Pilotprojekt: Der Flüchtling als Pflegehelfer

Ausbildung

Der Afghane Sina Abdolahi nimmt an einem Modellprojekt der Bundesagentur für Arbeit in NRW teil, bei dem Flüchtlinge zu Altenpflegern ausgebildet werden. | Foto: dpa

Sina Abdolahi war Schreiner, als er nach Deutschland kam. Dann nahm er an einem Modellprojekt für Geflüchtete teil. Jetzt arbeitet er nicht mehr mit Holz, sondern mit Menschen – in einem Beruf mit großer Personalnot.

Von Elke Silberer

Als Mann allein unter Frauen – manchmal fühlt sich dieser Beruf für Sina Abdolahi falsch an. Wie jetzt bei seinem Praktikum in einem ambulanten Pflegedienst in Heinsberg. „Manche wollen nicht von einem Mann gepflegt werden. Ich warte dann im Auto“, sagt der 22-Jährige, der ein freundliches Wesen und ein gewinnendes Lächeln hat, sichtlich geknickt. Aber er wolle ja nicht nur von einer Adresse zur anderen fahren. „Ich will arbeiten“, sagt der junge Afghane.

Abdolahi ist einer von rund 100 geflüchteten Menschen, die in einem Pilotprojekt von Bundesagentur für Arbeit und Land NRW zu Altenpflegehelfern ausgebildet werden. Eigentlich hatte er an dem Projekt „Care for Integration“ nur teilgenommen, um den Hauptschulabschluss nachzuholen –obwohl er als Ausländer im Iran nie eine Schule besuchen durfte.

In NRW kommen auf 100 freie Stellen in der Altenpflege 47 Bewerber.

Dass er dabei auch in den Pflegeberuf reinschnuppern sollte, war für ihn Nebensache. Bevor er 2015 nach Deutschland kam, hatte er jahrelang bei einem Schreiner gelernt. Er wollte in Deutschland wieder in seinem Beruf arbeiten – ursprünglich.

In Nordrhein-Westfalen kommen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit auf 100 freie Stellen in der Altenpflege 47 Bewerber. Die Altenpflege ist in NRW und in Deutschland der vom Fachkräftemangel am stärksten betroffene Beruf. Gleichzeitig waren im Juli 2018 landesweit rund 53.000 geflüchtete Menschen arbeitslos gemeldet. Für Land und Arbeitsagentur lag es nahe, diese an die Pflege heranzuführen.

„Das Projekt Care for Integration ist ein vielversprechender Ansatz sowohl zur Sicherung der Pflege als auch zur Integration von geflüchteten Menschen“, sagt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Die Initiative gibt es nach Angaben des Ministeriums zunächst an sieben Standorten in NRW, etwa in Düsseldorf, Köln und Münster. Anfangs habe es gegenüber muslimischen Männern Vorurteile gegeben, sagt Projektkoordinatorin Sinayumi Wagner: „Dass muslimische Frauen keine Männer pflegen könnten oder umgekehrt muslimische Männer keine Frauen. Wir haben von Anfang an die Karten auf den Tisch gelegt.“ Es gehe um eine Pflege unabhängig vom Geschlecht. Jeder Teilnehmer habe von vorneherein gewusst, worauf er sich einlasse. Anders als Abdolahi, der anerkannter Asylbewerber ist, seien einige Auszubildende in dem Projekt von Abschiebung bedroht gewesen, sagt Wagner.

Flüchtlinge können in den Jahren ihrer Ausbildung und bei bestandener Prüfung für zwei weitere Jahre im Betrieb bleiben.

Aber nach dem Hinweis auf die Ausbildung sei niemand abgeschoben worden. Ein Thema, das auch das Land beschäftigt hat.

Nach vielen Klagen aus Wirtschaft und Handwerk hatte NRW unlängst die Duldungsvoraussetzungen für geflüchtete Menschen in Ausbildung präzisiert. In einem Erlass heißt es: Flüchtlinge können in den drei Jahren ihrer Ausbildung und bei bestandener Prüfung mit Duldung für zwei weitere Jahre im Betrieb bleiben. Daran soll sich möglichst ein Aufenthaltsrecht anschließen.

Die Duldung gilt demnach auch für Helferberufe, die nur eine einjährige Qualifizierung haben. Sina Abdolahi hat seine Entscheidung längst getroffen: Er will weiter in der Pflege arbeiten. „Das ist ein menschlicher Beruf“, sagt er und lächelt. Später möchte er noch seine Fachausbildung machen. Mit Holz arbeitet der 22-Jährige auch noch manchmal – jetzt allerdings in seiner Freizeit. (dpa)

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