Outing für Anfänger: Schauspieler für PDS-Filmprojekt gesucht

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Die Schüler haben sich in Gruppen aufgeteilt - jeder hat eine bestimmte Aufgabe. | Foto: privat

Uwe Koeberich tanzt auf vielen Hoch­zeiten – und er findet immer wieder Gelegenheiten, Homo- und Bisexuellen in Ost­belgien Gehör zu verschaffen. Nun hat der 41-Jährige ein weiteres Projekt initiiert: ­Gemeinsam mit 21 Abiturienten der Pater-Damian-Schule (PDS) in Eupen realisiert er einen Kurzfilm zum Thema ­Outing. Anfang Mai sollen die Dreharbeiten starten. Noch fehlt es aber an Schauspielern.

Von Annick Meys

Tim steht auf Jungs – und irgendwie haben es alle in der Schule geahnt: Wie er sich bewegt, so feminin. Seine Art, sich auszudrücken, ist gewählt. Die meisten Mädchen schätzen ihn als guten Freund und Zuhörer. Und dann ist da noch Yannick mit seinem betont maskulinen Auftreten. Auch er liebt Männer, aber er würde es nicht zugeben. Niemals. „Tim ist der ‚Klischeeschwule‘. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er auf Männer steht“, erzählt Jonas Weber. Der 17-jährige Abiturient hat am Drehbuch mitgewirkt. „Yannick ist das komplette Gegenteil: Er ist der coole, sportliche Typ, der Frauenschwarm. Er hat eine feste Freundin und möchte sich seine Sexualität nicht eingestehen. Das zerfrisst ihn innerlich. Seinen Frust lässt er an Tim aus. Er macht ihm das Leben richtig schwer, stellt in bloß, ist gemein zu ihm.“

In einem Online-Forum für Schwule vertraut sich Tim einem anderen User an, erzählt ihm von den Demütigungen in der Schule. Was Tim nicht ahnt: Hinter seinem Chatpartner versteckt sich Yannick, der nun den Spiegel vorgehalten bekommt. Statt sein Verhalten zu überdenken, versinkt der Jugendliche weiter in einem Teufelskreis aus Selbsthass und Aggression. „Er kann einfach nicht aus seiner Haut. Er dreht sich im Kreis, wird immer unzufriedener und wütender. Aber dann spulen wir zurück und schreiben das Ende neu.“ Mehr möchte Jonas nicht verraten, nur, dass das alternative Ende dafür steht, wie die Geschichte im besten Fall hätte enden sollen – auch im wahren Leben.

Man denkt nicht darüber nach, solange man nicht damit konfrontiert wird.

Jonas Weber

Jonas gibt zu, sich vorher nie mit dem Thema Homosexualität und Outing auseinandergesetzt zu haben. Wozu auch? Es betrifft ihn ja nicht. Heute weiß er es besser: „Genau das ist ja das Problem. Man denkt nicht darüber nach, solange man nicht damit konfrontiert wird. Man ist sich nicht bewusst, wie schwer die Situation für Betroffene ist. Der Film soll die Leute sensibilisieren.“

Sich in die Situation und Gefühlswelt der Protagonisten hineinzuversetzen, sei beim Drehbuchschreiben das Schwierigste gewesen, erzählt Jonas: „Wie würde man selbst in der Situation reagieren? Das war nicht einfach. Wir waren ganz oft auf dem Holzweg. Uwe hat uns da sehr geholfen. Wenn einer weiß, wie sich Outing anfühlt, dann er.“ Inzwischen sei die Story rund. Nur an den Dialogen müsse noch ein wenig gefeilt werden.

Seit Januar arbeiten die Schüler im Rahmen des Multimedia-Unterrichts an ihrem Kurzfilm-Projekt. Je eine Doppelstunde in der Woche. Die Aufgaben sind klar verteilt: Drehbuch, Auswahl der Schauspieler, Kamera, Schnitt und Social-Media-Präsenz (hier geht es zur Facebook-Seite). Sidney Glagla kümmert sich unter anderem um die Auswahl der Schauspieler. „Es ist wirklich schwer, jemanden zu finden“, bedauert die 17-Jährige. Bislang sind die beiden Hauptrollen nicht besetzt. Außerdem sind noch einige Neben- und Statistenrollen zu vergeben. „Nicht jeder Schauspieler eignet sich für jede Rolle“, erklärt Sidney. Er müsse dem Rollenprofil entsprechen, vor allem optisch: „Yannick ist groß, gutaus­sehend und hat eine sportliche Figur. Tim ist schmal und feminin. Beide sind etwa 18 Jahre alt.“ Die Schüler haben bereits einige Theatergruppen angeschrieben, in der Hoffnung, es lasse sich jemand Geeignetes finden.

Uwe Koeberich steht den Schülern beratend zur Seite.
Uwe Koeberich steht den Schülern beratend zur Seite. | Foto: privat

Auch aus den eigenen Reihen: Zurückhaltung. Marino Mohrfeld hat nichts gegen Schwule. Aber einen spielen, möchte er auch nicht. Warum? Der 17-Jährige druckst herum, aber er ist immerhin der einzige, der überhaupt einen Erklärungsansatz liefert: „Das erfordert schon gewisse schauspielerische Qualitäten, wenn man das richtig rüberbringen will.“ Außerdem sei es „zeitlich schwierig“, der ganze Abistress und dann noch haufenweise Text auswendig lernen. Schließlich rückt Marino doch noch mit der Sprache heraus. Er befürchtet, andere könnten denken, er sei tatsächlich schwul. Darauf möchte er es nicht ankommen lassen. Seine Mitschüler sehen das genauso.

Uwe Koeberich, der für sein Engagement für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queere bekannt ist und das Filmprojekt begleitet, hat sich das alles einfacher vorgestellt: „Ich dachte, wenn weder Händchen gehalten, noch liebkost wird, wäre es leichter, die Rollen zu besetzen. Da lag ich falsch.“ Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Das beweist aber, wie wichtig es ist, die Leute zu sensibilisieren. Man hat nichts gegen Homosexualität, man möchte aber auch nicht unbedingt damit in Verbindung gebracht werden.“

Am 22. April findet im Alten Schlachthof in Eupen ein Casting für interessierte Schauspieler statt.

„Es stimmt“, sagt Marek Mackels. „Wir haben das Thema unterschätzt.“ Der 17-Jährige findet es wichtig, dass darüber gesprochen wird. Die Liebe zwischen Mann und Frau sei irgendwie selbstverständlich, deswegen diese „Engstirnigkeit“. Er selbst hat „kein Problem damit“: „Ich kenne einige, die schwul sind. Das sind ganz normale Leute. Die sind cool drauf. Aber man hat einfach keine Vorstellung, wie es in den Leuten drin aussieht und welche Last sie tragen.“ Marek steht lieber hinter, als vor der Kamera. Er kann es kaum erwarten, wenn es endlich ans Eingemachte geht. Das technische Equipment stellt die Schule zur Verfügung. Drei Tage, vom 3. bis 6. Mai, sollen die Dreharbeiten dauern. Anschließend muss der Film noch geschnitten werden. Länger als zehn Minuten soll er auf keinen Fall werden.

Der Kurzfilm, dessen Titel noch nicht feststeht, wird online sowie im Eupener Cinema und im Apollo in Aachen zu sehen sein – und ist er gut genug, auch beim Christopher Street Day (CSD) in Köln.

Wer Interesse hat und das nötige schauspielerische Talent mitbringt, kann sich per Mail an spectrumostbelgien@gmail.com für eine Rolle im Kurzfilm bewerben. Das Casting findet am 22. April von 16 bis 18 Uhr im Kulturzentrum Alter Schlachthof in Eupen statt.

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