchweihfesten dieser Altgemeinden befasst. Laut einer Annonce in der Zeitung „Die Freie Presse“ lud die Gemeindeverwaltung von Neu-Moresnet für das Wochenende vom 23. und 24. August 1925 erstmals zur Ortskirmes ein.

Erste Angaben zur Kirmes in Hergenrath hat Iwan Jungbluth im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 12. Juni 1845 gefunden. Die Schützengesellschaft von Hergenrath lädt bei Gelegenheit der Kirmes am 23. und 24. Juni zu einem Preisvogelschießen ein.

Nicht nur die Vieille Montagne und die von ihr geförderten Gesellschaften brachten sich die Gestaltung der jährlichen Kirmes ein. Elise und Emil Hülster legten 1900 in Kelmis mit ihrem legendären Etagen-Pferdekarussell den Grundstein zu eine Schaustellerdynastie, die heute in der vierten Generation fortbesteht. 1930 ließen die Hülsters von Kelmiser Handwerkern den ersten Autoscooter anfertigen, der in der Provinz Lüttich zum Einsatz kam. Die Scooter-Wägelchen importierte die Familie Hülster aus den USA.

Auch an die Schausteller-Familie Jamar-Van Dooren erinnert der Autor. Die Van Dooren machten den Hülsters nicht nur mit ihrem Autoscooter Konkurrenz. Unvergessen sind, ebenso wie die große Schiffschaukel von Charles Hülster, Van Doorens Fahrrad- und Raupenkarussell.

Geschehen um den Kirmesplatz herum

Doch nicht nur Schausteller, Fahrgeschäfte und sonstige Kirmesattraktionen stellt Iwan Jungbluth seinen Lesern vor, er taucht auch in das Geschehen um den Kirmesplatz herum ein. Und da war einiges los. In den 1950er Jahren gab es in Kelmis etwa zehn Säle und rund 50 Wirtschaften. Dort wurde gesungen, getanzt und auch getrunken. Unvergessen sind die Kapellen Jean Herzet, Mickey Band, Sonny Boys, Los Picadores, Mister Pe und die legendären Singing Boys um Frederic Mathieu (Huppermann).

In Wort und Bild wird der Modellbauer Mario Pigarella vorgestellt, dessen Nachbauten von Kirmesattraktionen bereits 2002 im Göhltalmuseum und 2007 im Foyer des Parkhotels anlässlich des 160. bzw. 165. Bestehens der Kelmiser Kirmes präsentiert worden. Zu beiden Ausstellungen hatte Iwan Jungbluth jeweils Nachschlagewerke zum Thema Kirmes verfasst, deren Krönung der nun vorliegende dritte Band der „Kelmiser Geschichten“ ist. Dieses 144 Seiten starke Buch im Großformat ist übrigens reich mit zum großen Teil farbigen Fotos illustriert, auf denen sich mancher Leser wieder entdecken kann. Vervollständigt hat Iwan Jungbluth sein Buch mit einer reich illustrierten Abhandlung zur Geschichte der Kirmes im allgemeinen, einer Geschichte des Karussells und einer Beschreibung von Fahrgeschäften und Attraktionen.Iwan Jungbluth, 175 Jahre Kirmes am Altenberg, Kelmis – Neu-Moresnet – Hergenrath. Erschienen im Grenz-Echo Verlag, 29 Euro.