Schulterzucken bei der Kartoffelsuppe

Doch beim Theaterbesuch im Rahmen von Scenario werden Schüler des Königlichen Athenäum Welkenraedt und des Zentrums für Förderpädagogik mit Suppe und Kartoffeln konfrontiert und gar nicht so leicht verdaulichen Geschichten. Mehr als 30 Schüler sitzen im Kreis, und vor ihnen wird Suppe gekocht. Bis ein großer Topf Suppe fertig ist – das dauert. Gemüse raspeln, Zwiebeln hacken sind die Vorarbeiten. Dann brodelt und dampft es fast eine Stunde lang im Topf. Nein, langweilig war es nicht, versichert die achtjährige Kindnesse. „Es roch so schön“, sagt sie. Tatsächlich hat keiner der jungen Zuschauer heimlich aufs Handy geschaut oder mit dem Sitznachbarn getuschelt.

Nach dem Stück

dürfen die Zuschauer einen Teller genießen.

Während Darstellerin Annika Serong Suppe kocht, zieht sie die Zuschauer immer tiefer in Geschichten vom Krieg und vom Hunger hinein. Ein Thema, das Achtjährige und vielleicht auch 15-Jährige überfordert? Offensichtlich nicht. Das Stück „Die Kartoffelsuppe“ des Agora Theaters nutzt die ganze Palette der Möglichkeiten. Annika Serong ist konstant im Dialog mit den jungen Zuschauern. Zeitweise, während die Suppe vor sich dampft, setzt sie sich zu den Zuschauern.

Bevor Zwiebeln und Kartoffeln in der Suppe landen, bekommen sie eine Persönlichkeit. Über die Zwiebel erfahren die Kinder: „Wenn man ihr die Jacke auszieht, fängt sie an zu heulen.“ Doch im Mittelpunkt steht Schweinchen Sonja. Wenn mitten in der Geschichte von Krieg und Hunger, als alle vorhandenen Kartoffeln gegessen sind, der Messerschleifer auftaucht, halten die Zuschauer den Atem an. „Ich glaube nicht, dass die Leute Sonja gegessen haben“, sagen einige Zuschauer. „Sie war ja die beste Freundin von Melena.“ Das sei schon richtig spannend gewesen, sagt der zehnjährige Abdoulaye. Und auch traurig, fügt er an.

Nach dem Stück dürfen die Zuschauer einen Teller Gemüsesuppe genießen. Die 15-jährige Alida bemerkt, dass auch sie eine Geschichte habe, die vom Essen, das Erinnerungen weckt, handelt. Ihr Lieblingsessen sei Kartoffelpüree. Aber ihre Geschichte handelt von Tiramisu. „Mein Onkel hat meiner Familie beigebracht, wie man Tiramisu macht. Immer, wenn ich Tiramisu esse, muss ich an meinen Onkel denken.“

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