Alternative in Eupen näht Atemschutzmasken in großer Stückzahl

<p>Jürgen Strang, Geschäftsführer der Alternative, hält eine fertige Atemschutzmaske in die Kamera.</p>
Jürgen Strang, Geschäftsführer der Alternative, hält eine fertige Atemschutzmaske in die Kamera. | Foto: Annick Meys

Es klingelt, das ist ein gutes Zeichen. Auf dem Smartphone-Bildschirm taucht nach wenigen Klingeltönen etwas verpixelt Jürgen Strang auf, zumindest ein Großteil seiner Stirn. Ein Interview per Videoanruf scheint auch für den Geschäftsführer der Alternative nicht alltäglich zu sein. Aus dem Lautsprecher rauscht es. „Hallo?“ „Ich höre Sie“, bestätigt Strang, während er seine Kamera ausrichtet. „Jetzt sehe ich Sie auch.“ Die Verbindung zwischen dem Homeoffice und dem Büro der Alternative ist einigermaßen stabil, nur gelegentlich hakt das Bild, während der Ton unbeirrt weiterläuft. Oder umgekehrt. Im Hintergrund rattert eine Nähmaschine. Das ist Journalismus in Zeiten von Corona.

Die verschärften Maßnahmen des Nationalen Sicherheitsrates haben auch Auswirkungen auf die Arbeit der Alternative. Das Atelier in der Hostert in Eupen ist seit Mittwochmittag für Kundschaft geschlossen, gearbeitet wird dort trotzdem noch.

Jürgen Strang schwenkt die Kamera durch das Atelier. Mehrere Näherinnen sind konzentriert bei der Arbeit. Eine Mitarbeiterin stapelt bereits zugeschnittene Stoffteile.

Der Geschäftsführer ist guter Dinge. Es ist ihm nämlich gelungen, „auf die Schnelle“ zwei Kilometer gelben Polyesterstoffs bei einem Händler in Holland aufzutreiben. Aus dem Stoff werden Atemschutzmasken für Haushaltshilfen und Pflegepersonal in Altenheimen genäht. „Wir haben alle anderen Produktionen eingestellt und konzentrieren uns jetzt voll und ganz darauf“, sagt Jürgen Strang. 40.000 Stück hat die DG in Auftrag gegeben. „Das ist sehr sportlich“, gesteht der 53-Jährige angesichts dieser Anzahl. Sieben Näherinnen und Näher sind den lieben langen Tag mit der Produktion der Schutzmasken beschäftigt. Selbstverständlich unter Berücksichtigung aller notwendigen Sicherheitsmaßnahmen: „Wir haben die Tische weiter auseinandergeschoben, um einen Abstand von je anderthalb Metern zwischen den Arbeitsplätzen zu schaffen.“ Die Stimmung im Betrieb sei „bedrückend“, sagt er: „Wir sind sehr vorsichtig. Alle haben ein ungutes Gefühl. Aber wir versuchen, alle Ängste mit guter Laune zu zerstreuen. Außerdem können wir uns auf diese Weise wenigstens nützlich machen.“

Während die Näherinnen also alle Hände voll zu tun haben, haben die Haushaltshilfen der Alternative ihre Arbeit inzwischen eingestellt. Die betroffenen Mitarbeiterinnen sollen aber nicht alle nach Hause geschickt werden. Wer mit etwas handwerklichem Geschick gesegnet ist, wird ebenfalls in der Maskenproduktion eingesetzt. Auch die Firma Rom habe sich bereiterklärt, beim Nähen mitzuhelfen.

Baumwollstoff ist nicht geeignet. Stattdessen verwenden die Näherinnen Polyesterstoff.

„Im Moment sind wir noch dabei, Stoffreste zu verwerten“, sagt Strang. „In diesen Tagen kurzfristig an solche großen Mengen Stoff zu kommen, ist nicht einfach.“ Zumal auch nicht gleich welches Material verwendet werden kann. „Baumwollstoff eignet sich überhaupt nicht, weil sich Bakterien darin wunderbar...“ Die Verbindung bricht kurz ab. „Weil sich Bakterien darin wunderbar kultivieren können“, wiederholt er. Stattdessen verwenden die Näherinnen sogenannten Terlenka-Stoff, der zu hundert Prozent aus Polyester besteht und der auch gerne für Karnevalskostüme genutzt wird. „Es wird zwar nicht unbedingt empfohlen, diesen Stoff bei 95 Grad zu waschen, aber das geht ohne Probleme. Wir haben es ausprobiert und die Masken haben es unbeschadet, und ohne einzulaufen, überstanden.“

Eine Maske besteht aus vier Teilen, die zusammengenäht und mit einer Nasenklemme aus Draht sowie einem Band zum Umbinden oder einem Gummi versehen werden (Schnittmuster und Nähanleitung, siehe unten). Aus einem Meter Stoff können siebeneinhalb Masken hergestellt werden. Den Prototypen hat eine Mitarbeiterin entwickelt. „Er ist auch vom Gesundheitsminister gutgeheißen worden“, freut sich Jürgen Strang.

Die selbstgenähten Masken sind mit klinischen nicht zu vergleichen, bieten aber dennoch Schutz.

Für den medizinischen Gebrauch sind die selbstgenähten Stoffmasken zwar nicht geeignet, dennoch sei ihr Nutzen nicht zu unterschätzen. „Sie bieten einen gewissen Schutz“, bestätigt Gesundheitsminister Antonios Antoniadis (SP), der mit der Idee der selbstgenähten Atemschutzmasken auf die Alternative zugegangen war. Da das Virus durch Tröpfcheninfektion übertragen wird, schützen die Stoffmasken weniger den Träger als dessen Mitmenschen vor feuchter Aussprache. Wer sich zusätzlich schützen möchte, kann noch eine Damenbinde oder Ähnliches einlegen.

Und wie immer gilt: Handhygiene nicht vernachlässigen!

Schnittmuster und Nähanleitung zum Selbermachen einer Atemschutzmaske können Sie sich hier runterladen.

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