Emotionale Saison endet „zum Kotzen“ für Uwe Gensheimer

Der emotionale Tiefpunkt der Saison war für Uwe Gensheimer nicht sportlicher, sondern privater Natur. | afp

Uwe Gensheimer verzog keine Miene. Mit gesenktem Blick und aschfahlem Gesicht nahm Deutschlands Ausnahme-Handballer die Trophäe für den besten Torschützen der Königsklasse entgegen. Während Ex-Spice-Girl Melanie C „We are the champions“ mit den johlenden Siegern von Vardar Skopje sang, stand Gensheimer der Schock des in letzter Sekunde geplatzten Champions-League-Traums förmlich ins Gesicht geschrieben. Wenige Augenblicke später schlich der Kapitän der deutsche Nationalmannschaft völlig niedergeschlagen in die Kabine.

„Es ist zum Kotzen, so zu verlieren, ganz bitter, ein scheiß Gefühl“, sagte Gensheimer. Das Finale mit Top-Favorit Paris St. Germain sollte nach einem emotionalen Jahr voller Höhen und Tiefen zum bisherigen Höhepunkt seiner Karriere werden, doch nach der überraschenden 23:24-Endspiel-Niederlage vergossen die Stars aus der französischen Hauptstadt bittere Tränen.

Das Finale mit Top-Favorit Paris St. Germain sollte zum bisherigen Höhepunkt seiner Karriere werden.

Selbst der Pokal für seine famose Champions-League-Saison mit 115 Toren, den er sofort nach der Verleihung einem Pariser Betreuer in die Hand gedrückt hatte, war für Gensheimer kein Trost: „Das ist mir egal. In diesem Moment kann man sich nur schwer freuen.“

Zu sehr schmerzte der jäh zerplatzte Traum vom Champions-League-Titel, zu qualvoll wog noch der Moment nach, als Skopjes Ivan Cupic Gensheimer auf dem rechten Flügel entwischte und PSG mit seinem Siegtor zwei Sekunden vor der rettenden Verlängerung mitten ins Herz traf. Der viermalige Handballer des Jahres und beste Spieler Deutschlands jagt weiter erfolglos seinem ersten großen internationalen Titel hinterher.

Es war nicht das erste Mal, dass Gensheimers Ziele in dieser Saison wenige Augenblicke vor Schlusspfiff schonungslos zerschmettert wurden: Im Halbfinale der Olympischen Spiele von Rio war es sein Pariser Teamkollege Daniel Narcisse, der der Nationalmannschaft um Kapitän Gensheimer zwei Sekunden vor Spielende die Hoffnung vom Olympia-Finale und von der Chance auf die Goldmedaille nahm. Der emotionale Tiefpunkt der Saison war für Gensheimer allerdings nicht sportlicher, sondern privater Natur. Kurz vor dem Start der Weltmeisterschaft im Januar in Frankreich musste er den überraschenden Tod seines Vaters Dieter verkraften. Gensheimer stellte sich in den Dienst der Mannschaft, nahm trotzdem am Turnier teil. „Mein Vater hätte es so gewollt“, sagte der 30-Jährige.

Doch zur emotionalen Achterbahnfahrt des Uwe Gensheimer im vergangenen Jahr gehörten auch Höhenflüge: 364 Tage vor der schmerzvollen Final-Niederlage in Köln hatte Gensheimer noch den bislang schönsten Titel seiner Laufbahn gefeiert. Nach 13 Jahren bei den Rhein-Neckar Löwen holte der Deutsche die erste deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Doch nach dem lang ersehnten Titel mit seinem Herzensklub strebte Gensheimer nach höheren Zielen. Der Traum vom Champions-League-Sieg trieb ihn im Sommer zum Star-Ensemble von Paris St. Germain mit vier aktuellen oder ehemaligen Welthandballern. „Ich habe mit Paris größere Chancen gesehen, diesen Titel zu gewinnen“, sagte Gensheimer. Zwar gelang ihm in seiner Debüt-Saison das Double aus Meisterschaft und nationalem Pokal – doch auf den erhofften großen Wurf muss Deutschlands Vorzeige-Handballer weiter warten. (sid)