Anne Frank als Identifikationsfigur

Eine Besucherin beleuchtet durch Knopfdruck das Porträt der Anne Frank in der Ausstellung. „Anne Frank. Ein Mädchen aus Deutschland“ in der Anne-Frank-Bildungsstätte. Bei einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche wird an das Mädchen erinnert.
Eine Besucherin beleuchtet durch Knopfdruck das Porträt der Anne Frank in der Ausstellung. „Anne Frank. Ein Mädchen aus Deutschland“ in der Anne-Frank-Bildungsstätte. Bei einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche wird an das Mädchen erinnert. | Foto: Andreas Arnold/dpa

Wie würde Anne Frank wohl aussehen, wenn sie ihren 90. Geburtstag am 12. Juni erleben könnte? Eine alte Dame mit silberweißem Haar, noch immer geistig rege und hoffentlich verschont von Krankheit und Gebrechlichkeit? Die Frage ist rein hypothetisch – das jüdische Mädchen, das von einer Zukunft als Schriftstellerin träumte, starb im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Durch ihr im niederländischen Versteck verfasstes Tagebuch, in mehr als 70 Sprachen übersetzt, wurde sie unsterblich. In ihrer Geburtsstadt Frankfurt wird an ihrem 90. Geburtstag mit einer Veranstaltung in der Paulskirche an sie erinnert.

Spuren der Familie Frank gibt es in Frankfurt, in der eine der ältesten und größten jüdischen Gemeinden Deutschlands zu Hause ist, immer noch.

Doch auch wenn sie 1929 in Frankfurt geboren wurde: Anne Frank betrachtete sich selbst vermutlich gar nicht als „Frankfurter Mädchen“, als sie mit 13 Jahren im Amsterdamer Exil die ersten Seiten des Tagebuchs beschrieb - auf Niederländisch. Spuren der Familie Frank gibt es in der Main-Metropole, in der eine der ältesten und größten jüdischen Gemeinden Deutschlands zu Hause ist, immer noch. Im Marbachweg etwa steht vor dem Haus, in dem die Familie Frank bis 1931 lebte, eine Gedenkstele, die Anne als pausbäckiges Kleinkind mit ihrer älteren Schwester Margot und einer Freundin zeigt. Das Tagebuch-Zitat darunter stammt aus dem April 1944, als die Enge des Verstecks im Hinterhaus an die Stelle des großbürgerlichen Stadtteils mit alten Bäumen getreten war: „Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein!“

Auch vor dem Haus in der Ganghoferstraße, in der die Familie Frank bis zu ihrer Emigration in die Niederlande im Jahr 1933 lebte, erinnert eine kleine Tafel an Anne Frank. „Anne Frank war nicht nur ein temperamentvolles und selbstbewusstes Mädchen mit literarischer Begabung, deren Familie zum bildungsorientierten jüdischen Bürgertum gehörte“, sagt Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. „Sie hielt der Realität ihres bedrohten Lebens in ihrem Tagebuch auch den Traum einer Gesellschaft entgegen, in der die Würde des Einzelnen unantastbar ist.“ Das Museum erinnert am 12. Juni mit einer eintägigen Pop-Up-Ausstellung an das Frankfurter Leben der Familie Frank. Für Hessens Antisemitismusbeauftragten Uwe Becker (ist Anne Frank die bekannteste Frankfurterin überhaupt – „nicht weil sie danach gestrebt hätte, sondern weil diese Stadt sich ihrer in der Zeit des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte unwürdig gezeigt hat und mit Schuld an Leid und Tod von Anne Frank trägt“, wie er betont. Anne Franks Tagebuch hat für Becker Fortbestand in Gegenwart und Zukunft: „Fragen zur Menschlichkeit einer Gesellschaft, die sie in ihrem Tagebuch niedergeschrieben hat, sind auch heute noch aktuell.“ Das gilt nach Angaben Beckers mehr denn je: „Leider sehen wir erneut das Anwachsen von extremem Nationalismus in Europa. Wir beobachten einen wachsenden Antisemitismus.“ Das Tagebuch der Anne Frank wirke gegen das Vergessen.

Zugleich gibt Anne Frank mit ihrem berühmten Schicksal den Opfern der Schoah ein konkretes Gesicht: „Die Geschichte von Anne Frank und ihrer Familie steht stellvertretend für die Geschichte von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Nationalsozialismus ermordet wurden“, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, die sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Gewalt einsetzt. „Sie zeigt uns, wohin eine Ideologie der Ungleichwertigkeit führen kann, nämlich zu Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung.“

Zudem sei Anne Frank gerade für Jugendliche eine Identifikationsfigur: „Es sind Fragen, die Jugendliche heute auch beschäftigen – eine wunderbare Gelegenheit, mit ihnen über so komplizierte Fragen wie Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung ins Gespräch zu kommen“, sagt Mendel. (dpa)

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