Blick in die Tour-Geschichte: Willy Voet und die EPO-Ampullen

Radsport

8. Juli 1998: Als Willy Voet die brisante Ladung im Kofferraum verstaut hatte und seinen Wagen startete, wusste er nicht, dass er wenig später den bis dahin größten Doping-Skandal der Sportgeschichte lostreten sollte. Am 8. Juli begann bei der Tour 1998 die Festina-Affäre, die in die Annalen des Radsports einging.

Wenige Tage vor dem Start in der irischen Hauptstadt Dublin kam die Lawine an der belgischen-französischen Grenze ins Rollen. Auf einer Nebenstraße bei Neuville war Voet am Steuer eines Festina-Fahrzeugs mit offizieller Tour-Beschriftung festgenommen worden. Im Auto des damals 53 Jahre alten Masseurs: Unter anderem 400 Ampullen EPO sowie Anabolika. Der Belgier galt als persönlicher Betreuer von Festina-Kapitän Richard Virenque, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, dass die Entdeckung der Drogenfahnder das Ende seiner Karriere einläutete.

In Dublin reagierte Festina-Teamchef Bruno Roussel auf die Nachricht gereizt und distanzierte sich mit Nachdruck von Voet. Doch als bekannt wurde, dass der Doping-Express auf dem Weg zur Kanalfähre nach Calais und damit Richtung Irland war, eskalierte das Geschehen.

Noch am gleichen Wochenende schaltete Festina-Firmenchef Miguel Rodriguez einen Anwalt ein, „damit das Team sich auf seine eigentlichen Aufgaben konzentrieren kann“. Doch die Lawine war nicht mehr zu stoppen. Beim Verhör in Lille sagte Voet am 14. Juli aus, auf Anweisung von Festina-Offiziellen gehandelt zu haben – und das nicht zum ersten Mal.

Virenque, der Berg-König der Tour 1997, ging in die Offensive und drohte mit einer Klage wegen Diffamierung. In Cholet wurde Teamchef Roussel erstmals zum Verhör abgeführt und 24 Stunden später von der Tour-Leitung suspendiert. Am 16. Juli war der Skandal dann perfekt: „Es ist jetzt 22.50 Uhr, die Tour-Organisation hat den Ausschluss von Festina beschlossen.“ Mit diesen Worten war Tour-Chef Jean-Marie Leblanc in Brive vor die Presse getreten, nachdem Roussel wenige Stunden zuvor vor der Staatsanwaltschaft Lille ein Geständnis abgelegt und organisiertes Doping der Mannschaft eingestanden hatte.

Was folgte, waren endlose Vernehmungen der Festina-Fahrer und Geständnisse, aber auch die Verwicklung weiterer Teams in die Affäre. Das niederländische TVM-Team geriet zuerst ins Visier der Dopingfahnder, deren rigorose Verhörmethoden die Rennställe Banesto, Once und Riso Scotti zum vorzeitigen Tour-Ausstieg veranlassten. (sid)

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