Auf Schatzsuche in der Mülltonne

Den 11. April 2017 hat Christian Walter fett in seinem Kalender angestrichen. Dann kommt es in Aachen zum Gerichtsprozess gegen zwei Personen, die im Sommer 2015 von der Polizei beim „Containern“ erwischt wurden. Und weil der ermittelte Warenwert über 50 Euro lag, zielt die Anklage auf schweren Diebstahl ab. „Hierfür sieht das Gesetzbuch im schlimmsten Fall zehn Jahre Knast vor, mindestens jedoch drei Monate“, schüttelt Christian Walter den Kopf. Wenngleich ein solches Strafmaß wohl nur auf Bewährung ausgesprochen würde, hält er es nicht nur für überzogen, sondern für komplett falsch.

Ihn hat dieser Fall so sehr gepackt, dass er es nicht bei bloßen Lippenbekenntnissen belässt, sondern den Widerstand organisiert. Vor einem Jahr gründete er mit Gleichgesinnten ein Protestbündnis, schnell folgten Demonstrationen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen. Und mittlerweile haben mehr als 100.000 Menschen eine Petition unterschrieben, die auf eine Änderung des Diebstahlparagrafen im deutschen Strafgesetzbuch abzielt. „Wir wollen erreichen, dass das Containern genießbarer Lebensmittel und das Mitnehmen von Sperrmüll endlich außer Strafe gestellt wird“, sagt der Aktivist. Die Unterschriftenaktion soll helfen, Druck aufzubauen. „Wenige Tage vor Prozessbeginn händigen wir die Petition der Staatsanwaltschaft aus“, erklärt Christian Walter.

Dabei reicht die Initiative für ihn über eine Solidaritätsbekundung mit zwei Angeklagten hinaus. Sie ist der Versuch, das Containern ins rechte Licht zu rücken – und damit auch ihre Protagonisten. Denn er gehört selber zu jenen Überzeugungstätern, die bei Einbruch der Nacht losziehen, um in den Mülltonnen der Supermärkte genießbare Lebensmittel aufzuspüren. Seit zehn Jahren mittlerweile. Auf die Frage nach dem Warum, antwortet er: „Weil ich davon gehört und es einfach ausprobiert habe.“ Die ersten Touren verliefen so vielversprechend, dass er dem Containern bis heute treugeblieben ist. Dass er durch sein Handeln großartig etwas verändert, glaubt er nicht. „Indem ich das Ganze öffentlich thematisiere, bleibt aber vielleicht etwas in den Köpfen der Leute hängen.“

Dass ihm die nächtliche Lebensmittelsuche in Mülltonnen einen gewissen Kick gibt, will Christian Walter gar nicht abstreiten. „Es ist ein bisschen wie Schatzsuche“, sagt er lachend. Wobei die Beute nicht aus Goldtalern, sondern aus Bananen, Brokkoli oder Gurken besteht. „Alles kann, nichts muss“ lautet das Motto bei seinen Streifzügen. „Es ist jedoch immer wieder überraschend, was man so alles findet“, verrät der Aachener, der bis zu seinem 18. Lebensjahr in Raeren aufgewachsen ist. Diese Unvorhersehbarkeit reizt ihn. „Ich koche unheimlich gerne. Dadurch dass ich nur das an Frischware verarbeite, was ich finde, bin ich in der Küche zum Experimentieren gezwungen“, erklärt er. „Saisonbedingt“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Auf den Tisch kommt somit nicht, was der Gemüsegarten, sondern die Abfalltonne gerade hergibt.

Satt geworden ist er bislang noch immer. „Wenn ich nur für mich und meine WG-Mitbewohner containere, reicht es, alle ein bis zwei Wochen loszuziehen“, verrät er. Und fügt hinzu: „Man findet immer mehr, als man tragen kann.“ Mit der Zeit hat Christian Walter ein Gespür dafür bekommen, an welchen Supermärkten sich fette Beute machen lässt. Er hat Favoriten, die er regelmäßig ansteuert. Dort stößt er mitunter auch auf Gleichgesinnte.

In Aachen hat sich eine stabile Szene entwickelt. Bis zu 200 Containerer gibt es in der Stadt, schätzt er. Und es werden immer mehr. Dazu trägt Christian Walter nicht zuletzt selber bei. Hin und wieder organisiert er „ geführte Touren“. Dann begleiten ihn bis zu 20 interessierte Personen. Für viele ist das Stöbern in Mülltonnen eine vollkommen neue Erfahrung – und für ihn die Gelegenheit, auf die Problematik aufmerksam zu machen. Dem 28-Jährigen hat diese Form der Lebensmittelbeschaffung bis heute keine Probleme bereitet. Auf eine Polizeistreife ist er noch nie gestoßen, lediglich private Supermarkt-Sicherheitsdienste kamen ihm einige Male in die Quere.

Über seine Container-Erfahrungen berichtet der überzeugte Sozialist (Mitglied der SAV und der Linksjugend) in seinem Buch „Volle Bäuche statt volle Tonnen!“, das vor einigen Wochen im Berliner Manifest-Verlag erschienen ist. Dabei unterfüttert er seine Erlebnisse mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen und politischen Positionen. „Ich will schon auf die riesige Lebensmittelvernichtung aufmerksam machen und Lösungsansätze aufzeigen“, erklärt er. In seinen Augen sind vor allem die Großkonzerne für den gewaltigen Produktionsüberschuss verantwortlich: „Jeder Konzern ordert mehr, als er verkaufen kann – und das nur, um der Konkurrenz die Kundschaft abzujagen.“

Um gegenzusteuern, sieht Christian Walter in erster Linie den Staat in der Pflicht. Dass bei vielen Menschen das Geld nicht reicht für eine ausgewogene Ernährung, hält er für unhaltbar. Aber auch der Arbeit von Tafeln steht der 28-Jährige skeptisch gegenüber. „Nicht weil ich ehrenamtliche Arbeit nicht wertschätze – ganz im Gegenteil. Je mehr jedoch durch freiwillige, individuelle Arbeit solche Sachen übernommen werden, desto stärker legitimiert man, dass der Staat nichts tut“, vertritt er eine klare Position.

Nichts tun, das kommt für den politischen Aktivisten in Sachen Container-Gerichtsprozess nicht infrage. Im Vorfeld des Verhandlungsbeginns am 11. April werden er und seine Mitstreiter weitere Informations- und Aktionsveranstaltungen abhalten. Für den 8. April ist sogar eine Demonstration angesetzt.

Wann und wo genau, wird im Internet bekannt gegeben unter aachencontainert.blogsport.de.

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