„Jetzt haben wir 23 Löwen“: Stolz verdrängt Englands Trauer

Fußball-WM

Harry Kane sagte: „Es tut weh, sehr sogar.“ | Foto: afp

Bei Englands jungen Löwen verdrängte der Stolz nach dem bitteren Halbfinal-Aus gegen Kroatien schnell die Enttäuschung. Gareth Southgate gab sich schon wieder kämpferisch.

„Es tut weh, sehr sogar“, sagte Englands Kapitän Harry Kane nach dem 1:2 (1:1, 1:0) nach Verlängerung im WM-Halbfinale gegen Kroatien in Moskau: „Aber wir können die Köpfe weit oben behalten. Wir sind weiter gekommen, als ganz viele gedacht haben.“

„Stolz“ wurde schnell zum am häufigsten gebrauchten Wort, auch in der Heimat. „Ich könnte nicht stolzer auf dieses Team sein“, schrieb Prinz William, der auch Präsident des Fußballverbandes FA ist, auf Twitter: „Ihr hattet eine unglaubliche WM, habt Geschichte geschrieben und uns Fans etwas gegeben, an das wir glauben konnten. Wir wissen, dass von dieser Mannschaft noch mehr zu erwarten ist.“

Harry Kane hat ein kleines Ziel vor Augen: den „goldenen Schuh“.

Dieser Ansicht war auch Teammanager Gareth Southgate, als er erschöpft, enttäuscht, aber auch schon wieder bemerkenswert kämpferisch vor die Presse trat. „Diesmal haben wir es nicht geschafft, aber wir werden daraus lernen“, sagte der Coach. Er sei überzeugt, dass es „solche Erfahrungen“ seien, die eine Mannschaft „zu einem Gewinnerteam“ machten: „Was in den letzten Wochen passiert ist, wird uns stärker machen.“

Diese Sätze können Englands Konkurrenten im Weltfußball getrost als Kampfansage auffassen. Die noch jungen, unerfahrenen Three Lions hatte die abgezockten Kroaten nach dem frühen Führungstreffer von Kieran Trippier (5.) im Luschniki-Stadion am Rande einer Niederlage, verloren aber auf dem Weg in ihr erstes WM-Finale seit dem Titelgewinn 1966 in der zweiten Halbzeit den Faden. Kroatien konterte durch Tore von Ivan Perisic (68.) sowie Mario Mandzukic (109.) in der Verlängerung.

Dennoch: Das gut funktionierende Spielerkollektiv mit Kane und Abwehrriese John Stones als tragende Säulen hat dem gebeutelten Fußball-Mutterland ein neues Selbstwertgefühl gegeben. In vier Jahren in Katar werden die Three Lions mit dem besonnenen Southgate auf der Bank mit ziemlicher Sicherheit noch schwerer zu schlagen sein.

„Der Traum ist vorbei, aber nun haben wir 23 Löwen“, schrieb die „Sun“ und wählte denselben kämpferischen Ton wie die meisten Zeitungen auf der Insel. Nur vereinzelt mischte sich in den Stolz auch Verbitterung über die „vergebene Chance eures Lebens“, wie der „Mirror“ schrieb: „Nach 52 Jahren hält der Schmerz an.“

Vor der Rückkehr nach Hause steht Southgate nun vor der Mammutaufgabe, seine Spieler für das kleine Finale am Samstag gegen Belgien (16 Uhr MESZ) zu motivieren. „Um ehrlich zu sein: Das ist ein Spiel, das kein Team spielen will“, sagte er und sprach von einer „Herausforderung“, die Mannschaft mental aufzurichten, damit sie wieder eine, natürlich, „stolze“ Vorstellung geben könne.

Harry Kane, der mit sechs Treffern noch immer klar die Torjägerliste in Russland anführt, hat zumindest ein kleines Ziel vor Augen: den „goldenen Schuh“ als bester WM-Torjäger mit nach Hause zu nehmen. „Wenn es den Fans ein wenig hilft, nehme ich den Preis gerne mit“, sagte er. (sid)

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