Hera-Award geht nach Bütgenbach

„Eine Kulturlandschaft als produktives Gemeingut“: Es ist nicht leicht, die Fragen, mit denen Annissa Rauw sich in ihrer Masterarbeit an der Fakultät La Cambre-Horta an der Uni Brüssel beschäftigt hat, ins Deutsche zu übersetzen. „Wenn ich das tun würde, müsste ich wohl einige Begriffe neu definieren“, ist die 23-Jährige sich bewusst. „Territoire“ beispielsweise, der zentrale Begriff in ihrer Untersuchung. „Territorium“ trifft es nicht, „Gebiet“ auch nicht. Einigen wir uns also auf Kulturlandschaft. Denn diese ist es, mit der Annissa Rauw sich hauptsächlich beschäftigt hat in ihren Untersuchungen.

Dank regionaler Historiker viel Material vorhanden

Die Nachbargemeinde Büllingen hat sie ausgewählt, da sie durch ihre Aufteilung in mehrere größere und kleinere Dörfer interessante Ansätze bietet und zudem zum Thema Raumordnung für ihre Heimatgemeinde Bütgenbach schon einige Untersuchungen vorliegen.

„Ich hatte sehr großes Glück, dass dank der Arbeit von regionalen Historikern wie Carlo Lejeune und beispielsweise des Geschichtsvereins ZVS sehr viele Aufzeichnungen und Zahlenmaterial zur geschichtlichen Entwicklung vorliegt“, sagt die frischgebackene Preisträgerin. Eher sei es schwierig gewesen, die Informationen zu filtern, als dass sie über einen Mangel hätte klagen können, lacht sie. Die zentrale Frage, die sie sich in ihrer umfangreichen Arbeit stellt ist die, wie die Gesellschaft den vorhandenen Raum nutzt. Und wie sich genau diese Nutzung historisch entwickelt hat. Ein einfaches Beispiel: Alle reden von lokalen Produkten, aber Annissa Rauw ist aufgefallen, dass sie in der täglichen Ernährung der Menschen gar nicht so eine große Rolle spielen. Ob in Brüssel oder in Bütgenbach: Die Produkte, die im Einkaufskorb liegen, sind mehr oder weniger identisch - mit einigen Nischenprodukten als Ausnahme.

„Könnten wir die Möglichkeiten, die die Kulturlandschaft - und da sind wir wieder beim „territoire“ - uns bietet, nicht besser nutzen?“, ist die Frage, die sie in ihrer Arbeit aufwirft. Diese besteht übrigens nicht nur aus einem Schriftstück, illustriert mit zahlreichen Bilder, Grafiken und Schemen, sondern auch aus einer 2,4 x 1,4 m großen, dreidimensionalen Maquette der Gemeinde Büllingen, die die Erkenntnisse visualisiert. Dies hat übrigens auch die Jury begeistert: Annissa Rauw habe für ihre Arbeit die „Komfortzone der Architektur verlassen“, loben die Akademiker und auf sehr pragmatische Art und Weise Vorschläge und Ideen in den Raum gestellt.

Zudem räume die Arbeit der Partizipation einen zentralen Platz ein: Der historische Ansatz rücke den partizipativen Aspekt und die Solidarität im ländlichen Raum in den Vordergrund.

Sprich: Wenn es eine Möglichkeit gibt, den ländlichen Raum so zu gestalten, dass er Möglichkeiten bietet, lokal zu produzieren, dann geht dies nur gemeinsam. Und genau an diesem Punkt ist Annissa Rauw nun angelangt: Die Möglichkeiten, die ihre Untersuchung bietet bzw. aufzeigt, hat sie nun ausgeschöpft. Wenn man die Idee, die übrigens an das italienische Konzept der „urbanen Bio-Region“ angelehnt ist, weiterentwickeln möchte, dann geht dies nur im Austausch mit anderen: Dorfgruppen, Produzenten, Interessengruppen usw. Der Hera-Award gebe ihr das notwendige Selbstvertrauen, auch auf andere zuzugehen, und ihre Idee zu präsentieren und weiterzuentwickeln, sagt sie. Die Maquette ist verstaut, die Arbeit liegt in der Schublade. Aber es ist durchaus gedacht, sie eines Tages mal wieder herauszuholen und zum Thema Dorfentwicklung mit in die Diskussion einzubringen.

„Es läuft unheimlich viel in diese Richtung“, sagt Annissa Rauw. Der Vorteil ihrer Untersuchung sei, dass sie auch für Laien leicht verständlich und gut lesbar ist. „Es ist keine klassische Architektur-Arbeit. Normalerweise beschäftigen wir Architekten uns mit der Gestaltung eines kleinen Raums“, erklärt sie. Sie habe sich aber dafür interessiert, was mit dem „großen Rest“ passiert und zwar im ländlichen Gebiet.

Ihr war immer klar, dass sie nach dem Studium zurück nach Ostbelgien möchte.

„Da die Unis in Städten angesiedelt sind, ist dort meist auch der städtische Raum Thema. Ich wollte mich aber mit dem Land beschäftigen.“ Ihr sei immer klar gewesen, dass sie nach dem fünfjährigen Studium zurück nach Ostbelgien kommen und sich hier mit ihrem Wissen einbringen möchte. So ist die Idee zu dieser Master-Arbeit entstanden, die von Promotor Bernard Deprez unterstützt wurde. Er war es auch, der ihr vorgeschlagen hat, das Projekt für den Hera-Award einzureichen. Deprez arbeitet als Experte für Nachhaltige Architektur an der Uni Brüssel und koordiniert u.a. die Master-Seminare in Ökologischer Nachhaltiger Architektur. Auch Annissa Rauw hat sich im Rahmen des Erasmus-Belgica-Programms in Gent ein Jahr mit diesem Thema beschäftigt. Den Plan, zurück in die Heimat zu kommen, hat Annissa Rauw umgesetzt und macht ihr zweijähriges Praktikum derzeit im Architekturbüro von François Colson in Vielsalm. Warum dort? „Ich wollte in einem kleinen Büro arbeiten, wo ich verschiedene Projekte kennenlernen kann. Hier arbeitet sie nun an Einfamilienhäusern, Büro-, aber auch Industriegebäuden. Wieder eine andere Möglichkeit, den Raum zu gestalten.

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