Von Angstmachern und Angstbeißern


Ressentiments, Wut und Angst verbreiten sich in Europa. Populistische und nationalistische Parteien und Bewegungen sind auf dem Vormarsch. Siehe AfD in Deutschland, UKIP in Großbritannien oder FN in Frankreich. Sobald populistische Rhetorik Teil des öffentlichen Diskurses wird, sind die Folgen unvorhersehbar, wie das Referendum über Großbritanniens Austritt aus der EU gezeigt hat. Wo liegen die Ursachen für Europaskepsis und Extremismus? Warum finden Populisten derart viel Zuspruch, und wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken? Eine vom Goethe Institut in Brüssel organisierte Konferenz „European Angst“ näherte sich diesen Fragen, ohne die Kontroverse zu scheuen. Sie brachte während zwei Tagen im Kulturzentrum Bozar prominente Autoren, Wissenschaftler, Intellektuelle und Journalisten mit unterschiedlichen Ansichten und Erklärungsmustern zusammen. Mit 1.400 Zuhörern war der Publikumszuspruch entsprechend groß.

Den Ton gab die deutsche Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller, vor. Ihr Einführungsvortrag war eine Ode an Individualität, Menschlichkeit und Toleranz, ein Manifest gegen die Atmosphäre der Angst, die die heutigen Gesellschaften vergiftet. Die 63-jährige Schriftstellerin, die in der kommunistischen Diktatur Rumäniens aufwuchs und 1987 in die Bundesrepublik ausreiste, blickte zurück auf die Zeit vor 1989, als in ganz Osteuropa Angst herrschte und Individuum ein Schimpfwort war: „Es gab die Angstherrscher und das Angstvolk. Jede Diktatur besteht aus denen, die Angst machen, und den anderen, die Angst haben. Angstmacher und Angstbeißer. Ich habe immer gedacht, Angst ist das tägliche Werkzeug der Angstmacher und das tägliche Brot der Angstbeißer. (…) Die Mehrzahl der Leute waren Angstträger: So, wie sie gelernt hatten, ihre eigene Angst zu verwalten, hatten sie auch gelernt, von der Angst der anderen zu profitieren.“

„Habt teil am öffentlichen Leben, nicht nur in den sozialen Medien.“

Ganz Osteuropa sei jahrzehntelang xenophobisch gewesen, so Müller. „Es ist die Xenophobie von damals, mit der wir es heute zu tun haben.“ Die Verachtung des Fremden sei damals in der Diktatur entstanden, und heute sei es in Osteuropa nicht viel anders, wie in Ungarn, das von Viktor Orban in eine „Führerdemokratie“ verwandelt worden sei. „Alle rechtspopulistischen Strömungen in Ost- und Westeuropa erfinden dämonische Szenarien, die Angst machen. Diese Angst sammeln sie ein. Sie sind die heutigen Angstmacher. In Deutschland ist die AfD die neue Partei der Angstmacher.“ Oder ein Kaczynski, der sich vorgenommen habe, aus Polen eine „Führerdemokratie“ in einem katholischen Gottesstaat zu machen. Oder ein Putin, der ein einfaches Ziel habe: Das demokratische Europa soll zerbrechen. „Die Populisten laufen Putin hinterher. Und er ihnen.“

Nach 1989 hätte sie sich nicht mal im Traum vorstellen können, dass die Freiheit wieder infrage gestellt werden kann, schloss Herta Müller ihren Vortrag mit einer starken politischen Botschaft. „Und dass es wieder Angstmacher geben wird, die mich zum Angstbeißer machen wollen.“ Die Freiheit sei etwas, das manche brauchen und andere nicht. Und sie sei etwas, wovor manche Angst haben und andere nicht. „Die Freiheit dürfen wir nicht als selbstverständlich betrachten. Sie könnte uns sonst gestohlen werden.“

„Freiheit dürfen wir nicht als selbstverständlich betrachten. Sie könnte uns sonst gestohlen werden.“

Die Teilnehmer an den anschließenden Podiumsdiskussionen setzen sich mit schwierigen, manchmal quälenden, oft unangenehmen Realitäten von Ressentiments im Europa von heute auseinander. Reibungspunkte waren Fragen und Statements wie: Was ist Populismus und warum ist er gefährlich? Warum haben Links-Parteien die Zweckbestimmung verloren, für die sie gegründet worden waren? Europa redet über Werte, ohne über die Vergangenheit nachzudenken. Wie konnte Rassismus derart an Terrain gewinnen? Was bedeutet es, ein Migrant im heutigen Europa zu sein? Was bedeutet anti-establishment und anti-elitär? Töten unabhängige Medien den Faschismus? Darf man in den sozialen Medien alles sagen? Soziale Medien und Fake-Nachrichten verzerren die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wie können etablierte Medien darauf reagieren?

Die Besonderheit bei den Gesprächsrunden: Um dem konträren Charakter der Diskussionen zusätzliche Schärfe zu verleihen, nahmen auch 41 Studenten aus 40 Ländern teil. Sie traten in Dialog mit den Rednern, um etablierte Perspektiven durch unarrivierte, dafür aber durchaus zukunftsweisende Analysen und Standpunkte zu ergänzen und kontrastieren. Es waren oft erfrischende, emotionale Sichtweisen, die den einen oder anderen Experten in der Talkrunde, der sich allzu komfortabel in seinen Argumenten wog, aufrüttelte. Zum Abschluss der Konferenz legten die Jugendlichen ein Manifest mit konkreten Vorschlägen für eine bessere europäische Zukunft vor u. a. europaweites Mindesteinkommen, mehr Schüleraustauschprogramme, bessere Städteplanung, Bürgerkunde im Schulunterricht, mehr Transparenz in der Politik, neue Ausrichtung in wirtschaftlicher und sozialer Stabilität.

Der deutsche EU-Abgeordnete Jo Leinen (SPD) hatte seinerseits eine Botschaft für die Jugend mitgebracht: „Wir benötigen eine aktive Zivilgesellschaft, sodass das Projekt von Bottom-up in Angriff genommen wird. Seid deshalb aktiv, habt teil am öffentlichen Leben, nicht nur auf Facebook und in den sozialen Medien. Und geht wählen.“

Die Konferenz im Bozar hat gezeigt: Der Dialog ist der Ausweg – Nur wenn wir über die Ängste reden, können wir sie überwinden.