Tim Vanhamel von Millionaire: „Das machen, was gut für mich ist“

Musik

Tim Vanhamel (39) ist einer der kreativsten Musiker des Landes. Das Ex-Mitglied von unzähligen Bands à la dEUS, Evil Superstars, Magnus und The Eagles of Death Metal konzentriert sich nun wieder auf seine eigene, 1999 gegründete Band Millionaire. Das neue, dritte Album heißt „Sciencing“. Wir trafen ihn im Lütticher Konzertklub KulturA. zum Interview.

Patrick Bildstein

Tim Vanhamel empfängt uns im Backstagebereich der gemütlichen Location in der rue Roture. Entspannt, locker mit Hawaiihemd gekleidet, berichtet er von seiner Auszeit, seiner neuen Motivation und der Absage an dEUS, Mauro Pawlowski an der Gitarre zu ersetzen.

Was hat Sie dazu bewegt, Millionaire wieder ins Leben zu rufen? Sie haben seinerzeit die Band gestoppt, weil Sie das ganze Circuit satt waren. Mauro Pawlowski hat bei dEUS aufgehört, weil er keine Lust mehr auf das Popgeschäft und die großen Hallen hatte. Sie machen das Gegenteil.
Ich hatte eigentlich keinen Plan. Ich habe zunächst nur die Platte aufgenommen. Erst danach habe ich mir gedacht: Man könnte auch wieder auftreten. Ich will aber jetzt nicht per se große Hallen spielen. Ich bevorzuge kleine Säle, mit 500 Zuschauern. Dann hat man einen besseren Kontakt zum Publikum. Es riecht nach Schweiß. Es ist punkig.

Warum haben Sie kein Soloprojekt gemacht, nur unter dem Namen Tim Vanhamel?
Millionaire ist meine Gruppe, mein Projekt, meine Songs, meine Seele gewesen. Ich habe nie daran gedacht, mit Millionaire aufzuhören. Es war immer so nach dem Motto: Wir gucken mal, wann wir uns zurückmelden.

Jetzt war der Moment gekommen, Millionaire zu reaktivieren.
Ja. Mein Freund in Costa Rica hatte mich gefragt, ob ich sein Studio mal testen will. Ich bin dann dorthin. Nach vier Wochen spürte ich so einen Groove. Die Songs sprudelten aus meinem Kopf. Es klang abenteuerlich, es hörte sich nach Millionaire an. Ich habe dann nicht mehr großartig drüber nachgedacht.

Wie fühlt es sich an, wieder unterwegs zu sein? Ist es etwas Spezielleres, als mit Magnus und The Hickey Underworld zu touren?
Ja, es ist etwas Spezielles. In den anderen Gruppen steht die Energie der anderen im Vordergrund. Da geht die Energie nicht von mir aus. Ich entscheide da nicht drüber. Bei Millionaire kommt die Energie von mir. Ich genieße das. Magnus war die Band von Tom Barman. Millionaire ist meine Band.

Wollten Sie wieder der Boss sein?
Nein, so würde ich das nicht nennen. Es geht um das Ausleben der eigenen Kreativität.

Die Rezensionen sind sehr positiv. Lesen Sie das?
Nein, eigentlich nicht. Es ist gesund, sich nicht damit zu beschäftigen. Ich will nichts davon mit in meinem Kopf rumschleppen. Mein Job ist: Ich mache Musik und trete auf. Ich genieße das. Ich mache es mit meinem Herzen. Was die anderen davon halten, ist nicht wichtig. Wenn einer meine Musik nicht mag, ist das in Ordnung. Das ist subjektiv. Das ist das Leben.

Sie lesen die Rezensionen schon?
Wenn ich zufällig auf eine stoße, lese ich die. Ich suche sie aber nicht.

Es ist eine sehr spirituelle Platte geworden. Hat das mit dem Tod Ihres Vaters vor einigen Jahren zu tun?
Nein. Das Spirituelle ist persönlich. Ich kann schwer erklären, was sich in mir abspielt.

Spielt der Tod Ihres Vaters eine Rolle?
Alles ist im Leben „connected“. Ich bin ein anderer Mensch als vor zehn Jahren. Sie auch. Man entwickelt sich tagtäglich weiter. Wenn mein Vater noch leben würde, wäre das Leben sicherlich anders.

Waren Sie beim Schreiben des Albums auf der Suche nach etwas?
Nein, eigentlich nicht. Das Jahr 2012 war eine intensive Periode. Ich habe mich da aus der Musik ausgeklinkt. Dann starb mein Vater. Da habe ich mir gedacht: Ich muss mal weg. Ich bin rumgereist. Ich habe mir ein Jahr Auszeit genommen. Keine Musik gemacht. Dann habe ich mich wieder rangesetzt, mit Magnus, The Hickey Underworld und anderen Gruppen gespielt. Danach habe ich diese Platte aufgenommen.

Es ist nicht nur ein Comeback von Millionaire, sondern auch von Ihnen selbst?
Das ist zu viel Interpretation. Im Leben passieren unzählige Dinge. Man nimmt bestimmte Wege. Die Medien suchen immer nach Stories. So sehe ich das aber nicht.

Sie haben für Ihr Comeback die verrückte Single „I’m not what you think you are“ herausgebracht. Warum dieser Song?
Ich weiß es nicht. Die Single schrie förmlich danach, als erste herausgebracht zu werden. Das Lied hat Attitüde. Ich will keine Kontrolle über Dinge haben. Kontrollsucht lässt vieles scheitern im Leben. Ich lasse es einfach laufen. Und dann kann alles passieren. So ist auch das Video zur Single entstanden. Das war eine große Zusammenarbeit unter Freunden. Jeder hat das machen können, worauf er Lust hatte. Wenn jeder seine Leidenschaft einbringen kann, bekommt man ein interessantes Ganzes. Wenn jeder seine Freiheit hat, liefert er sein Bestes ab. Das ist meine Philosophie.

Sie haben auch ein Lied in französischer Sprache auf dem Album. Warum?
Ich weiß es nicht. Das hat sich so ergeben. Ich schrieb ein Lied auf der Gitarre und auf einmal kam der Text auf. Ich habe einen Freund gefragt, den Text nachzulesen, um sprachliche Fehler rauszuholen.

Was ist der große Unterschied zwischen Tim Vanhamel heute und Tim Vanhamel vor zwölf Jahren?
Keine Ahnung. Es ist schwer zu sagen. Ich genieße das Leben.

Viele Menschen um die 40 stellen sich die Frage: War das schon alles? Was kommt jetzt noch?
Diese Phase hatte ich vor zehn Jahren. Die ist vorbei.

Jetzt ist es besser.
Ja. Das Feuer brennt, aber anders als zuvor.

Ist Millionaire jetzt Ihre Hauptbeschäftigung oder bleiben die Nebenprojekte bestehen?
Ich weiß nie, was die Zukunft bringt.

Machen Sie wieder mit, wenn Magnus oder The Hickey Underworld anklopfen?
Ich glaube nicht. Wir werden sehen. Ich will mich jetzt auf eine Sache konzentrieren.

Als Mauro sich von dEUS verabschiedet hat, habe ich sofort an Sie als Ersatz gedacht. Sie sind ja schon mal bei dEUS eingesprungen. Hat Sie Tom Barman angehauen?
Ja, vor drei Jahren war das. Ich wusste schon lange, dass Mauro aufhören wollte.

Das interessierte Sie aber nicht?
Nein.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie beinahe Bassist bei Queens of the Stone Age geworden sind.
Das ist lange her. Nick Oliveri war gerade aus der Band geflogen. Da hat mich Josh Homme (Kopf der Band, A.d.R.) gefragt, ob ich Bass spielen will. Das war aber nicht das Riesending. Das war nur ein kurzer Moment. Die Medien stürzen sich natürlich auf so etwas. Ich hätte nach Amerika ziehen müssen. Und: Ich bin ein Gitarrist, kein Bassist. Ich hätte mit ihnen touren müssen.

Die Queens of the Stone Age waren bzw. sind für Exzesse bekannt. Sie haben zuletzt in einem Interview gesagt, dass sie nichts mehr trinken.
Ja, das stimmt. Wenn du jung bist, findest du das Rock’n‘Roll. Jetzt kann ich die Hangover nicht mehr ertragen. Ich hasse das.

Was sagen Sie Ihren Bandmitgliedern?
Das entscheiden sie selbst. Es ist nicht einfach im Leben, am Alkohol vorbeizukommen. Alkohol ist zu einem Bestandteil der Gesellschaft geworden.

Sie trinken nichts mehr. Sind Sie Straight Edge geworden?
Nein, nicht Straight Edge. Ich will keine Sklave der Frage sein: Darf ich oder darf ich nicht? Ich will das machen, was gut für mich ist.

Infos und Tourdaten gibt es hier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette, wenn Sie den Artikel kommentieren möchten.