„Grenzerfahrungen“: Auf Entdeckungsreise ins 19. Jahrhundert



Auch der dritte Band der „Grenzerfahrungen“ setzt auf das bewährte Konzept: Das Autorenteam nähert sich einer Epoche über ganz unterschiedliche Fragestellungen und beleuchtet zahlreiche Facetten. In insgesamt 14 Kapiteln geht es um Nation und Nationalismus, um die Industrialisierung und um revolutionäre Bewegungen, um Herausforderungen in der Landwirtschaft, um die Anfänge der Verstädterung und um die aufkommende Schulpflicht.

Aufgeworfen werden aber auch ganz grundsätzliche Überlegungen. Das 19. Jahrhundert gilt als „lang“, weil es für die Historiker eigentlich schon um 1770 beginnt – mit der Amerikanischen Revolution und dem Vorlauf der europäischen Revolutionsbewegungen – und schließlich bis zum Ende des Weltkriegs im Jahr 1918 dauert.

Im vorliegenden Band wird das Jahr 1794 als Ausgangspunkt gewählt: Die französische Besatzung und die Schaffung des Département l‘Ourthe markieren das Ende des Ancien Regime. Das Jahr 1919 steht dagegen nicht nur für die schweigenden Waffen nach dem „Großen Krieg“, sondern auch für den Übergang zur Friedenszeit.

„Die Einordnung als langes 19. Jahrhundert beruht auf der schlichten Tatsache, dass hundert Jahre auf dem Kalender an sich nichts aussagen über Ereignisse und Entwicklungen“, erklärt Christoph Brüll. Der Historiker hat selbst an drei Beiträgen mitgearbeitet. Dabei ging es eher um die Einordnung der Epoche und weniger um empirische Forschung. In seinen Veröffentlichungen beschäftigt sich der 37-Jährige mit den deutsch-belgischen Beziehungen, mit dem Kalten Krieg und der Geschichte der Geschichtsschreibung. Wie viele seiner Kollegen ist er also schwerpunktmäßig im 20.Jahrhundert unterwegs. Das 19. Jahrhundert sei vor diesem Hintergrund eine „Entdeckungsreise“ gewesen, hält Christoph Brüll im Gespräch mit dem GrenzEcho fest. Dies sei bereits beim Zusammentragen der Literatur – dem Bibliografieren – deutlich geworden: „Da stellt man sehr schnell fest, dass das 19. Jahrhundert deutlich unterrepräsentiert ist.“

Eine Ausnahme bildet die staatsrechtliche Kuriosität Neutral-Moresnet, das Preußen und die Niederlande (seit 1830 Belgien) wegen seiner reichen, für die Messingproduktion enorm an Bedeutung gewinnenden Zinkerzvorkommen bis zum Ersten Weltkrieg gleichberechtigt verwaltet haben. In der neuen Publikation sei der Versuch unternommen worden, die Globalgeschichte mit der Regionalgeschichte zu verknüpfen: „Wenn man der Frage nachgeht, ob große, allgemeine Aussagen der Geschichte auch für unser Gebiet im Kleinen gelten, stellt man fest, dass es große Gegensätzlichkeiten gibt – also die berühmte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, bringt es Christoph Brüll auf den Punkt.

Der Untertitel des neuen Buches – Code civil, beschleunigte Moderne und Dynamiken des Beharrens – versuche, diese Unterschiede zu verdeutlichen. Der Code civil (Einführung des Zivilrechtes) symbolisiert die Werte der Französischen Revolution, die das Zusammenleben in Europa auf eine neue Grundlage stellten.

In eine beschleunigte Moderne führte dagegen die Industrielle Revolution, die Wirtschaft, Arbeit und Alltag veränderte. Dies wirkte sich – wenngleich weniger spürbar – ebenfalls auf die ländlichen Regionen aus. „Wichtig ist aber auch, was man nicht im Untertitel wiederfindet: den Begriff Nationalismus nämlich, der den historischen Blick auf das 19.Jahrhundert so stark geprägt hat“, so Christoph Brüll. Für eine breitere Sichtweise wird der „Zeitraum“ in den Vordergrund gestellt.

Dieser Ausdruck verweist darauf, dass die Zeit nicht ohne den Raum gedacht werden kann. Das heutige Ostbelgien könne man in diesem Sinne nicht allein als Peripherie – als Randgebiet fernab der großen Zentren Berlin oder Brüssel – beschreiben, sondern ebenfalls als „Zwischenraum“. Damit werde die soziale Dimension des Alltagslebens der Menschen viel besser erfasst. „Peripherie trifft es möglicherweise aus einer staatlichen Logik heraus, doch werden dabei wesentliche Aspekte ausgeblendet. Der Zwischenraum trägt dagegen der Tatsache Rechnung, dass staatliche Grenzen zwar wichtige Trennungslinien bedeuten, diese Grenzen gleichzeitig aber auch überschritten wurden. Wichtige Entwicklungen haben ja nicht vor Staatsgrenzen halt gemacht“, betont Christoph Brüll. Die Reihe „Grenzerfahrungen“ möchte das historische Schubladendenken vieler Ostbelgier aufbrechen – dafür ist auch Band 3 ein Beleg.

Das Autorenteam stellt das Buch heute Abend (19.30 Uhr) im Café Trottinette im St.Vither Triangel vor. Wer bei der Buchvorstellung dabei sein möchte, sollte sich anmelden im DG-Ministerium (Telefonnummer: 087/596400 oder per Email unter anmeldungen@dgov.be).

Carlo Lejeune (Hrsg.): Grenzerfahrungen. Eine Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Band 3: Code civil, beschleunigte Moderne und Dynamiken des Beharrens (1794-1919), erscheint im Grenz-Echo Verlag, ISBN: 978-3-86712-115-6, 304 Seiten; Informationen unter www.gev.be.

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