Tihange, bei Aachen

Kommentar

Das Atomkraftwerk Tihange

Atomenergie ist gefährlich, das bestreitet niemand. Im betrieblichen Sicherheitstraining lernt man, dass es besser ist, Gefahren erst gar nicht zuzulassen, als zu versuchen, diese zu beherrschen. Ein Kommentar.

Von Marc Komoth

Da gibt es das klassische Beispiel des bösen Löwen, den man besser erst gar nicht in seine Nähe lässt, anstatt ihn mit Käfig, Maulkorb oder anderen Hilfsmitteln bändigen zu wollen.

Nun ist Atomkraft ein besonders böser (belgischer) Löwe. Bei einem Unfall wären die Auswirkungen schwer und würden weit reichen. Weil Strahlung nicht an Grenzen aufhört, liegt Tihange auf einmal „bei Aachen“. Und die belgischen Reaktoren werden im Grenzland zum Reizthema. Emotionen kochen hoch. Es gibt sie auf einmal wieder: „die Belgier“ und „die Deutschen“.

„Der Belgier“ würde bei seiner Energieversorgung auch lieber nur auf Sonne oder Wind setzen. Auch in Belgien wurde der Ausstieg aus der Atomenergie grundsätzlich beschlossen, doch hält man das Risiko von Atomenergie (noch) für kalkulierbar. Der Belgier glaubt daran, dass seine Käfige und Maulkörbe sicher genug sind, den bösen Löwen im Zaum zu halten.

„Der Deutsche“ hingegen geht auf die Barrikaden und organisiert den Protest – mit aller Gründlichkeit. Nicht etwa gegen das, was im eigenen Land schief läuft – so als ob es da nichts gäbe… Nein, deutsche Medien und Politik schimpfen über die „maroden belgischen Bröckelreaktoren“ – so als würde in Tihange der Zement herunter rieseln.

Und „der Ostbelgier“ ist irgendwo dazwischen. Wir liegen halt nicht nur geografisch zwischen Tihange und Aachen. Wir nehmen zur Kenntnis, wie in der belgischen Berichterstattung die aktuell aufgetauchten neuen Risse im Reaktorbehälter von Tihange nur auf eine veränderte Kameraposition zurückgeführt werden, wie sie hingegen auf deutscher Seite Anlass für neue „Bröckel“-Tiraden sind. „Diese neuen Risse kommen für uns zu einem guten Zeitpunkt“, so hörte man dieser Tage fast erfreut von den Organisatoren der Anti-Tihange-Menschenkette. Schon wieder ein Bericht in der Tagesschau, den man diesseits der Grenze als besserwisserisch und überheblich empfindet.

Deutsche Überheblichkeit mit Blick auf den kleinen Nachbarn ist etwas, das man hierzulande nicht mag, und deshalb hängen viele auch grundsätzlich keine „deutschen“ Atomenergie-Protestplakate auf, auch wenn sie eigentlich ebenfalls für die Schließung von Tihange sind.

Liebe belgische Landsleute, wenn ihr am 25. Juni Zeit habt, nehmt doch teil an der Menschenkette. Und sei es nur, damit die Deutschen, die auf den sechs Kilometern ihres Kettenabschnittes nicht alle Platz finden werden, auf den 45 Kilometern in unserem Land genügend Belgier finden, denen sie bei der „Kettenreaktion“ die Hand reichen können.

 

  1. Herr Komoth verwendet hier Strategien wie man seit Jahrhunderten Völker gegeneinander aufwiegelt. Die Deutschen, die Belgier damit grenzt er bewusst ab und erzeugt Feindbilder. So soll der Widerstand gegen Tihange diskreditiert werden. Peinlich und durchschaubar Herr Komoth. Der Protest richtet sich gegen einen skrupellosen Betreiber und eine ebenso skrupellose Atomaufsicht. Es ist lächerlich und unverschämt dies zu verallgemeinern. Wenn es Grenzen gibt, dann nur in der Frage der Profiteure dieses perfiden Spiels und seinen potentiellen Opfern. Radioaktive Strahlung wird uns alle gleich treffen. Herr Komoth bin auf Ihren Kommentar gespannt, wenn der Fall eintritt der hoffentlich niemals eintritt.

  2. Sehr geehrter Herr Komoth,
    zu drei der von Ihnen angeführten Punkte möchte ich gerne Stellung nehmen:
    1. Sie weisen darauf hin, dass der Protest gegen das Kernkraftwerk Tihange in Belgien vielfach als besserwisserische und überhebliche Einmischung gesehen wird. Das ist sehr schade, denn die allermeisten Menschen hier in der Region (Deutsche, aber auch Niederländer!) haben keinerlei belehrenden oder überheblichen Absichten und bedauern sehr, wenn sie so wahrgenommen werden. Wir sind einfach nur sehr besorgt und verzweifelt, dass wir und unsere Kinder einer derartigen Gefahr ausgesetzt werden und dass alle Proteste ins Leere laufen, und wir sind fassungslos und zornig auf Electrabel und die belgische Atomaufsicht FANC, deren Verhalten wir als absolut verantwortungslos wahrnehmen.
    2. Sie werfen die Frage auf, ob „die Deutschen“ statt gegen das Kernkraftwerk Tihange nicht gegen Missstände in Deutschland vorgehen sollten. Sehr viele Menschen in Deutschland tun genau das und engagieren sich auch hierzulande sehr stark – für Flüchtlinge, gegen soziale und politische Missstände, für die Umwelt, auch gegen den Braunkohlentagebau… Aber: Eine nüchterne Risikoanalyse zeigt, dass die Kernreaktoren Tihange 2 und Doel 3 die allergrößte vermeidbare Gefahr für uns und unsere Heimat darstellen. Das kann man leider nicht einfach ignorieren. Und wieder: Bitte vergessen Sie nicht die Niederländer, die auch betroffen sind.
    3. Sie stören sich am Wort „Bröckelreaktoren“. Das verstehe ich, der Begriff ist plakativ und unglücklich gewählt, da er auch vom eigentlichen Problem ablenkt. Es geht ja darum, dass die Druckbehälter der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 viele Haarrisse aufweisen, deren Ursache nicht verstanden ist und die die Sicherheit der Reaktoren gefährden. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die belgischen Kernreaktoren eine der höchsten Pannenhäufigkeiten weltweit aufweisen und dass Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden mussten, die es sonst nur in der 2. und 3. Welt gibt (Stichwort „vorgewärmtes Kühlwasser“). Es sind alte Reaktoren, die nach dem Willen von Electrabel jetzt noch ohne weitere Investitionen möglichst viel Geld verdienen sollen.
    Und noch etwas: Natürlich könnten die neuen Risse im Druckbehälter „eventuell“ nur auf eine neue Kameraposition zurückzuführen sein, aber genau weiß das eben keiner. Wenn man wirklich wissen will, ob die Rissanzahl zunimmt oder nicht, darf man nicht immer an verschiedenen Stellen oder mit verschiedenen, nicht vergleichbaren Methoden messen – das ist nicht seriös, sondern eher Vernebelungstaktik! Nicht umsonst hat die FANC Electrabel verpflichtet, Ergebnisse für den ganzen Druckbehälter vorzulegen.
    Ich denke, der Ansatz „Deutsche gegen Belgier (oder anders herum)“ entspricht nicht dem, was die große Mehrheit der Bevölkerung will, und so kommen wir auch nicht weiter. Tihange ist eine Gefahr für uns alle!

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. G. Lüttgens, Aachen

  3. Sehr geehrter Herr Komoth,

    sicherlich gefällt es nicht jedem in Belgien, dass sich „die Deutschen“ zum Thema Risiko der Atomreaktoren Tihange 2 und Doel 3 äußern. Es ist ja richtig, dass hier bei uns auch vieles schief läuft; aber ich kenne keinen deutschen Vorgang, der „die Belgier“ bedrohen könnte. Die deutsche „Gründlichkeit“ beim Protestieren gegen eine objektiv vorhandene Gefährdung unseres Lebenraumes ins Lächerliche zu ziehen – das ist m. E. überheblich.
    Mehr Gründlichkeit und Logik würden wir uns bei den Informationen zu den Vorfällen und Untersuchungsergebnissen in Tihange wünschen; während die Ostbelgier nur zur Kenntnis nehmen, dass man offenbar schon vorhandene Risse erst jetzt entdeckt (also bei den vorherigen Untersuchungen nicht gesehen hat), ist diese Meldung für uns eine weitere Bestätigung der Unsicherheit.
    Und warum man vorsichtshalber in Belgien schon mal Kaliumjodid-Tabletten verteilt, obwohl die Reaktoren doch so sicher sind, kann mir niemand erklären!!
    Oder können Sie das, Herr Komoth?

  4. zusätzlich zu diesen drei guten Kommentaren noch dieses:
    Ich lebe 700 m von der belgischen Grenze in Aachen-Sief, lebte ich in Raeren, würde Herr Komoth mir aber wohl auch nicht mehr recht gegen Tihange zu protestieren zusprechen, weil ich eben Deutsche bin . Aber:
    Es ist ein NATURRECHT, sich gegen Bedrohungen von Leben und Gesundheit zu wehren! Wir aktiven Atomkraftgegner/innen haben das seit Jahrzehnten gemeinsam über Grenzen hinweg getan: angefangen mit dem gemeinsamen Kampf der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen gegen das AKW Wyhl (D) und das Bleichemiewerk Marckolsheim (F), über Beteiligung dänischer Atomkraftgegner/innen an den AKW-Bauplatzbesetzungsversuchen in Brokdorf an der Unterelbe, sowie die Beteiligung niederländischer AKW-Gegner/innen an der letztendlichen Verhinderung des Schnellen Brüters Kalkar am Niederrhein und solcher aus Österreich an der Verhinderung der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in Bayern, bis schließlich zu den nach Fukushima wieder verstärkten Kämpfen gegen die AKWs in den Dreiländerecken F/Lux/D – Cattenom – , als auch in dem hiesigen. Das Stop-Tihange Bündnis ist von vornherein als 3-Länderbündnis konzipiert worden, seit sich die flämische „11 maartbeweging „angeschlossen hat, ist es ein „Stop Tihange und Doel!“ Bündnis, und die neue wallonische Organisation Findunucléaire, auf deren Webseite Herr Komoth sich wirklich einmal begeben sollte, beteiligt sich ebenfalls an der Oranisation der Menschenkette.
    Wann darf man eigenlich demonstrieren?:
    Wenn wir in Deutschland in kalten Kriegszeiten gegen Atomraketen, Atomkraft oder sonstige Übels demonstrierten, hieß es oft genug „geht doch rüber!“. Wenn wir Häuserabrisse und Schicksanierung in Aachen anprangerten, hieß es „ihr seid doch bloß Studenten und keine echten Aachener!“.
    Und jetzt sollen wir schweigen bei der Gefahr durch einen keine 70 km entfernten, in Hauptwindrichtung liegenden Reaktor, den die belgische Atomaufsicht schon hatte abgeschalten lassen und dessen Wiederanfahren sienur unter Auflagen erlaubt hat, die wie ihr Vorsitzender Bens anmahnt, immer noch nicht erfüllt worden sind? Wir sollen, wegen einer Staatsgrenze, die in unzähligen, EU-bestimmten Bereichen des täglichen Lebens überhaupt keine Rolle mehr spielt, darauf verzichten, uns unserer Haut zu wehren?
    Auf der Mosel protestieren deutsche und französische AKW-Gegner/innen gerade gegen die ständigen Urantransoprte von Pierrelatte nach Gronau.
    An der Weser kämpfen die AKW-Gegner/innen für die Stillegung des AKW Grohnde das defekte Drosselkörper hat und in Bayern für die des ebenfalls pannenträchtigen AKWs Grundremmingen, die in Baden -Würtemberg protestieren gerade gegen einen völlig überflüssigen Castortransport auf dem Neckar vom stillgelegten AKW Obrigheim nach Neckarwestheim. (Dieses AKW läuft noch wie 7 andere in Deutschland, deren Stillegung nicht erst 2022 wir ebenfalls fordern, aber WIR LEBEN SCHLIESSLICH HIER!
    Wir haben schon kurz nach Bekanntwerden der Brennelementexporte aus dem niedersächsischen Lingen deren Stopp gefordert, es gab Demonstrationen und sogar Blockaden dort und wird sie wieder geben. Ebenso verlangen wir die Stillegung der Urananreicherungsanlage im münsterländischen Gronau, wo die letzte von ungezählten Demonstrationen am Karfreitag stattfand. Wagen Sie, uns Inkonsequenz vorzuwerfen?!
    Hören Sie doch auf, veraltete, nationalistische Denkschemata zu bedienen. die großen Herren, auch die der Atomindustrie, klüngeln schon immer miteinander.
    Strahlung kennt keine Grenzen, unser Widerstand auch nicht!
    Le nucléaire ne connaît pas de frontières, notre résistance non plus!
    Straling kent geen grensen onze verzet ook niet!

    Anke-Martina Haase, AKW-NEE-Gruppe Aachen, gegründet 1977

  5. Es ist ein undifferenzierter und oft unsachlicher Propagandakrieg der hier von begnadeten politischen Agitatoren a la Schellenberg betrieben wird – und ebenso undifferenziert stelle ich fest, dass Deutsche es offenbar überhaupt nicht ertragen können wenn in Europa was nicht so läuft wie sie das gerne hätten. Davon können die meisten Europäischen Nachbarländer ein Lied singen. Das Thema ist dabei völlig beliebig.
    Und im übrigen bin ich dafür, das Belgien einen geordneten Atomaustieg vollziehen sollte und freue mich dass der Belgische Innenminister Jan Jambon sich von dem deutschen Druck nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette, wenn Sie den Artikel kommentieren möchten.