Für KHL geht das Leben mit 67 weiter: trotz Häme

Der Ausschuss der Regionen, eine Art europäischer Bundestag, bietet Lambertz die von ihm so geliebte große Bühne außerhalb Ostbelgiens.
Der Ausschuss der Regionen, eine Art europäischer Bundestag, bietet Lambertz die von ihm so geliebte große Bühne außerhalb Ostbelgiens. | Foto: Oswald Schröder

Es wäre sicher falsch so zu tun, als habe es bei früheren Regierungsbildungen kein Kleinholz gegeben. Und nicht selten war Karl-Heinz Lambertz vorne dabei. Er ist nun mal ein Machtpolitker – und das, seit er 1975 die politische Bühne der deutschsprachigen Belgier betreten hat. Ins Parlament, damals noch Rat der deutschen Kulturgemeinschaft, wurde Lambertz 1981 erstmals für die SP gewählt.

Heute, 38 Jahre später, ist er immer noch da. 1990 wurde Lambertz zum ersten Mal Minister einer Regierung, damals noch „Exekutive“ genannt, unter Führung der CSP übrigens. Der Paasch der ostbelgischen Politik hieß damals mit Vornamen Lorenz, Bernd Gentges arbeitete sich gerade an dem vom Föderalstaat „geerbten“ Unterrichtswesen ab. Trotz einer Verfünffachung seines persönlichen Ergebnisses flogen Gentges Liberale 1995, mit Hilfe der CSP, aus der Regierung, Lambertz wurde 1999 erstmals Ministerpräsident. Und so ging es weiter. Mit wechselnden Partnern.

Wirft man einen Blick auf die Deutschsprachige Gemeinschaft von heute, muss man anerkennen, dass vieles davon nicht so geworden wäre, wie wir es heute kennen: ohne den Machtmenschen aus Schoppen. Sicher ist auch heute noch der eine oder andere Zeh blau, auf den Lambertz im Laufe seiner Karriere draufstieg, und manche Rechnung offengeblieben.

Dennoch muss man die politische Leistung des Mannes anerkennen, der, wie kein anderer, die Geschicke der DG geprägt hat. Die persönliche Rechnung, auch für den Überdruss an seiner Person, haben ihm viele Hunderte Wähler am 26. Mai präsentiert. Nur auf Platz drei der SP-Liste, ohne Ministerpräsidentenbonus und die Aura des Allmächtigen, die ihn lange umgab, schwärzten noch genau 973 Wähler den Punkt neben seinem Namen. Früher waren es über 3.000.

Eine Rechtfertigung für die Häme und die Beschimpfungen, die gerade in den sozialen Netzwerken und bestimmten Plattformen auf Karl-Heinz Lambertz und seine Unterstützer egal welcher Couleur einprasseln, kann das nicht sein. Man kann ihm vieles vorwerfen, dem eiskalten Taktierer, der immer gewusst hat, dass man am besten aus einer Mehrheit heraus gestalten kann, der dafür manche Ecke rund gefeilt und die Späne bewusst in Kauf genommen hat, mangelndes Engagement und ehrliches Interesse sicher nicht: Er hätte anderswo mehr verdienen können.

Abgesehen von dem Ton und der Wortwahl der Kritik, die nichts Gutes über die politische (Un)Kultur ihrer Urheber aussagt: Unsere Gemeinschaft wäre ohne KHL eine andere. Und es ist nicht sicher, ob nahezu jeder deutschsprachige Belgier, wie bei der jüngsten Forsa-Umfrage geschehen, erklären würde, dass er sich in seinen Lebensumständen wohl fühlt. Die jüngsten Ereignisse haben im politischen Ostbelgien Spuren hinterlassen: Wahrscheinlich würden heute auch nicht drei von vier DG-Bürgern sagen, dass sie mit „der Politik in der DG“ zufrieden sind. Das wird wieder.

Lambertz’ Geschichte geht vorerst weiter: bis 2024. Irgendwann wird die Geschichte der DG geschrieben werden. Das Wirken von KHL wird sich wie ein roter Faden durch das erste halbe Jahrhundert ziehen. Nicht primär, weil rot die Farbe der SP ist.

Kommentare

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  • Welch ein "Nachruf"! Es fehlt leider der Vermerk, dass KHL das Schicksal vieler Spitzensportler teilt, die den Zeitpunkt für den Rückzug schlichtweg verpasst haben. Das, was KHL für die DG geleistet hat, kann ihm keiner streitig machen. Ein Rückzug aus der 1. Reihe hätte ihm Respekt eingebracht. Abgesehen von denen, die es ohnehin - meist anonym - nur darauf anlegen, Jauche zu versprühen. Auf dem Präsidentensessel ist KHL als polarisierender Vollblutpolitiker nicht erst seit heute eine Fehlbesetzung. Bedauerlich und tragisch zugleich ist, dass er sich die Jauche jetzt noch selbst über der Kopf schüttet. Des Geldes wegen, wird er dies mit Sicherheit nicht getan haben. Da spielt Machterhalt und die mangelnde Akzeptanz, ersetzbar zu sein, wohl die größere Rolle. Oder doch das Gefühl etwas zu Ende bringen zu müssen? Mit Sicherheit jedoch eine verpasste Gelegenheit, die Menschen mit der Politik zumindest ein klein wenig zu versöhnen.

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