Sky: Große Träume, große Zweifel

Radsport

„Alles ist möglich, und harte Arbeit zahlt sich aus“, so Toursieger Geraint Thomas (l.). | Foto: afp

Der Tour-Triumph von Geraint Thomas war der sechste des Teams Sky in sieben Jahren. Doch es gibt genügend Gründe, die unnahbare britische Traumfabrik skeptisch zu beäugen.

Bei Sky muss alles immer ein bisschen größer, ein bisschen schicker, ein bisschen dicker aufgetragen sein. Zum sechsten Mal in sieben Jahren ist das Lebenswerk von Teamchef Dave Brailsford mit dem Triumph bei der Tour de France veredelt worden. Dafür wurde dann eigens ein ziemlich abgefahrener und sündhaft teurer Sportwagen in Gelb getaucht, mit den Insignien des Erfolgs versehen und nach Paris auf die Champs Elysees chauffiert.

Sein Tour-Gesamtsieg ist das Produkt vieler Entbehrungen und jahrelangen Aufbaus, er ist kein Zufallsgewinner.

Am Steuer dieses Gefährts wurde dann auch Geraint Thomas (32) abgelichtet. „G“, der neue Tour-Champion aus der britischen Wunderwerkstatt, der Titelverteidiger Chris Froome ablöste. „Träumt groß“, sagte der Waliser: „Wenn Leute dir sagen, du kannst etwas nicht schaffen, glaub‘ an dich und bleib‘ dran. Alles ist möglich, und harte Arbeit zahlt sich aus.“

Es ist keineswegs in Abrede zu stellen, dass Thomas selbst hart gearbeitet hat, extrem hart sogar. Sein Tour-Gesamtsieg ist das Produkt vieler Entbehrungen und jahrelangen Aufbaus, er ist kein Zufallsgewinner. Seine Bescheidenheit wirkt zudem „wie ein Elixier für die unter Beschuss stehende Mannschaft von Brailsford“, wie die Times aus London fand: „Geraint Thomas‘ Triumph kann die dunklen Wolken über dem Team Sky vertreiben.“ Dennoch bleiben Fragen, viele Fragen – und kaum eine ist hinreichend beantwortet. Da wäre die Asthmamittel-Affäre um den viermaligen Champion Froome (2013, 2015-17). Unmittelbar vor der Tour gab es eine, von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA massiv gestützte, sehr umstrittene Absolution für den 33-Jährigen. Mittlerweile zu einem geflügelten Wort auf der Insel geworden ist der Ausdruck „jiffy-bag“ für jene mysteriöse Medikamentenlieferung an den ersten britischen Tour-Champion Bradley Wiggins (2012), deren Hintergründe ebenso im Dunkeln liegen. Es geht auch um einen Laptop, der die aufklärenden Daten angeblich enthielt, dem damaligen Teamarzt aber in Griechenland gestohlen worden sein soll. In einer Equipe, die auf Perfektion getrimmt ist, gab es plötzlich kein Datenbackup.

Viele Fragezeichen stehen nach wie vor hinter Froome.

Es sind Dinge wie diese, die das Publikum auf die Barrikaden bringen, mit denen sich die Buhrufe und Pfiffe erklären lassen. Und nicht mit der Natur der Franzosen, wie Brailsford die Öffentlichkeit glauben lassen will. „In Italien oder Spanien hatten wir nie Probleme“, behauptete er. Das Bild, wie Froome während des Giro d’Italia ein überdimensionaler Inhalator entgegengehalten wurde, ignorierte Brailsford wohl geflissentlich.

Brailsford hinterließ im Übrigen auch vor dem britischen Sportausschuss keinen guten Eindruck, als er zu den Umständen in der „jiffy bag“-Affäre befragt wurde. „Unser Job ist es, zweifellos zu beweisen, dass die Tour sauber gewonnen werden kann. Das Vermächtnis dieses Sieges wäre phänomenal“, sagte der Mastermind einst, als die Traumfabrik im Jahr 2009 ihre Tore öffnete. (sid)

Unmittelbar vor der Tour erreichte Froome (r.) die Asthmamittel-Affäre.

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