Froomes trinkfester Schatten: Wasserträger Thomas wird zum Tour-Boss

Radsport

Geraint Thomas (links) und Vorjahressieger Christopher Froome gönnen sich ein Gläschen Champagner. | Foto: afp

Geraint Thomas sollte seinen Boss Chris Froome über die Berge eskortieren, jetzt hat er selbst die Tour de France gewonnen. Trotz des immensen Drucks auf das Sky-Team zeigte der Waliser keine Schwäche.

Von Christoph Leuchtenberg und Emanuel Reinke

Es half nichts: Auch nach elf Tagen in Gelb und einer gewissen Routine konnte Geraint Thomas nicht ganz aus seiner Haut. Ein wenig schüchtern lugte er unter dem Schirm seiner Kappe hervor, lächelte verlegen, winkte brav mit Blumenstrauß und Plüschlöwe – immer noch wirkte es so, als würde er, der Sieger der 105. Tour de France, das Maillot jaune nur für seinen Chef Chris Froome aufbewahren.

Dabei besteht nicht der Hauch eines Zweifels: Der treue Thomas, die walisische Bescheidenheit in Radlerhosen, ist nun selbst der Boss und in der Nachfolge seines mächtigen Teamkapitäns ein in jeder Hinsicht hochverdienter Champion. „Ich kann es nicht fassen, dass ich jetzt hier in Gelb sitze. Es ist der Wahnsinn. In meiner Karriere hatte ich eine Menge Pech. Umso schöner ist es, dass sich alles ausgezahlt hat“, sagte Thomas.

Der 32-Jährige beeilte sich gleich, all jenen zu danken, deren Rolle er selbst in so vielen Rennen als üppig bezahlter Wasserträger in seinem Sky-Team gespielt hatte. „Dieses Team ist superstark“, sagte Thomas und ergänzte mit Blick auf den Druck, der angesichts der Asthmamittel-Affäre um Froome auf der Mannschaft lastete: „Es geht nicht nur um gute Beine, sondern auch um gute Köpfe.“

Seinem Kapitän Froome, für Thomas „eine Legende und der vielleicht Beste aller Zeiten“, hatte er bis zuletzt seine Loyalität versichert, seine Helferdienste zugesagt. Nachdem der viermalige Tour-Champion letztlich dann doch nie eine Chance gegen die etatmäßige Nummer zwei gehabt hatte, fand Thomas mit feuchten Augen warme Dankesworte.

Thomas: „Froomey hat sich am Ende meinem Sieg verschrieben. Wir sind dicke Freunde.“

„Froomey hat sich am Ende meinem Sieg verschrieben. Wir sind dicke Freunde. Der wahrscheinlich beste Rundfahrer der Geschichte ist hier für mich gefahren, das ist unwirklich“, sagte Thomas. Froome lächelte gerührt: „Er hatte so großen Anteil an meinen Tour-Siegen, jetzt kann ich richtig stolz auf Geraint sein.“

Zurecht: Als einziger Klassementfahrer leistete sich Thomas keinen Fehler und auch keine physische Schwächephase. Der Waliser ist privat ein bodenständiger Rugby-Fan mit einer Schwäche für ein, zwei oder mehr gute Pints heimischen Bieres und bisweilen legendäre Party-Abende. „Er liebt es, einen Drink zu nehmen, wenn es Zeit dafür ist, einen zu nehmen“, sagt sein langjähriger Coach Rod Ellingworth, heute in Skys sportlicher Leitung. Was Thomas nun mit der weiteren Karriere anstellt, wird spannend, schließlich läuft sein Sky-Vertrag zum Saisonende aus. Soll er nun, wohlwissend, dass es als bald Mittdreißiger sein letzter großer Kontrakt sein könnte, bleiben, um vielleicht im kommenden Jahr – noch höher bezahlt – doch wieder für Froome oder für das aufstrebende Supertalent Egan Bernal schuften zu müssen? Oder übernimmt er andernorts eine üppig honorierte Kapitänsrolle? Dazu wollte er sich erstmal nicht äußern. Zunächst wollte Thomas schlicht das Hochgefühl als Tour-Sieger auskosten, „mit ein paar Bier und ein paar Burgern“.

Dass auf seinen Triumph irgendwann einmal ein Schatten fallen wird und unlautere, dem Sky-Team gerne unterstellte Methoden ans Licht kommen, schließt er aus: „Ich mache es auf die korrekte Art, das Team ebenfalls. Es gibt nichts, was ich unternehmen könnte, um dies zu beweisen. Aber das hier wird die Prüfungen der Zeit überstehen.“ (sid)

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