Wie Studenten die Monarchie in Spanien herausfordern

Ein Spanien ohne König – wenn es nach Lucía Nistal ginge, wäre das längst Realität. Die Doktorandin der Linguistik wünscht sich ein Land, das wie Deutschland und andere EU-Staaten funktioniert. Eine Republik ohne Royals eben. „Wir müssen eins klarstellen“, ruft die 29-Jährige durch ihr Mikrofon Studenten in Madrid entgegen. „Die Jugend will über die Zukunft der Monarchie entscheiden!“ In einem fensterlosen Hörsaal treffen sich Ende Oktober mehrere Dutzend Studenten und Dozenten der Autonomen Universität von Madrid (UAM).

Die Initiative fällt in eine Zeit, in der das Königshaus mit Felipe VI. und seiner Frau Letizia an der Spitze immer mehr an Popularität verliert.

Nistal plant mit einer Gruppe von Hochschülern für Ende November eine Abstimmung an der ganzen Uni, die nichts Geringeres infrage stellt, als die Verfassung des Landes. Der Plan wird ausgerechnet an dem Tag festgezurrt, an dem die spanischen Abgeordneten diese Verfassung vor 40 Jahren verabschiedeten: dem 31. Oktober. Die Initiative fällt in eine Zeit, in der das Königshaus mit Felipe VI. und seiner Frau Letizia an der Spitze immer mehr an Popularität verliert. Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos zufolge glauben 37 Prozent der Spanier, dass das Land ohne die Monarchie besser dran wäre. Über die Hälfte der Bürger wünscht sich eine Volksbefragung zu dem Thema. „Referendum über die Monarchie in der UAM“ steht in weißen Lettern auf roten Plakaten, die an den Wänden des Hörsaals hängen. Auch andere Unis in Madrid und in weiteren Städten haben zur Abstimmung aufgerufen. Am 2. Dezember führen zahlreiche Madrider Stadtviertel ebenfalls Befragungen durch.

„Bist du dafür, die Monarchie abzuschaffen und eine Republik einzuführen? Ja oder nein?“, steht auf den Stimmzetteln in der UAM. Neben den 30.000 Studenten und Professoren sind auch alle Mitarbeiter der Universität, Reinigungskräfte und das Mensa-Personal am 29. November dazu aufgerufen, ihre Meinung kundzutun. „Ich bin optimistisch, dass sehr viele abstimmen werden“, sagt die 21-jährige Andrea Barberá Martínez, Philosophie-Studentin an der UAM. „Wir haben viele Unterstützer, und die Bewegung wächst.“

Ein gutes Jahr nach dem Tod des Diktators Francisco Franco hatten die Spanier Ende 1976 schon einmal über den König abgestimmt, wenn auch indirekt. Bei dem Referendum damals ging es um die Demokratisierung und die Öffnung des Landes nach vier Jahrzehnten Isolierung. Gleichzeitig konstituierte diese Reform aber auch die Rolle des Königs. Knapp 95 Prozent der Wähler stimmten für eine parlamentarische Monarchie unter Juan Carlos. Denn beim Übergang von der Diktatur in die Demokratie spielte der damalige König eine wesentliche Rolle – und das ist und bleibt sein großes Vermächtnis.

Aber dann sorgten etliche Skandale, in die das Königshaus im Laufe der Jahre verwickelt war, für Unmut – ebenso wie das Verhalten der Royals in der Finanzkrise. So hatte die Königsfamilie erst im September ihre Gehälter erhöht, während die Jugendarbeitslosigkeit weiter eine der höchsten Europas ist. Dann ist da Juan Carlos, der mitten in der Finanzkrise in Afrika Elefanten jagte, während Hunderttausende Spanier das Land wegen Jobmangels verließen. 2014 hatte der schwer in die Kritik geratene Monarch zwar zugunsten seines Sohnes Felipe VI. abgedankt – das Image des Hauses war da aber schon schwer beschädigt. Auch deshalb, weil im Umfeld von Juan Carlos wegen Korruption ermittelt wurde. Die linke Partei Podemos forderte den Ex-König zuletzt sogar auf, sich im Parlament zu den Vorwürfen zu äußern. Die Frage nach der Zukunft der Krone befindet sich demnach nicht nur im Spannungsfeld zwischen Alt und Jung, sondern auch zwischen Rechts und Links sowie zwischen Separatismus und Zentralismus.

So steht die konservative Volkspartei (PP), die Partei mit den meisten Sitzen im Parlament, fest hinter der parlamentarischen Monarchie. Die junge Podemos hingegen fordert schon seit Längerem ein Referendum über die Staatsform in Spanien und unterstützt Städte und autonome Regionen, die in ihren Parlamenten die Abschaffung der Monarchie fordern. Darunter sind auch Kataloniens Metropole Barcelona und das katalanische Regionalparlament.

Die separatistischen Kräfte in der Krisenregion sind wütend über die Einmischung Felipes in ihren Unabhängigkeitskampf. Er hatte der Zentralregierung, die Katalonien im Zuge des illegalen Abspaltungsreferendum vom 1. Oktober 2017 unter Zwangsverwaltung gestellt hatte, den Rücken gestärkt und sich unmissverständlich für den Verbleib der Region in Spanien ausgesprochen.

Aber auch in anderen Gegenden sind Politiker für eine Debatte über die Zukunft der Royals offen. So hatte Francina Armengol, Balearen-Präsidentin und eine sozialistische Parteikollegin von Ministerpräsident Pedro Sánchez, erst vor wenigen Monaten betont, in einem Parlament könne über alles diskutiert werden. Also auch über die Monarchiefrage. Das Stadtparlament von Pamplona in der nördlichen Region Navarra hat sich ebenfalls gegen die Monarchie entschieden. Bei so viel Gegenwind für die Royals könnten Lucía Nistal und ihre Mitstreiter eigentlich auch einen Protest organisieren und die Abschaffung des Königshauses offen auf der Straße fordern. Doch was die Studenten wollen, ist nachhaltiger: eine grundlegende Debatte darüber, in welchem Land die Spanier leben möchten. „Wir sind für die Republik“, sagt Nistal. „Wir sind aber auch für das Recht zu entscheiden. Und dafür ist das Uni-Referendum ein erster Schritt.“ (dpa)