Ein reiches Land steht vor einem radikalen Wandel: Wirtschaft ohne Öl

Saudi-Arabien:

Die Abhängigkeit vom Öl ist eines der Probleme Saudi-Arabiens (im Bild eine Erölraffinerie bei Dhahran).Die Einstellung der jungen Generation könnte jedoch ein noch größeres Problem sein. | Foto: epa HO/EPA/dpa

Der Öl-Boom ließ Saudi-Arabien zu einer der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt werden. Seit die Preise im Keller sind, muss das Königreich aber an die Reserven gehen. Und die größte Herausforderung steht der Wüstenmonarchie noch bevor: die eigene Jugend.

Von Simon Kremer

Die Arbeitslosigkeit in Saudi-Arabien steigt unaufhörlich an, das Einkommen der Haushalte sinkt rapide. Das Königshaus reagiert drastisch, friert die Staatsausgaben ein und lässt ausländische Gastarbeiter nicht mehr ins Land. Doch den Verfall der saudischen Wirtschaft können die Maßnahmen nicht aufhalten. In diesem Modellszenario der Analysten von McKinsey sieht die Zukunft von Saudi-Arabien düster aus. Mit einem radikalen Wandel der Wirtschaftspolitik wäre das jedoch anders, schreibt das McKinsey Global Institut in einer Analyse im Dezember 2015. Ein paar Monate später bahnt sich dieser Schritt tatsächlich an.

Der stellvertretende Kronprinz Mohamed bin Salman ist der neue starke Mann Saudi-Arabiens und er kündigt im April 2016 eine große Wirtschaftsreform an: Die „Vision 2030“. Angesichts des Preisverfalls beim Öl und der steigenden Staatsverschuldung soll die Wirtschaft in den kommenden 14 Jahren unabhängiger vom Öl werden. Derzeit erwirtschaftet das Land rund 90 Prozent seiner Einnahmen durch Öl-Exporte.

Eine radikale Wirtschaftsreform und ehrgeizige Ziele

„Die saudische Wirtschaft war auf Achterbahnfahrt vergangenes Jahr“, sagt der Geschäftsführer der deutschen Auslandshandelskammer in Riad, Oliver Oehms. Einige Unternehmen hätten massiv mit Zahlungsausständen zu kämpfen. Gerade öffentliche Auftraggeber hätten Gelder zunächst zurückgehalten. Es fehlte an Liquidität.

Die holt sich das Land im Oktober durch internationale Geldgeber und bringt erstmals Anleihen für Investoren auf den Markt. Rund 17,5 Milliarden Dollar soll sich Saudi-Arabien nach Einschätzung von Experten durch die Anleihen beschafft haben und beendet das Jahr entsprechend mit einem geringeren Haushaltsdefizit als erwartet: Das Haushaltsloch beträgt 2016 nach eigenen Angaben „nur“ rund 75 Milliarden Euro, rund neun Prozent weniger als geschätzt.

Doch Staatsanleihen allein reichen nicht aus. „Um die Transformation zu schaffen, muss Saudi-Arabien den Schritt vom aktuellen regierungsgeleiteten Wirtschaftsmodell zu einem mehr marktbasierten Ansatz schneller vollziehen“, analysiert McKinsey. Die vom stellvertretenden Kronprinzen Mohamed bin Salman ausgegebenen Ziele lesen sich entsprechend weitgreifend – die Maßnahmen radikal: Der Privatsektor soll von 40 auf 60 Prozent erhöht, die Arbeitslosenquote von 11 auf 7,6 Prozent gesenkt werden. Der staatliche Öl-Konzern Aramco soll dafür an die Börse gebracht werden, staatliche Subventionen für Strom und Wasser werden abgebaut, die Gehaltspakete im öffentlichen Dienst teilweise empfindlich beschnitten. Anfang 2018 soll die Mehrwertsteuer eingeführt werden. Es ist eine Reform im Werden.

Investoren aus dem Ausland sollen noch stärker eingebunden werden, sagt auch Basma al-Buhairan von der staatlichen Investitionsbehörde Sagia. Sie verantwortet den Medizinbereich der Institution, neben dem vor allem im Bereich Transport, Landwirtschaft, Erneuerbare Energien und Infrastruktur neue Investoren angelockt werden sollen. „Weil der Energiemarkt so anfällig geworden ist, muss sich Saudi-Arabien breiter aufstellen und unabhängiger vom Öl werden“, sagt al-Buhairan. Die Vorteile des Landes liegen für sie auf der Hand: Gute Infrastruktur und vor allem viele gut ausgebildete junge Menschen. Etwa 60 Prozent der saudischen Bevölkerung sind der Sagia zufolge unter 35 Jahren alt.

Die kritisch denkende Bevölkerung ist eine „tickende Zeitbombe“.

Und genau hier sehen Wirtschaftsanalysten die wahre Gefahr Saudi-Arabiens – neben der Abhängigkeit vom Öl. Die amerikanische Denkfabrik Brookings spricht im Zusammenhang mit der jungen – und kritisch denkenden – Bevölkerung von einer „tickenden Zeitbombe“ als „Mutter aller Probleme“. Neben dem Haushaltsloch, regionalem Terrorismus und hohen Staatsausgaben. Zwar sei eine junge und gut ausgebildete Generation auch ein möglicher Treiber von Fortschritt, gelinge deren Integration in den Arbeitsmarkt jedoch nicht, könne dies zu Unruhe führen.

Auch der Internationale Währungsfonds sah vor einiger Zeit die junge Generation im Fokus des politischen Wandels. Während ausländische Gastarbeiter häufig zu schlechten Löhnen im Privatsektor arbeiteten, zielten junge Saudis auf einen Job im sicheren und gut bezahlten Staatsdienst. Doch auch hier setzt die Führung derzeit mit Reformen an. Und schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote der Jungen nach Angaben der Weltbank bei knapp 30 Prozent. Kürzt der Staat weiter bei der Subventionen und Grundversorgung, könnte dies zu Problemen führen. (dpa)

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